10 Interviews mit Flüchtlingen, 10 Lebensgeschichten – Teil 2: „Die Heime hier sind so schlimm … man wird hier verrückt“

Patrick Kulow – 30.11.2014 – l-iz.de – Im Interview: eine 1977 geborene Frau aus dem westafrikanischen Ghana. 2004 flieht die damals 27-Jährige aus politischen Gründen aus ihrem Heimatland und will zu ihrem Mann nach Deutschland, nach Hamburg. Sie wird aber in einem Flüchtlingsheim im Landkreis Leipzig untergebracht. 2011 bekommt sie ein Kind und lebt seitdem mit ihrem Sohn in einem 11-m²-Zimmer in einer Gemeinschaftsunterkunft südlich von Leipzig. – Genauso unterschiedlich, wie "wir Deutschen" sind, genauso unterschiedlich sind auch "die Flüchtlinge", die immer nur als eine Masse gesehen werden. Ein Blick in das Leben einzelner Asylsuchender, in ihre Erlebnisse, ihre Ängste, ihre Sorgen.

Warum bist du nach Deutschland gekommen? Wolltest du gezielt nach Deutschland oder in ein anderes Land in Europa?

Ich hatte Probleme mit der Politik in Ghana. Eigentlich wollte ich nach England, wegen der Sprache. Aber hier ist es schwer für mich wegen der Sprache.

Was vermisst du von deinem Leben in Ghana am meisten?

Viel. Am meisten vermisse ich meine Familie. Meine Eltern und Freunde sind alle noch Ghana.

Was war dein Eindruck von dem Asylheim?

Schlimm. Ein Zimmer für vier Leute. Wenn du zum Doktor gehen willst, musst du alles selber bezahlen. Es gibt keine Hilfe von der Ausländerbehörde oder vom Sozialamt. Wir bekommen so wenig Geld und müssen alles selber bezahlen. Damals gab es noch Magazinversorgung. Das Essen war so teuer. Zum Beispiel Brötchen: Im Kaufland bezahlst du 0,35 € und im Magazin bezahlte man für die gleichen Brötchen 0,99 €.

Wie war es für dich, beim Bundesamt über dein Leben und deine Fluchtgründe zu sprechen?

Es war sehr schwer. Die Frau hat alles gefragt. Warum bist du hier? Warum nach Deutschland? Warum kein anderes Land? Die Fragen waren sehr privat.

Was ist derzeit dein größtes Problem?

Ich habe in Deutschland ein Baby bekommen und mein Mann hat deutsche Papiere. Mein Baby ist jetzt 16 Monate alt und wir sind im Heim. Das Standesamt will mir keine Geburtsurkunde geben. Sie sagen, sie müssen erst meine Papiere prüfen, da diese ja gefälscht sein könnten. Ich habe alles gegeben. Meine Original Geburtsurkunde und meinen Reisepass und die Frau hat gesagt, die Überprüfung dauert 3 Monate und kostet 500 €. Wie soll ich das bezahlen? Ich bekomme 40 € Taschengeld. Das Geld habe ich mir geliehen. Auch den Dolmetscher mussten wir selber bezahlen 80 €, die Übersetzung meiner Papiere 50 € und bis jetzt habe ich nichts bekommen. Ich warte schon 9 Monate. Mein Kind kann nicht länger hier im Heim aufwachsen.

Jetzt lebst du in einem anderen Asylheim, wie ist das Leben hier?

Ich lebe mit meinem Sohn in einem kleinen Zimmer. Vielleicht 11 m². Mein Sohn kann jetzt laufen und hat keinen Platz. Das ist nicht gut. Wir sind auch Menschen und keine Tiere. Die Heime hier sind so schlimm. Die Zimmer voll mit Kakerlaken.

Denkst du, dass die Unterbringung im Asylheim negative Auswirkungen auf die Entwicklung deines Kindes hat?

Ja. Ein Zimmer mit einem kleinen Kind. Er hat keinen Platz zum Laufen und Spielen. Der Papa wohnt in Hamburg und wir dürfen ihn nur mit Urlaubsschein besuchen. Ein Kind braucht seinen Papa. Wenn ich keinen Urlaubsschein schreibe, muss ich hier bleiben. Immer brauchen sie alle Papier. Für den Urlaubsschein muss er eine Einladung schreiben und seinen Pass kopieren. Jedes mal aufs Neue. Ich bekomme dann vielleicht eine Woche Urlaub. Danach muss ich wieder zurück ins Heim. Das ist so schlimm.

Welche Probleme hast du mit den Gutscheinen?

Wenn ich zum Beispiel für 7 € etwas kaufe und mit einem 10 € Gutschein bezahlen möchte, diskutieren sie mit mir und wollen mir das Geld nicht zurückgeben. Wir wollen mit Geld und nicht mit Gutscheinen bezahlen, wie alle. An der Kasse gucken alle Leute. Was ist das? Was ist das? Man braucht immer viel Zeit, weil man alle Gutscheine unterschreiben muss. Und dann gucken die Leute. Ich darf auch nicht überall mit den Gutscheinen bezahlen. Kaufland und LIDL – woanders nicht.

Von wem bekommst du in Deutschland Hilfe?

Wir müssen alles alleine machen. Niemand hilft uns. Niemand kommt und fragt, ob wir Hilfe brauchen. Wir haben so viele Probleme. Wir verstehen die Briefe nicht. Das Deutsch ist schwer. Den Arzt verstehen wir auch nicht. Den Einkauf kann ich nicht alleine tragen, weil ich ein Baby habe. Ich kann aber auch nicht jeden Tag kleine Einkäufe machen, weil ich jedes mal den Bus bezahlen muss und kein Geld habe.

Wie hast du Deutsch gelernt?

Ich habe im Heim gelernt – Straßendeutsch. Hier darfst du nur bis 27 Jahren zur Schule. Das Sozialamt sagt zu mir, für mich ist Schule verboten.

Fühlst du dich auf Grund deiner dunklen Hautfarbe in Deutschland diskriminiert?

Viel. Viel. Viel. Ich komme aus Ghana und habe eine schwarze Hautfarbe – ich bin auch Ausländer. Auf der Straße gucken mich die Leute immer an. Dann sage ich "Hallo" zu ihnen und sie gucken böse. Ich bin ein normaler Mensch.

Wie sieht dein Tagesablauf aus?

Immer früh aufstehen. Es ist immer laut und ich kann nicht schlafen. Die Leute hier haben viel Stress. Eigentlich bin ich den ganzen Tag in meinem Zimmer. Manchmal gehe ich mit meinem Sohn spazieren. Das Leben hier ist sehr stressig. Hier ist ein kleines Dorf und du kannst nirgendwo hingehen.

Du bekommst für dich und deinen Sohn 62 € Bargeld im Monat, was musst du davon alles bezahlen?

Wenn ich zum Arzt oder zur Behörde gehe, muss ich immer das Busticket bezahlen. Mit den Gutscheinen darf man nur Essen kaufen. Möchte man sich mal etwas Schönes kaufen, hat man kein Geld. Auch meinen Anwalt muss ich bezahlen. Das Geld reicht einfach nicht.

Welches Sondergesetz ist für dich am Schlimmsten?

Es ist alles schwer. Du musst immer im Heim bleiben. Niemand kann den ganzen Tag auf seinem Zimmer bleiben. Man muss mal raus, was anderes sehen. Für uns ist das verboten. Wenn du nach Leipzig gehst und die Polizei kommt, muss man eine Strafe bezahlen. Man wird hier verrückt.

Ist die gesundheitliche Versorgung für dich ausreichend?

Sie ist gut, aber für Asylsuchende ist sie anders. Als ich schwanger war, bin ich mehrmals zum Arzt gegangen und habe gesagt, ich brauche Vitamine. Die Frau hat immer nein gesagt, weil sie meinte, so etwas steht uns als Asylbewerber nicht zu und wird für uns nicht bezahlt. Als ich dann das Baby bekommen habe und bei der Nachuntersuchung war, wurde mir gesagt, alles wäre ok. Aber nichts war ok. Ich hatte viele Plazentareste in meinem Bauch und habe ganz stark geblutet. Das hat der Arzt nicht gesehen. Erst später, als ich zu einer anderen Ärztin gegangen bin, hat sie gesagt, ich muss sofort im Krankenhaus operiert werden.

Wie sieht eure psychische Verfassung aus?

Nicht gut. Hier leben viele verschiedene Leute aus anderen Kulturen. Das Heim macht allen Leuten Stress, auch die Kinder haben hier viel Stress. Sie leben zusammen mit ihren Eltern und Geschwistern in einem kleinen Zimmer. Wenn es Streit gibt, kann man nicht weg, man ist immer zusammen. So etwas macht viel Stress.

Welche Erfahrungen hast du mit Abschiebungen gemacht?

Die Polizei kommt mitten in der Nacht. 1 Uhr oder 2 Uhr. Sie machen Stress für alle Leute. Wenn sie jemanden abschieben, haben sie den Namen der Person, aber bei einer Abschiebung klopfen sie an allen Türen und machen den Leuten Angst.

Wie siehst du deine Zukunft in Deutschland?

Ich möchte hier arbeiten und meinen Sohn groß werden sehen. Gerne möchte ich als Kassiererin arbeiten. Das macht mir Spaß.

Was ist derzeit dein größter Traum?

Die Geburtsurkunde von meinem Sohn zu bekommen.

Was möchtest du der Welt da draußen gerne mal sagen?

Bitte, ich muss sagen. Deutschland ist ein Sozialstaat und den Leuten hier geht es schlecht, alle brauchen Hilfe.

Information zum Interview: Dieses hier nur in leicht gekürzter Form wiedergegebene Interview wurde im Juni 2012 mit einer Asylsuchenden, die in einer Gemeinschaftsunterkunft im Landkreis Leipzig untergebracht ist, auf Deutsch von ehrenamtlichen Mitarbeitern des Bon Courage e.V. geführt. Trotz der Angst der Asylsuchenden vor späteren Konsequenzen waren diese bereit, die Gespräche zu führen und stimmten einer anonymisierten Veröffentlichung zu. An der Lebenssituation der Flüchtlinge hat sich seitdem nicht viel geändert. Das Thema ist genauso aktuell wie vor zwei Jahren. Das vollständige Interview mit dieser und vielen weiteren Asylsuchenden finden Sie in der Broschüre "Von außen sieht es nicht so schlimm aus …" des Bornaer Bon Courage e.V.

Hier ist die Broschüre erhältlich: www.boncourage.de/index.php5?go=856

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