10 Interviews mit Flüchtlingen, 10 Lebensgeschichten – Teil 7: „Aber du denkst ständig an dein Zuhause, deine Freunde, deine Familie, deine Erinnerungen“

Patrick Kulow -l-iz.de- 26.12.2014 – Im Interview: eine 1987 im Iran geborene Frau mit Bachelor-Aschluss als Ingenieuring, die 2010 gemeinsam mit ihrem Vater aus politischen Gründen nach Deutschland kam und seitdem im Landkreis Leipzig in einem Asylbewerberheim untergebracht ist. Mutter und Schwester mussten im Iran bleiben. – Genauso unterschiedlich, wie "wir Deutschen" sind, genauso unterschiedlich sind auch "die Flüchtlinge", die immer nur als eine Masse gesehen werden. Ein Blick in das Leben einzelner Asylsuchender, in ihre Erlebnisse, ihre Ängste, ihre Sorgen.

Vielleicht kannst du erstmal von einem "normalen" Tag im Asylheim erzählen?

Ich bin immer im Heim, mit meinem Vater oder einem anderen Iraner. Manchmal kommt ein Mädchen vorbei, macht was mit uns und bringt uns zum Lachen. Oder wir spielen Volleyball. Sie ist mir sehr wichtig. Und ich lerne viel selbständig, versuche Deutsch zu lernen. Neben meinen Hausaufgaben, lese ich immer parallel noch ein anderes Buch. Und an Weihnachten war ich letztes Jahr in Mönchengladbach bei meinem Onkel.

Manchmal fühle ich mich richtig schlecht und traurig und an anderen Tagen bin ich einigermaßen zufrieden und glücklich.

Wie sind die Zustände im Heim?

Die Bedingungen im Heim sind ok, nicht die besten, aber ok. Wir haben nur ein Badezimmer, aber ich denke, die Beziehungen untereinander sind hier besser als woanders. Aber du denkst ständig an dein Zuhause, deine Freunde, deine Familie, deine Erinnerungen. Ich fühl mich hier so einsam. Wenn ich in meinem Zimmer liege, kann ich meine neue Sitution einfach nicht begreifen. Was bringt die Zukunft, kann ich die Sprache lernen, was ist mit meinem Abschluss
aus dem Iran? Auf Grund der schlechten Bedingungen in meinem Heimatland, verlierst du einfach nur alles.

Wie geht es deinem Vater hier?

Meinem Vater geht es wie mir und er sorgt sich ständig um mich. Er macht sich noch Gedanken darüber, wie er Deutsch lernen soll und er will wirklich zur Schule gehen und es lernen. Meine Mutter und meine Schwester sind noch im Iran und er ist hier. Es ist so schwer für ihn. Im Iran hatte er alles und jetzt? Für ihn ist es wesentlich schwerer als für mich. Er ist jetzt 60 Jahre alt – im Iran hatte er Freunde, Geld, Familie und er hat alles verloren. Es ist wichtig für ihn, Deutsch zu lernen, weil er so die Möglichkeit hat, auch mal aus dem Heim zu kommen. Es ist sehr erdrückend, den ganzen Tag dort zu sein.
Warum musstest du dein Land verlassen?

Sie wollten die Männer und Frauen an der Universität voneinander trennen, dagegen habe ich protestiert. Ich habe es nicht eingesehen. Und mein Vater hat politische Texte gegen die Regierung verfasst. Sie sperrten mich ein und wollten von mir wissen, wo er ist. Sie dachten, wir würden zusammen gegen die Regierung arbeiten. Mein Onkel zahlte die Kaution für mich und ich kam aus dem Gefängnis frei. Sie würden nicht aufhören, meinen Vater zu suchen und mich auch nicht in Ruhe lassen – also sind wir nach Deutschland geflohen.

Was war dein größtes Problem, als du hier angekommen bist?

Wir sind weit weg von unseren Freunden und der Familie. Ich hatte keine Ahnung, was mich in Chemnitz erwarten würde. Es war wie im Gefängnis, ich habe den ganzen Tag geweint. Zum Glück war ich nur drei Tage da. Viele dort waren immer betrunken und haben rumgeschrien. Die Räume waren wie eine Gefängsniszelle und die Wände waren mit schlimmen Sachen zugeschmiert. Ich habe mich so schlecht gefühlt. Auch habe ich gehört, dass es zum Beispiel in Leipzig in den Heimen besser sein soll, da wird dir geholfen. Ich hatte das Gefühl, uns wollen sie nicht helfen.

Denkst du darüber nach, was passiert, wenn sie deinen Antrag ablehnen?

Ich versuche, nicht daran zu denken, weil es mich sehr stresst. Und mein Vater – er ist alt und sensibler als ich, ich mache mir Sorgen, was aus ihm wird. Ich versuche, einfach nicht daran zu denken.
Wie siehst du deine Zukunft?

Ich möchte meinen Master beenden oder vielleicht eine Ausbildung machen. Deutschland hat mir sehr geholfen und ich möchte das irgendwann zurückgeben – ich nehme nicht gern Geld von anderen, ich fühle mich schlecht dabei. Deswegen versuche ich so gut es geht, Deutsch zu lernen, damit ich hier arbeiten oder studieren kann. Aber ich weiß noch nicht, ob ich in Deutschland bleibe, ich weiß nicht, was in der Zukunft passieren wird. Im Moment ist es das Wichtigste, die Sprache zu lernen, weil ich jetzt hier lebe. Aber ich würde auch gern nach Amerika gehen, um dort mein Studium zu beenden, weil dort Verwandte wohnen.

Ich mag die Deutschen. Immer wenn ich junge Leute sehe, denke ich an meine Freunde und an meine Jugend im Iran und das macht mich traurig. Hier ist es einfacher und ihr seid freier. Es ist wirklich schwer. Ich denke, dass die iranische Regierung die Schlimmste auf der Welt ist. Satellitenreceiver, Internet, Facebook – alles ist verboten. Manchmal bleibt der Fernseher einfach schwarz und manche Sender gehen nicht. Die Polizei kann dich auch einfach einsperren, auch wenn du nur auf einer Party bist. Wenn du sie anrufst, wenn du einen Einbrecher zu Hause hast, interssiert es sie nicht, aber wenn du auf der Straße mit einem Jungen gesehen wirst und ihr euch küsst, sind sie nach einer Minute da.

Was wolltest Du schon immer mal sagen?

Ausländer sind nicht alle gleich! Es gibt einige, die kriminell sind, aber nicht alle sind so. Wir wollen gute Menschen hier in Deutschland sein. Hier kann sich niemand vorstellen, wie es im Iran ist. Du musst in der Situation sein, um zu verstehen, wie es uns im Iran ging. Die Leute dort leben unter schlimmen Bedingungen. Sie sperren dich für die einfachsten Dinge ein, töten dich dann vielleicht sogar im Gefängnis. Für Frauen ist es besonders hart, im Iran zu leben.

Information zum Interview: Dieses hier in leicht gekürzter Form wiedergegebene Interview wurde im April 2012 mit einer Asylsuchenden, die in einer Gemeinschaftsunterkunft im Landkreis Leipzig untergebracht war, auf Englisch von ehrenamtlichen Mitarbeitern des Bon Courage e.V. geführt. Trotz der Angst der Asylsuchenden vor späteren Konsequenzen waren diese bereit, die Gespräche zu führen und stimmten einer anonymisierten Veröffentlichung zu. An der Lebenssituation der Flüchtlinge hat sich seitdem nicht viel geändert. Das Thema ist genauso aktuell wie vor zwei Jahren. Das vollständige Interview mit dieser und vielen weiteren Asylsuchenden finden Sie in der Broschüre "Von außen sieht es nicht so schlimm aus …" des Bornaer Bon Courage e.V.

Hier ist die Broschüre erhältlich: www.boncourage.de/index.php5?go=856

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