Archiv für Januar 2015

Was Flucht für Kinder heißt

30. Januar 2015 – FrankfurterRundeschau – Von Elisa Rheinheimer-Chabbi: Alle zwei Jahre wird in Nürnberg der Deutsche Menschenrechts-Filmpreis vergeben; vor wenigen Wochen war es wieder soweit. Die prämierten Filme sind am 3. Februar in Frankfurt zu sehen. Mehr als vierhundert Einsendungen gab es diesmal. Einer der Preisträger ist der iranischstämmige Regisseur Behrooz Karamizade. Sein Kurzfilm „Bahar im Wunderland“ wurde von der Jury in der Kategorie Bildung zum besten Film gekürt.

Herr Karamizade, die Hauptfigur Ihres Films ist das Mädchen Bahar – ein Kind, das mit seinem Vater auf der Flucht ist. Erzählen Sie da Ihre eigene Geschichte?


Das ist teilweise autobiografisch, ja. Ich bin als Siebenjähriger mit meinen Eltern und meinem Bruder aus dem Iran geflohen. 1986 war das, während des Iran-Irak-Krieges. Vom Norden des Iran sind wir in die UdSSR geflüchtet, haben dort in verschiedenen Lagern gewohnt und sind dann nach Ost-Deutschland gegangen.

Dann sind wir über die Berliner Friedrichstraße in den Westen gekommen und haben dort Asyl beantragt. Zuerst waren wir in Berlin, dann in verschiedenen Asylheimen in Bayern und schließlich sind wir in Köln gelandet, wo ich aufgewachsen bin.

Welche Momente Ihrer Flucht sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?


Da gibt es viele. In Moskau habe ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Metro gesehen. Ich hatte ziemlich Angst, als die Türen sich schlossen. Und in Berlin habe ich dann das erste Mal eine Rolltreppe gesehen. Die kam meinem Bruder und mir zunächst wie ein Ungeheuer vor.

Wieso landen Bahar und ihr Vater ausgerechnet in Frankfurt?


Eine Großstadt-Atmosphäre ist für ein Kind wie Bahar eine fantastische Kulisse, fast märchenhaft. All die Lichter, das Glitzernde, Neue, Schöne. Flüchtlingskinder empfinden das als faszinierend, ihre Eltern hingegen als beängstigend. Und so versucht Bahars Vater, alles richtig zu machen, sich anzupassen, unauffällig zu sein – nur um dann doch von der Polizei nach seinen Papieren gefragt zu werden.

Warum kommt im Film eigentlich keine Mutter vor?


Ich fand es interessant, eine Vater-Tochter-Beziehung darzustellen, auch weil ich damit ein Klischee brechen wollte: Das Klischee, dass muslimische Männer ihre Töchter unterdrücken und herumkommandieren. Bahars Vater geht sehr liebevoll und respektvoll mit seiner Tochter um. Er begegnet ihr auf Augenhöhe.

hr Film kommt mit wenigen Dialogen aus. Zerstören zu viele Worte die Geschichte?


Die Kraft des Kinos sind die Bilder. Dialoge sind ein Zusatz, aber die Filme, die ich mache, sollen international verstanden werden. „Bahar im Wunderland“ wurde auf über 95 Festivals weltweit gezeigt und überall können die Menschen sich mit den Bildern identifizieren. Außerdem spricht Bahar ja auch die Sprache der Fremden nicht, sie kann kein Deutsch, sondern läuft mit staunenden Augen durch Frankfurt.

Ein Menschenrechts-Filmpreis, das klingt ziemlich hochtrabend. Können Filme denn tatsächlich etwas verändern?


Ich denke Filme verändern die Denkweise der Menschen. Nicht auf einmal, nicht sofort, aber ich kann als Regisseur Menschen für gewisse Themen sensibilisieren und sie dazu anregen, die Perspektive zu wechseln. Damit verändere ich nicht gleich die Welt, aber vielleicht Schritt für Schritt bestimmte Einstellungen.

„Bahar im Wunderland“ war der Abschlussfilm Ihres Studiums an der Kunsthochschule Kassel und auch ein internationales Projekt. Was war das Besondere an der Arbeit?


Ich habe eng mit einer Gruppe internationaler Filmemacher zusammengearbeitet.

In der NUR-Filmgruppe sind Regisseure aus verschiedensten Ländern: Russland, Afghanistan, Georgien, Deutschland und weitere. Wir haben größtenteils zusammen in Kassel studiert und uns dann entschlossen, auch weiterhin künstlerisch zusammenzuarbeiten. Ich habe zum Beispiel einzelne Szenen aus meinem Film mit den Kollegen besprochen und durch die verschiedenen kulturellen Blickwinkel kamen da oft gute Ideen auf und neue Aspekte rein.



Interview: Elisa Rheinheimer-Chabbi

Iran verärgert über Claudia Roth

28.01.2015, mittelbayerische – Der Besuch von Claudia Roth in Teheran sorgt für Wirbel. Die Grüne hatte die Freilassung von Oppositionsführern gefordert. Teheran Abgeordnete des iranischen Parlaments haben verärgert auf eine Sympathiebekundung von Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth mit inhaftierten iranischen Oppositionellen reagiert. Der Leiter des Auswärtigen Ausschusses, Alaeddin Borudscherdi, forderte laut iranischen Medien am Mittwoch sogar die Einbestellung des deutschen Botschafters in Teheran.

 

Die konservative Abgeordnete Fatima Aliehe sagte, Roths Besuch hätte wegen ihrer Einmischung in die internen Angelegenheiten des Irans abgebrochen werden müssen.
Auch aus den Reihen der Revolutionsgarden gab es heftige Kritik. „Besonders die Deutschen sollten vorsichtig sein mit Menschenrechtskritik,“ sagte Mohammed Resa Naghdi, Leiter der Basidsch oder Freiwilligenbrigaden, der Fars Nachrichtenagentur mit Blick auf die zwei Weltkriege. Unter Hinweis auf anti-islamistische „Pegida“-Demonstrationen sagte er, immer noch seien Neo-Nazis in Deutschland mit rassistischen und religiösen Vorurteilen aktiv.
Umstrittenes Treffen mit dem Reformer mit Mohammed Resa Aref
Auslöser der Kritik war ein Treffen Roths am Sonntag mit Mohammed Resa Aref, dem Spitzenkandidaten der Reformer für die Parlamentswahl 2016. Dabei plädierte die Grünen-Politikerin nach Medienberichten für die Aufhebung des vierjährigen Hausarrests der Oppositionsführer Mir Hussein Mussawi und Mehdi Karrubi. Die beiden hatten gegen angebliche Wahlfälschung bei den Präsidentenwahlen 2009 protestiert.
Roth soll indirekt die Hoffnung geäußert haben, dass die Reformer die Wahl 2016 gewinnen und sie Aref in neuer Funktion treffen werde. Außerdem wollte Roth mit der Frauenaktivistin Nargess Mohammedi sprechen, was von Sicherheitskräften nicht zugelassen worden sei. Die iranische Außenamtssprecherin Marsieh Afcham sagte, das Parlament sei von Roths Programm informiert gewesen. Parlaments-Kontakte liefen in einem anderen Rahmen.
Roth: Die Debatte zeigt die Zerrissenheit des Landes
Roth erklärte auf Anfrage, die Debatte im Iran zeige die ganze Zerrissenheit des Landes zwischen reformorientierten und konservativen Kräften. Nicht zuletzt zeige sie aber auch die realen Probleme des Landes. „Dass unser Besuch nun von konservativen Politikern wie Medien instrumentalisiert wird, um Öffnungsbemühungen im Iran zu verhindern und selbst als Krisengewinnler das Land in der Isolation zu halten, ist auch ein Zeichen dafür, dass wir offensichtlich die richtigen Fragen gestellt haben.“ (dpa)

Iran: Neu gegründete Zeitung wurde verboten

17.01.2015 – HNA – Teheran – Nach nur drei Wochen wurde die neu gegründete Zeitung „Mardome-Emruz“ verboten – weil sie Sympathie mit dem islamkritischen Satiremagazin „Charlie Hebdo“ anklingen ließ. Nach nur drei Wochen ist eine neu gegründete Tageszeitung im Iran verboten worden, weil sie auf ihrer Titelseite Sympathie mit dem islamkritischen Satiremagazin „Charlie Hebdo“ hat anklingen lassen. Die Zeitung „Mardome-Emruz“ (Leute von Heute) hatte am Dienstag ein Bild des amerikanischen Schauspielers George Clooney bei der Golden Globe Preisverleihung gedruckt und ihn mit den Worten „Auch ich bin Charlie“ zitiert.

Die Schließung der reformorientierten Zeitung wurde von Herausgeber Ahmed Sattari bestätigt, wie die Nachrichtenagentur IRNA am Samstag meldete. Iran hatte den Terroranschlag auf „Charlie Hebdo“ verurteilt, aber auch die Veröffentlichung von Karikaturen des Propheten. Der Iran wird von islamischen Geistlichen beherrscht.
dpa
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Mahdieh Mohammadkhani Verbotene Stimme aus dem Iran

2015-01-16 – Deutschlandradiokultur- Von Bamdad Esmaili: Frauen dürfen im Iran nicht in der Öffentlichkeit singen. Das strikte Gesangsverbot gilt sogar für traditionelle Musik. Mahdieh Mohammadkhani ist im Iran durch das Internet trotzdem zum Star geworden. Die Newcomerin ist das neue Gesicht der traditionellen iranischen Musik.

Mahdieh Mohammadkhani ist grade mal 28 Jahre jung, doch als Sängerin erlebte sie schon nach zwei Jahren ihren Durchbruch. Im Iran ist die Newcomerin die zur Zeit wohl angesagteste Sängerin für traditionelle iranische Musik. Und das obwohl es in dem Land Frauen verboten ist, öffentlich zu singen, seitdem die islamische Religionsführer vor gut 36 Jahren die Macht übernahmen.
Das Gesangsverbot ist eigentlich untypisch für den Iran, denn historisch gab es vor der islamischen Revolution immer wieder Frauen, die als Sängerinnen in Erscheinung traten. Für Mahdieh Mohammadkhani bedeutete das Verbot, dass sie sich erst mit 22 Jahren entschloss, eine Karriere als Sängerin einzuschlagen.
„Das Singen war schon immer meine große Liebe. Es hat mich seit meiner Kindheit unbewusst begleitet. Ich erinnere mich, dass es mein erster Berufswunsch als Kind war, vielleicht mit vier oder fünf Jahren, Sängerin zu werden. Mit 20 habe ich mich nochmal an meinem Kindheitstraum erinnert und dachte, vielleicht kann ich ja diesen Traum verwirklichen.“
Die Musterschülerin studiert aber zunächst Architektur. Erst als Mahdieh Mohammadkhani das Studium abschließt, beginnt sie in Teheran damit, Gesangsunterricht zu nehmen.
„Ich hätte nicht gedacht, dass es auch Kurse für Frauen gibt, die dort traditionelle persische Musik singen. Aber in der Akademie entdeckte ich einen Kurs. Von der ersten Stunde an fühlte ich mich magisch angezogen. Diesen Gesangskurs besuche ich bis heute.“
In der Gesangslehre von Mohammad Reza Shajarian
Dort wurde Mahdieh Mohammadkhani mit allen „Dastgah´s“ – den Modi der traditionellen iranischen Musik – vertraut gemacht. Zudem erkannte der renommierten Sänger und Musiklehrer Mohammad Reza Shajarian ihr Talent . Er nahm sie in seinen begehrten Gesangs-Kursen auf. Im vergangenen Jahr schaffte Mohammadkhani mit ihrem Debütalbum „Darya Del“ und den Song „Khooshe chin“ den Durchbruch und wurde prompt zum Liebling von Fans der traditionellen iranischen Musik.
Öffentliche Konzerte darf Mahdieh Mohammadkhani wegen des Gesangsverbots im Iran bis heute nicht geben. Dennoch sorgte kürzlich ein Video im Netz für Aufregung. In dem Film war ein Auftritt der Sängerin mit dem Ensemble „Mah“ und dem Komponisten Majid Darakhshani in Teheran zu sehen. Im Beisein des iranischen Kulturministers. Die Nachricht verbreitete sich in den sozialen Netzwerken wie ein Lauffeuer: Zum ersten Mal seit 36 Jahren, traute sich eine Sängerin, das Tabu zu brechen. Mahdieh Mohammadkhani wurde im Netz als Heldin gefeiert. Doch die Meldung erwies sich schnell als falsch.
„Ich frage mich immer noch, wer dieses Gerücht verbreitet hat. Denn es war nicht so. Wir haben für eine gemeinnützige Organisation ein kostenloses, privates Konzert gegeben. Da wurde auch das Video aufgenommen. Danach wurde dieses Gerücht verbreitet“
Kritiker werden eingeschüchtert
Über das Gesangsverbot spricht Mahdieh Mohammadkhani noch immer nur sehr vorsichtig. Denn die Regierung in Teheran nutzt jede Gelegenheit, um ihre Kritiker einzuschüchtern. Erst vor Kurzem wurde Mohammadkhanis Förderer, der Musiker Majid Derakhshani, am Flughafen an der Ausreise gehindert. Sein Pass wurde ihm abgenommen. Eine offizielle Begründung gab es nicht, aber der Verdacht liegt nahe, dass das Regime Derakhshanis Engagement für iranische Sängerinnen bestraft.
Immer wieder hat er sich kritisch in ausländischen Medien über die Lage weiblicher Musikerinnen im Iran geäußert. Derakhshani hat außerdem eine Band gegründet, in der nur Frauen spielen. Tar-Spieler Hamid Motebassem, der lange in Deutschland gelebt hat, ist zur Zeit mit seinem Ensemble Dastan gemeinsam mit Mahdieh Mohammadkhani auf Europatour.
Hamid Motebassem: „Sie hat eine sehr saubere Stimme, die Intonationen sind perfekt. Und das ist eine Schande für eine Nation, dass die Frauen still bleiben müssen. Aber indem wir mit einer Sängerin arbeiten, fördern wir auch die Frauen im Iran.“
Mahdieh Mohammdkhani ist trotz des Gesangsverbotes zum neuen Star der persischen Musikszene geworden. Weil sie keine CDs verkaufen darf und ihre Musik auch nicht im Radio gespielt wird, wurde sie vor allem dank des Internets und ihrer Musikvideos im Iran bekannt. Um ein weiteres Zeichen gegen die Unterdrückung iranischer Künstlerinnen zu setzen, hat die junge Frau vor kurzem das Frauen Ensemble „Shahnava“ gegründet. Ihr größter Wunsch? In ihrer Heimat aufzutreten.
„Ich glaube, jede Frau wünscht sich das. Dass sie frei und ungehemmt das, wofür ihr Herz schlägt, was ihre größte Leidenschaft im Leben ist, ausüben kann. Mir geht es genauso. Ich wünsche mir, dass ich eines Tages im Iran singen darf und jeder diese klassische iranische Musik hören kann.“

Am Sonntag, dem 18. Januar 2015, singt Mahdieh Mohammadkhani mit dem Dastan Ensemble ab 18:00 Uhr live in Münster.
Mehr zum Thema:
Langtunes – Verbotener Indie-Rock aus dem Iran
(Deutschlandradio Kultur, Tonart, 12.12.2014)

Gedenkkundgebung – München – 14.01.2015

Gedenkkundgebung

Kampagne „Kochen für Soltani“ Sein Platz bleibt frei

5. Januar 2015, SZ – Maede Soltani, 34, lebt in Nürnberg, hier entstand auch die Idee für die Kampagne „Kochen für Soltani“. Menschen laden andere Menschen zu sich nach Hause zum Essen ein, und ein Platz bleibt dabei immer leer: der für den iranischen Menschenrechtsanwalt Abdolfattah Soltani, der im Jahr 2009 den Internationalen Menschenrechtspreis der Stadt Nürnberg zugesprochen bekam – und unter anderem dafür in Teheran zu insgesamt 13 Jahren Gefängnishaft verurteilt worden ist.

SZ: Frau Soltani, in Ihrem Fall sei diese Eingangsfrage erlaubt: Wie geht es Ihnen?
Maede Soltani: Mir geht es gut, wir geben die Hoffnung nicht auf. Und werden nicht aufhören damit, um die Freiheit für politische Gefangene zu kämpfen. Auch für meinen Vater, aber nicht nur für meinen Vater. Wir bekommen fast täglich Nachrichten aus Iran, wie sich Menschen dort für politische Gefangene engagieren. Natürlich erschüttert mich die Situation meines Vaters, seit mehr als drei Jahren ist er ununterbrochen in politischer Haft. Aber wie er und andere Widerstand leisten, und wie sie dabei unterstützt werden von so vielen Menschen: Das macht mich auch stark.
Wie kam es zu der Idee für die Kampagne?
Wir wollten zeigen: Wir denken immer an euch, an euch alle. Wir haben und werden euch nicht vergessen, ihr seid in unserem Herzen. Das ist die Botschaft an die Gefangenen, aber auch ans Regime in Teheran.
Erzählen Sie von dem Projekt.
Es ist sehr emotional. Es gibt Leute in Iran, seien es Aktivisten, Journalisten, religiöse Minderheiten, die in ihren Familien fehlen – und zwar allein deshalb, weil sie das sind, was sie sind. Um darauf aufmerksam zu machen, entstand die Idee, dass Menschen andere Menschen zum Essen zu sich nach Hause einladen. Ein Platz bleibt immer leer. Oft kochen die Leute die Lieblingsspeise eines politischen Gefangenen. Es kann aber auch nur eine Tasse Tee sein oder ein kleines Stück Brot mit Käse, ganz egal. Es geht nur darum zu zeigen: Der Eingeladene kann seine Einladung nicht annehmen. Und überall kann man das sehen auf Facebook, unter „Kochen für #Soltani“. Zum Essen einzuladen, das ist keine strafbare Handlung. Deshalb funktioniert das in Iran genauso wie hier in Bayern.
Eine schöne Idee. Aber auch eine, die Ihnen den Verlust täglich präsent macht.
Das stimmt. Aber ich vermisse meinen Vater ohnehin jeden Tag, wenn ich schlafen gehe, wenn ich koche, immer.
Wie ist die Resonanz?
Ich bin beeindruckt. In Iran machen vor allem Menschen mit, die meinen Vater oder einen anderen politischen Gefangenen gekannt haben. Auch Menschen, die mein Vater als Rechtsanwalt vor Gericht verteidigt hat, solange er das noch konnte und in Freiheit war. Die Nachrichten, die die Menschen aus Iran mit ihren Fotos an uns schicken, sind sehr berührend: Erinnerungen, was mein Vater in Freiheit für sie getan hat. Aber mindestens genauso beeindruckend sind die Einladungen hier in Nürnberg. Da machen Leute mit, die meinen Vater niemals kennengelernt haben. Ihn nur aus den Medien kennen. Das ist ganz wunderbar, ein großes Geschenk für uns.
Wann haben Sie Ihren Vater das letzte Mal gesehen?
2009 war das, vor den Unruhen in Iran, da war er noch in Freiheit. Telefonieren darf ich nur dann mit ihm, wenn er aus der Haft ins Krankenhaus eingeliefert wird. Dann aber auch nur einige Augenblicke. Politische Gefangene in Iran werden schlechter behandelt als andere Gefangene. Wäre mein Vater ein Mörder, hätte er mehr Rechte. Könnte Kontakt halten zu Anwälten oder seiner Familie. Ohne Repressalien.
Haben Sie manchmal Angst, dass der Willen Ihres Vaters gebrochen wird?
Nein, nie. Ich habe dieser Tage mit einem Journalisten telefoniert, er ist inzwischen Exil-Iraner. Er war drei Jahre im selben Gefängnis wie mein Vater, er kennt ihn gut. Er hat mir erzählt: Dein Vater ist einer, der uns allen in der Haft immer eine geistige Stütze war. Nur über seine eigenen Probleme rede mein Vater wenig, hat er gesagt.
Ihr Vater wurde unter anderem verurteilt wegen der Annahme des Nürnberger Menschenrechtspreises. So pervers das ist: Haben Sie den Preis manchmal verflucht?
Zu keiner Sekunde. Auch in meiner Familie denkt keiner so. Es war ja auch noch nie zuvor passiert, dass ein iranischer Bürger wegen so etwas verurteilt worden ist. Man darf da nicht Ursache und Wirkung verwechseln. Der iranische Staat wollte, dass mein Vater in Haft muss. Der Preis aus Nürnberg war für sie nur ein willkürlicher Anlass. Einer von mehreren. Aus deren Sicht musste mein Vater wegen seiner Arbeit als Anwalt aus dem Weg geräumt werden. Je länger, desto besser für sie.
Hat der Nürnberger Preis auch etwas Positives bewirkt?
Selbstverständlich. Mein Vater hat so viel Aufmerksamkeit bekommen. Ich will gar nicht spekulieren, was sie mit ihm machen würden, wenn die Öffentlichkeit nicht mitverfolgen würde, was mit ihm passiert. Es könnte alles noch viel schlimmer sein.
Fühlen Sie sich hinreichend wahrgenommen in Nürnberg, in Bayern?
Oh ja, für uns ist das ein großes Glück. Ich werde nie vergessen, was hier in Nürnberg passierte, als mein Vater in den Hungerstreik getreten ist in Iran. Wenn ich alles erzählen wollte, was in diesen Wochen einige tausend Kilometer weit von Iran entfernt geschehen ist, hier in Nürnberg, dann müsste ich ein Buch schreiben. Die Anwaltskammer, das Menschenrechtsbüro, der Philharmonische Chor, Frauenorganisationen, Parlamentarier, der Oberbürgermeister, ganz normale Bürger: Alle haben sich an der Mahnwache beteiligt. Ich werde in dieser Stadt dauernd auf meinen Vater angesprochen. Das rührt mich sehr.
Sie arbeiten in der Nähe von Nürnberg. Können Sie sich konzentrieren?
Kann ich glücklicherweise. Ich habe es inzwischen geschafft, ein Gleichgewicht herzustellen zwischen meinen beiden Leben. Dem hier in Nürnberg und dem in Gedanken, in Iran. Es hätte bestimmt passieren können, dass ich jeden Tag müde bin, ausgelaugt, konfus. Aber es ist nicht so. Wahrscheinlich hilft es, dass ich hier Freunde gewonnen habe, die mir wie eine Familie sind. Wie meine Mutter, meine Schwester, meine Großmutter. Ich bin nicht allein. Ich teile mein Leid mit den Leuten. Natürlich: Manchmal tut es mir weh, dass ich Leid teilen muss. Aber vielleicht wandelt es sich ja in eine große Freude irgendwann.
Glauben Sie daran, Ihren Vater noch einmal in die Arme schließen zu können?
Ich bin fest davon überzeugt. Und vielleicht schon bald. Wer weiß?

Wächterrat im Iran lehnt Gesetz zu Verschärfung von Kopftuchzwang ab

5. Jänner 2015, DerStandardTeheran – Im Iran ist ein umstrittenes Gesetz zur Verschärfung des Kopftuchzwangs im Wächterrat gescheitert. Das einflussreiche konservative Gremium, das Gesetze auf ihre Übereinstimmung mit dem Islam und der Verfassung überprüft, wertete 14 der 24 Punkte des Gesetzes als verfassungswidrig, wie ein Sprecher am Samstag der Nachrichtenagentur Irna sagte.

Das Gesetz, das der Basij-Miliz mehr Rechte bei der Überprüfung und Durchsetzung der Kleiderordnung geben sollte, wurde zur Nachbesserung an das Parlament zurücküberwiesen.
Seit der iranischen Revolution 1979 gilt für Frauen und Männer eine strenge Kleiderordnung, die für Frauen ein Kopftuch vorschreibt, das Haare und Hals bedeckt, sowie weite Kleidung, die bis zu den Füßen und den Handgelenken reicht.
Widerstand gegen Kleidervorschriften
Diese Bestimmungen werden von einer Moralpolizei durchgesetzt, die Frauen ermahnen und bestrafen kann, wenn diese ihrer Ansicht nach falsch gekleidet und schlecht verhüllt sind. Die Kleidervorschriften treffen aber besonders in den größeren Städten seit Jahren auf Ablehnung und Widerstand.
Konservative Politiker und Geistliche fordern regelmäßig eine Verschärfung der Gesetze und der Kontrollen, um gegen bunte und lockersitzende Kopftücher oder zu enge oder zu kurze Mäntel vorzugehen. Der moderate Geistliche Hassan Rohani versprach bei seiner Wahl zum Präsidenten im Juni 2013, sich für mehr soziale und kulturelle Freiheit einzusetzen. Im Oktober distanzierte er sich von der Gesetzesinitiative und betonte, beim Kampf gegen „Laster“ sollte sich die Gesellschaft nicht allein auf die Frage des Kopftuchs konzentrieren. (APA/AFP, 5.1.2015)