10 Interviews mit Flüchtlingen, 10 Lebensgeschichten – Teil 6: „Asyl bedeutet für mich, ein Mensch zweiter Klasse zu sein.“

Patrick Kulow -l-iz.de- 25.12.2014 – Im Interview: ein 1985 in Syrien geborener staatenloser Kurde, der 2002 mit Hilfe eines Schleppers nach Deutschland kam und seitdem im Landkreis Leipzig untergebracht ist. – Genauso unterschiedlich, wie "wir Deutschen" sind, genauso unterschiedlich sind auch "die Flüchtlinge", die immer nur als eine Masse gesehen werden. Ein Blick in das Leben einzelner Asylsuchender, in ihre Erlebnisse, ihre Ängste, ihre Sorgen.

Welche Probleme belasten dich derzeit am meisten?

In einem Heim zu leben ist schwer, weil ich weder arbeiten, noch mich mehr als 20 km von hier entfernen darf, z.B. darf ich nicht nach Leipzig fahren, obwohl ich eigentlich fahren muss. Den ganzen Tag essen und schlafen.

Du bekommst gekürzte Leistungen und somit nur 10 € Taschengeld im Monat. Wie kannst du damit leben?

Das ist natürlich sehr schwer. Wie soll man mit 10 € im Monat leben? Ich bekomme außerdem 140 € Gutscheine. Davon darf ich aber nur Essen und Trinken kaufen.

Was musst du alles von den 10 € zahlen?

Ich muss u.a. die Fahrkarte von hier nach Borna bezahlen, vor allem, wenn es regnet oder wenn Winter ist und man nicht mit dem Fahrrad nach Borna fahren kann. Ich muss meinen Beitrag für den Fußballverein davon bezahlen, Telefonkosten, usw.

Welche Gesetze gelten nicht für Deutsche, aber für dich?

Zum Beispiel, dass ich meinen Reisepass bringen muss, was für mich aber unmöglich ist. In Syrien war ich ein staatenloser Kurde und das ist schwer, nun einen Hinweis von Syrien zu bekommen. Und da ich ihnen nicht die Papiere bringen kann, haben sie mein Taschengeld auf 10 € gekürzt. Die Ausländerbehörde sagt, ich begehe damit eine Strafe, aber ich kann den Pass einfach nicht bringen.

Was denkst du über die Ausländerbehörde?

Sie sind Beamte, manche sind nett, manche mittelmäßig und manche sind leider nicht so gut. Die Freundlichen haben ein nettes Gesicht und die Unfreundlichen erkennt man in ihrem Umgang mit uns, z.B. grüßen sie nicht, wenn wir an den Schalter herantreten. Sie gucken immer unfreundlich. Wenn du Duldung hast, behandeln sie dich unfreundlich. Im Vergleich dazu behandeln sie Menschen mit Aufenthalt viel freundlicher. Ich habe bereits viele Anträge gestellt, z.B. Antrag auf Arbeitserlaubnis, Befreiung von der Residenzpflicht und alles wurde abgelehnt, abgelehnt, abgelehnt. Wenn du nach dem Grund fragst, sagen sie nur: »Das ist Gesetz.« Sie verweisen in den Briefen auf Gesetze, aber ich kann nicht alle Briefe verstehen. Ich weiß auch nicht, ob das wirklich ein Gesetz ist oder nicht.

Was denkst du über deutsche Polizei?

Ich denke ähnlich über sie wie über die Beamten. Einmal hatte ich ein Problem mit einer deutschen Frau und die Frau hat die Polizei gerufen. Als die Polizisten kamen, haben sie nur die Frau begrüßt, mit der Hand, und mich nicht. Ich habe erklärt, dass es nicht meine Schuld war. Ich weiß nicht, ob alle so sind, aber von vielen fühle ich mich immer böse angeschaut.

Kommt Polizei oft ins Heim?

Ja, sie kommen oft. Vor etwa einem Monat waren ganz viele Polizisten im Heim wegen einer großen Kontrolle. Ich hatte große Angst. Wenn man 7 Uhr früh von einem Klopfen an der Tür geweckt wird und dahinter ein Polizist steht, dessen Gesicht ich nicht einmal erkennen kann, sondern nur die Augen sehe, dann bekommt man Angst. Dann würdest du auch Angst bekommen. Und ich habe ja auch gar nichts gemacht. Wenn ich die Polizei auf der Straße sehe, habe ich keine Angst.

Wie war deine erste Zeit in Deutschland?

Die erste Zeit in Deutschland war sehr schwer. Ich konnte kein Deutsch sprechen, viele haben zu uns gesagt, Sachsen wäre so schlimm und ich habe das geglaubt. Ich hatte Angst. Ich dachte, es gäbe in Sachsen nur schlechte Menschen. So wie man mir gesagt hat, sind 80% der Menschen hier schlecht. Aber mittlerweile geht es.

Warum hast du dein Land verlassen?

Wegen der Diskriminierung durch das syrische System.

Auf welchen Weg bist du nach Deutschland gekommen?

Ich bin von Syrien auf einem illegalen Weg in die Türkei. Und von der Türkei mit einem Schlepper nach Deutschland. Ich habe erst in Deutschland erfahren, dass ich in Deutschland bin. Ich kannte mein Ziel vorher nicht. Für die Flucht musste ich 4000 Dollar zahlen.

Wenn du gewusst hättest, was dich in Deutschland erwartet, würdest du noch mal fliehen?

Syrien würde ich immer wieder verlassen. Aber ich würde nicht nach Deutschland gehen. In anderen europäischen Ländern darf man sich frei bewegen und Asylsuchende bekommen eine Arbeitserlaubnis. Jetzt darf ich wegen den Gesetzen aber nicht mehr in ein anderes Land gehen, sie würden mich immer wieder nach Deutschland zurückschicken.

Hast du bereits einen Antrag auf Wohnung gestellt?

Ja, der Antrag wurde abgelehnt. Ich habe damals in Frohburg im Heim gelebt und musste immer nach Böhlen in die Schule. Ich wollte deswegen eine Wohnung in Borna haben. Ich wollte auch alleine leben. Später habe ich einen Antrag gestellt, dass ich im Heim ein eigenes Zimmer bekomme. Ich hatte Probleme mit meinem Mitbewohner, der starker Raucher war. Wir waren zu zweit in einem Zimmer. Er war 33 Jahre alt und durfte deswegen nicht zur Schule. Ich musste in dieser Zeit wegen der Schule immer um fünf Uhr aufstehen, also musste ich 22 Uhr schlafen gehen. Aber mein Mitbewohner hat immer ganz lange Fernsehen geschaut. Beide Anträge wurden abgelehnt, weil ich eine Duldung hatte. Wegen den beiden Anträgen musste ich nicht extra zum Gesundheitsamt gehen.

Warst du bereits in einer psychologischen Behandlung?

Nein, bisher nicht. Ich möchte aber gern gehen. Das ist meine eigene Vernachlässigung, denn ich denke, ich bräuchte in dieser Richtung Hilfe. Ich leide unter Schlaflosigkeit, ich schlafe nachts nur zwei bis drei Stunden und sonst liege ich wach und grüble nach. Ich mache mir Sorgen um meine Zukunft und über Abschiebung.

Hast du Angst, nicht in Deutschland bleiben zu können?

Ja, ich habe Angst, nicht in Deutschland bleiben zu können. Wenn ich zurückgehen muss, dann ist das gefährlich für mich, vor allem unter den heutigen Umständen in Syrien. Sie werden mich umbringen, schon am Flughafen.

Was bedeutet für dich Asyl?

Asyl bedeutet für mich, ein Mensch zweiter Klasse zu sein.

Wie hast du Deutsch gelernt?

Ich habe für zwei Jahre am Deutschunterricht in der Berufsschule Böhlen teilgenommen. Meine Idee war, danach einen Beruf zu lernen, aber das wurde wegen meiner Duldung abgelehnt. Ich wollte Mechaniker oder so etwas lernen. Der Beruf ist in Deutschland sehr wichtig. Wenn ich die Möglichkeit hätte, würde ich sofort arbeiten gehen. Ich möchte arbeiten, weil es gut für mich ist und ich nicht mit der Langeweile im Heim kämpfen muss. Wenn man arbeitet vergisst man seine Probleme und ist abgelenkt. Ich könnte für mich selber sorgen. Ich finde es so schlimm, ein arbeitsfähiger junger Mann zu sein und von Sozialhilfe leben zu müssen. Ich könnte von meinem Geld leben und wäre nicht mehr abhängig von Ausländerbehörde oder Sozialamt.

Hast du Kontakt zu Deutschen?

Ich habe etwas Kontakt mit meinen Fußballkollegen. Aber nicht alle sind nett. Einige sind nicht nett. Zum Beispiel wenn wir in einer kleineren Gruppe zusammenstehen und jemand kommt, dann werde ich manchmal mit Absicht nicht begrüßt. Alle werden begrüßt, nur bei mir wird so getan, als wäre ich nicht da. Da wird sich einfach umgedreht und gegangen. Es sind nicht alle, in meiner Mannschaft sind das nur zwei. Ich fühle mich dann wie ein kleiner Mensch und ich mache mir Sorgen. Einmal hat mich auch jemand aus einer anderen Mannschaft als Ausländer beschimpft, ich werde das nie vergessen. Ich war in dem Spiel als Stürmer eingeteilt und jemand konnte nicht so schnell laufen und hat mich von hinten geschlagen. Du bist eine scheiß Ausländer, geh weg von mir. Das war scheiße. Ich habe mich schlecht gefühlt.

Wünschst du dir mehr Kontakt zu Deutschen?
Ja, ich wünsche mir mehr Kontakt zu Deutschen. Ich habe nicht so gute Freunde. Ich habe versucht, Deutsche kennenzulernen, aber es ist schwer. Wir haben zwei verschiedene Kulturen. In unserer Kultur ist das Kennlernen leichter, man geht einfach jemand in seinem Haus besuchen. Nur manchmal habe ich auch nach Spielen Kontakt mit meiner Mannschaft.

Wünschst du dir qualifizierte Sozialbetreuer?

Ja, das wäre sehr gut. Auch nach 10 Jahren sind für mich noch Briefe sehr schwer, aber viele können noch gar kein Deutsch. Manchmal helfen die Heimleiter beim Übersetzen. Manchmal versuche ich auch zu helfen.

Wo siehst du dich in Zukunft?

Keine Ahnung. Der Aufenthalt ist wichtig. Wenn ich Aufenthalt habe, dann sehe ich mich als Mensch. Mit einem Aufenthalt ist das Erste, dass ich einen Beruf lerne.

Mein größter Traum ist …

… Aufenthalt bekommen, einen Beruf lernen, mehr Kontakt mit Deutschen, Reisen machen und neue Kulturen kennenlernen z.B. in Indien

Ich möchte der ganzen Welt sagen …

…dass sich alle lieben und zufrieden leben sollen.

Information zum Interview: Dieses hier in leicht gekürzter Form wiedergegebene Interview wurde im April 2012 mit einem Asylsuchenden, der in einer Gemeinschaftsunterkunft im Landkreis Leipzig untergebracht war, auf Deutsch von ehrenamtlichen Mitarbeitern des Bon Courage e.V. geführt. Trotz der Angst der Asylsuchenden vor späteren Konsequenzen waren diese bereit, die Gespräche zu führen und stimmten einer anonymisierten Veröffentlichung zu. An der Lebenssituation der Flüchtlinge hat sich seitdem nicht viel geändert. Das Thema ist genauso aktuell wie vor zwei Jahren. Das vollständige Interview mit dieser und vielen weiteren Asylsuchenden finden Sie in der Broschüre "Von außen sieht es nicht so schlimm aus …" des Bornaer Bon Courage e.V.

Hier ist die Broschüre erhältlich:  www.boncourage.de/index.php5?go=856
 

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