Konfetti für Madame

10. November 2013 – Zeitonline – Im Iran gelten die heiligen Krieger des Volkes als der größte Gegner des Regimes. Der Führer der Bewegung ist verschollen, seiner Frau wird gehuldigt. Gehört den Volksmudschahedin die Zukunft? Erkundungen in Berlin und Paris von Ulrich Ladurner und Sahar Sarreshtehdari

Das iranische Regime hat viele Gegner, einer behauptet, der größte zu sein: die Volksmudschahedin, also die „heiligen Krieger des Volkes“.

Mohammed Moschiri, ein im deutschen Exil lebender iranischer Sympathisant, behauptet von ihnen: „Die Volksmudschahedin haben ein Programm, sie haben Strukturen, sie haben Anhänger, und sie haben eine Geschichte.“ Wenn das Regime in Teheran eines Tages falle, dann könnten sie die Regierung übernehmen, sagt er. Sie seien darauf vorbereitet.

Was sind das für Leute?

Berlin, Brandenburger Tor, Herbst 2013

Ein windiger Oktobertag. Rund 40 Menschen haben sich hier versammelt. Sie schwingen grün-weiß-rote Fahnen, in deren Mitte eine goldener Löwe abgebildet ist. Die Demonstranten tragen gelbe Westen, um den Hals ein Schild mit der Aufschrift „Hungerstreik“, auf Deutsch und auf Farsi. Auf vielen Plakaten ist ein Mann mit Schnauzbart abgebildet: Massud Radschawi, Ikone der Volksmudschahedin. Seine Anhänger verehren ihn wie einen Heiligen. Dabei sind ihm die meisten noch nie begegnet. Er gilt seit rund 25 Jahren als verschollen im Irak. Massud Radschawi ist mit ziemlicher Sicherheit tot. Die Volksmudschahedin glauben trotzdem, dass der Führer eines Tages wieder erscheint und die Bewegung anführen wird.

Autorität durch Abwesenheit. Das ist ein zentrales Motiv in der Kultur iranischer Schiiten. Sie glauben, dass ihr Messias, der zwölfte Imam, im Verborgenen lebt und mit seiner Rückkehr die Welt erlösen wird. Dieses religiöse Motiv kommt auch in der Verehrung Radschawis zum Vorschein. Das würden die Volksmudschahedin freilich nie sagen, sie bezeichnen sich als säkulare Kraft. Für das Regime in Teheran sind sie „schlimmer als Ungläubige“. Wohl auch, weil sie einem Menschen wie Radschawi geradezu göttlichen Status zusprechen.

Die Volksmudschahedin kämpften bereits in den sechziger Jahren gegen die Diktatur des Schahs. Während der Revolution des Jahres 1979 schlossen sie ein Zweckbündnis mit den Anhängern des Ajatollah Chomeini. Doch kaum war der Schah gestürzt, entbrannte zwischen den Volksmudschahedin und den Mullahs ein Machtkampf, der von beiden Seiten mit brutaler Härte geführt wurde. Tausende starben.

Im Jahr 1985 marschierte Radschawi mit seinen Kämpfern in den Irak ein. Saddam Hussein führte damals seit fünf Jahren Krieg gegen den Iran. Dass die Volksmudschahedin nicht an der Seite des Iraks gekämpft hätten, glauben ihnen ihre Landsleute nicht. Und wegen der Zusammenarbeit mit Saddam landeten die Volksmudschahedin auf der Terrorliste der EU und der USA. „Wir haben nie Zivilisten angegriffen und niemals außerhalb des Irans Aktionen verübt“, sagt Dschawad Dabiran, Pressesprecher der Volksmudschahedin. „Außerdem sind alle unsere Anhänger 2003 entwaffnet worden.“ Inzwischen wurden sie von der Terrorliste wieder gestrichen.

Den Demonstranten in Berlin geht es um das Schicksal ihrer 3000 Kameraden, die immer noch im Irak leben. Sohreh hat im Iran als Anwältin gearbeitet, sie wohnt seit zwölf Jahren in Deutschland und sagt: „Wir brauchen Hilfe und Unterstützung. Warum interessiert sich niemand für uns? Wie viele sollen denn noch sterben?“ Ihre Freundin Mitra sei am 1. September zusammen mit weiteren 51 Iranern im Camp Aschraf getötet worden. Irakische Truppen seien in das Lager eingefallen und hätten das Massaker angerichtet. Und sie hätten sieben Bewohner verschleppt. Die Angriffe auf Camp Aschraf dienten nach Ansicht der Volksmudschahedin der Abschreckung: Seht her, das geschieht mit allen, die sich der Organisation anschließen! Über die Zahl der Anhänger im Iran lassen sich allerdings keine Angaben machen. In Deutschland leben vielleicht 900.

Aus dem Camp Aschraf wurde der Großteil der Volksmudschahedin unter Vermittlung der Amerikaner vor einiger Zeit in ein neues Lager im Irak verbracht, es heißt Camp Liberty, ausgerechnet; auch dort sehen sich die Kämpfer von der irakischen Armee bedroht.

„Das Wichtigste ist jetzt, dass die sieben Geiseln freikommen“, sagt Sohreh. Sie hat Angst, die irakische Regierung liefere ihre Freundin an den Iran aus. Am Brandenburger Tor sind die Bilder der in Aschraf Ermordeten aufgestellt, die meisten von ihnen Männer. „Ich würde für einen freien Iran sterben. Ich kämpfe bis auf den letzten Tropfen Blut. Ich opfere mich für die Zukunft des Irans“, so sprechen die Demonstranten in Berlin. Das hat mit dem metaphorischen, emotionalen, zur Übertreibung neigenden persischen Sprachgebrauch zu tun, doch inmitten der Fotos der Getöteten bekommen solche Worte eine anderen Klang.

Paris-Nord, Juni 2012

Maryam Radschawi ist die unbestrittene Führerin der Volksmudschahedin – jedenfalls so lange, bis ihr Mann wieder erscheint. Die Volksmudschahedin haben zum Kongress in Paris-Nord geladen. Zehntausende sollen kommen. Wir treffen zunächst auf eine große Anzahl von Deutschrussen, die in Scharen zu der riesigen Veranstaltungshalle des Kongresszentrums pilgern. Ein französischer Sicherheitsmann staunt: „Was haben Russen denn mit den Iranern zu tun?

“ Die Antwort lautet: „Nichts!“

Die Volksmudschahedin umgibt oft etwas merkwürdig Schillerndes, Schattenhaftes, Verwirrendes. Tatsächlich sind Zehntausende dem Aufruf nach Paris gefolgt. Allein 850 Busse sollen aus Deutschland gekommen sein. Die Halle 5 des Kongresszentrums bietet 80.000 Menschen Platz. Als die Veranstaltung beginnt, ist die Halle dicht gefüllt. In einer Gesellschaft, die den Wert einer Sache nach dem Grad der Aufmerksamkeit misst, ist das ein großer Erfolg. Neben Hunderten Deutschrussen reihen sich Polen, Engländer, Spanier – halb Europa scheint hier versammelt zu sein. Die Fahrt nach Paris habe sie 20 Euro gekostet, sagen sie, plus Übernachtung. Das sei nun einmal sehr, sehr attraktiv. Besonders für jemanden, der noch nie in seinem Leben in Paris gewesen sei. Den Nachmittag bei den Iranern, den nimmt man halt in Kauf.

„Sind Iranerrrr hier? Wirklich, echte Iranerrr?“, fragt ein Deutschrusse mit einer vom Alkohol schon schweren Zunge. Nun, es sind Flaggen zu sehen: iranische, syrische, kurdische. Und gewiss gibt es viele unter den Zehntausenden, die aus aufrichtigem Engagement gekommen sind. Es existieren gute Gründe, eine iranische Oppositionsgruppe zu unterstützen. Gleichwohl, ein genauerer Blick auf die Großveranstaltung fördert einiges zutage.

Auf der rechten Seite der Bühne ist eine Art Schrein aufgebaut. Eine meterhohe Bildtafel mit den Toten der Volksmudschahedin, geschmückt mit Blumenkränzen und brennenden Kerzen. Daneben stehen in makellos weiße Anzüge gekleidete junge Männer und Frauen und halten die iranische Flagge. Ihre Gesichter sind ernst.
„Sind Sie Iraner?“ – „Nein, Franzose!“ – „Warum halten Sie hier Totenwache?“ – „Man bezahlt mich.“ – „Wer bezahlt Sie?“ – „Das weiß ich nicht!“

Seltsam. Wo kommt das Geld für diese gigantische Veranstaltung her? Und wo sind bloß die Iraner? In den ersten Reihen, wenige Meter von der Bühne, stehen sie zu Dutzenden. Sie halten Plakate von den Führern der Bewegung hoch. Alles wartet auf Frau Radschawi, die in wenigen Minuten kommen wird. Die Musik schwillt an. Konfettiregen geht auf das Publikum nieder.

Maryam Radschawi schreitet langsam die Reihen ab, umringt von hartgesichtigen Leibwächtern. Sie lächelt nach links und nach rechts, sie nickt in alle Richtungen und bahnt sich Hände schüttelnd den Weg zur Bühne. Noch einmal brandet der Applaus auf, dann setzt Radschawi, hinter einem gläsernen Pult stehend, zur Rede an.

Die Inszenierung wirkt. In den französischen Abendnachrichten landet die Veranstaltung der Volksmudschahedin ganz vorne. Öffentliche Aufmerksamkeit ist das Hauptziel dieser gewaltigen Kulissenschieberei in Paris-Nord. Dazu dient auch der Aufmarsch einer ganzen Reihe von Prominenten: Der ehemalige EU-Kommissar Günter Verheugen (SPD) und die langjährige Bundestagspräsidenten Rita Süssmuth sind da. Sie hält eine Rede, in der sie sich für die Menschen in Aschraf einsetzt.

Berlin, Oktober 2013

Wir treffen Rita Süssmuth in Berlin. Sie ist empört über den jüngsten Überfall, ihr Mitgefühl gilt den Geiseln und den im Camp Liberty Verbliebenen. Sie setzt sich für deren Verlagerung in sichere Drittländer ein, 46 sind mittlerweile in Deutschland angekommen. Gibt Deutschland damit Terroristen Asyl? Süssmuth schüttelt den Kopf. „Das sind keine Terroristen, das sind keine gefährlichen Menschen. Ich behaupte nicht, alles über sie zu wissen. Trotzdem bleibt dieser humanitäre Schutz – das sind ja alles Menschen mit elementaren Menschenrechten.“

Es besteht kein Zweifel daran, dass die Bewohner des Camps aus ihrer Not gerettet werden müssen. Es handelt sich gemäß der Genfer Konvention um „geschützte Personen“. Wer sich für sie einsetzt, muss die Politik ihrer Organisation nicht unterstützen. Beides muss man auseinanderhalten. Besonders dann, wenn die Volksmudschahedin mit ihrem Kampf für die Bewohner des Camps die eigenen Ziele befördern wollen.

Am Brandenburger Tor flehen die Anhänger der Volksmudschahedin um Aufmerksamkeit. Denn die brauchen sie, um ihren sieben entführten Kampfgenossen im Irak zu helfen. Auf der anderen Seite des Tors hungern Flüchtlinge, die um Asyl in Deutschland bitten. Über ihr Kollabieren berichten Medien ausführlich. Die Volksmudschahedin hingegen bleiben unbeobachtet. Parwin, eine der Demonstrantinnen, ist darüber erbost. „Die anderen, die da drüben, sind vom iranischen Regime geschickt worden, um uns an die Seite zu drängen!“

So geht es in ihr zu, in der Gedankenwelt der Volksmudschahedin.

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