Leben in Iran – Der Teufel trägt Krawatte

© AFP Die Mittelschicht gibt den Ton an: Iranische Frauen feiern das Atomabkommen in Teheran.

20.08.2015, Frankfurter Allgemine – von Amir Hassan Cheheltan: Hundehaltung verboten, Zusammenleben nur mit Trauschein, Rang 19 beim Alkoholkonsum: Wird sich Iran nach dem Atomabkommen in ein anderes Land verwandeln?
In diesen Tagen fragen manche Menschen im Westen, was Iran nach dem Atomvertrag wohl für ein Land sein wird. Die Antwort, die als Iraner man darauf geben kann, ist folgende: ein Iran ähnlich dem Iran zuvor, das heißt ein zielloser Iran, dessen Gegensätze sich von Tag zu Tag verschärfen. Ein Iran, das ständig mit der Frage konfrontiert ist: „Werde ich am Ende meiner eigenen Vergangenheit oder der Zukunft der anderen gleichen?“

Vor einiger Zeit, als auf dem 44. Weltwirtschaftsforum Davos in der Schweiz, an dem der iranische Präsident in Begleitung einer Delegation teilnahm, einer seiner Berater eine Krawatte trug, war auf einer Website der Hardliner unter dem Eintrag „Berater Rohanis ist Krawattenträger geworden“ zu lesen: „Nun müssen wir Herrn Rohani fragen: ,Wie können die Voten eines solchen Beraters nationale Unabhängigkeit, nationale Ehre und iranisch-islamischen Geist widerspiegeln?‘“

Der Teufel trägt Krawatte

Die Krawatte in ihrer heutigen Form ist ungefähr zur Zeit des Ersten Weltkrieges, wahrscheinlich gleichzeitig mit ihrer Verbreitung im Westen, in Iran eingeführt worden. Früher gab es unterschiedliche Formen von Krawatten, die auch auf Abbildungen von iranischen Männern zu sehen sind. Zu jener Zeit galt Krawattentragen als ein Ausdruck von Modernität und wurde zur Zeit des Schahs vor allem von Militärs und zivilen Staatsbeamten eifrig praktiziert. Noch zu Beginn der islamischen Revolution trugen manche Revolutionäre Krawatte. Später jedoch, genau wie in den anderen Bereichen auch, wurde der Kreis der „Dazugehörenden“ immer enger, und die Hardliner definierten Distanzierung von allem Westlichen als Unterscheidungskriterium zwischen sich und den anderen.
So wurde das Krawattentragen zu einer weltanschaulichen und ideologischen Frage. Die Krawatte wurde nicht mehr als Ausdruck von Kultiviertheit und Fortschritt, sondern als Anzeichen für die Verhextheit der Seele des Menschen aufgefasst, und die Revolutionäre erwähnten die Krawatte in ihrer Propaganda als das Symbol von Freimaurertum und Satanismus, ja gar als eine Abwandlung des christlichen Kreuzes.

Hunde zu halten kostet 74 Peitschenhiebe

In den vergangenen Jahren hat die Sittenpolizei des Öfteren die iranischen Ärzte, die konsequentesten Krawattenträger des Landes, verwarnt. Im Rahmen der letzten Maßnahmen der Regierung in dieser Sache wurden neulich Ladenbesitzer, die Krawatten führen, angewiesen, diese vom Hals der Schaufensterpuppen loszubinden und aus dem Angebot zu nehmen. Dennoch ist schon seit den ersten Jahren nach der Revolution der Kampf gegen den Westen im Bereich der Symbole nicht auf die Krawatte beschränkt geblieben.

Sehr bald weitete er sich auf die Fragen des Rasierens und der Verwendung von Kölnisch Wasser aus, und besonders das Barttragen gewann eine politische Bedeutung. In der Zwischenzeit bekamen auch Farben eine kulturpolitische Bedeutung. So unterschied sich das Lager der Revolutionäre von dem der Nichtrevolutionäre in der Bevorzugung dunkler Farben, die eher an Beerdigungen und Trauerfeiern getragen werden, gegenüber hellen und heiteren Farben, die für Spaß und Leben stehen.
Auch das Halten von Hunden als Haustieren ahndet die Regierung streng als westliche und folglich unislamische Erscheinung. Natürlich müssen die Besitzer solcher Hunde diese von Zeit zu Zeit aus dem abgeschlossenen Bereich der Wohnungen hinauslassen und sie im Freien spazieren führen. Und gleich da schon geraten sie mit den Vertretern der Staatsmacht in Konflikt. Die Beamten beschlagnahmen die Hunde zuweilen, und in seltenen Fällen, so ist berichtet worden, haben sie diese vor den Augen ihrer Halter getötet. Bei der letzten Razzia auf Hunde, die im letzten Ramadan stattfand, wurden die beschlagnahmten Hunde auf ein Gelände außerhalb von Teheran verbracht. Freilich musste man sie nach einigen Wochen ihren Besitzern zurückgeben. Inzwischen waren allerdings einige dieser Hunde verendet.

Nur in „Pet!“ geduldet

Um diesen Maßnahmen den Anschein von Legalität zu verleihen, hatten einige Monate zuvor, so berichtet der Nachrichtendienst der iranischen Studierenden, 32 Abgeordnete beim Parlamentspräsidenten einen Antrag für einen neuen Paragraphen im Strafgesetz der Islamischen Republik eingereicht, nach welchem, sollte er verabschiedet werden, nicht nur das Spazierenführen von Hunden auf der Straße, sondern auch der Handel und das Halten dieser Tiere im Haus mit 74 Peitschenhieben und einer Geldbuße von 277 bis 2770 Euro bestraft würden. Die Initiatoren dieses Antrages betrachten Hundehaltung als Abweichung von der Kultur des Islams und als eine blinde Nachahmung der dekadenten Kultur des Westens. Einer der Unterzeichner dieses Antrages erklärte in einem Interview zu diesem Thema: „Wir wenden uns damit eigentlich gegen Luxus“, und beantwortete die Frage des Interviewers, was denn dann mit all den Luxusautos auf Teherans Straßen zu geschehen hätte, nur ausweichend. In diesem Antrag war vorgesehen, dass beschlagnahmte Hunde in der Wüste ausgesetzt werden sollten. Der Vizepräsident der Vereinigung der Veterinärmediziner Irans sagte im Gespräch mit einem Abgeordneten: „Wir haben in Teheran hunderttausend Hunde. In welcher Wüste können wir die denn unterbringen?“
Ungeachtet all des Aufhebens um Hunde, erscheint im Herzen der Hauptstadt Irans eine Zeitschrift mit dem englischen Titel „Pet“! Die letzte Ausgabe liegt vor mir. Diese Zeitschrift erscheint mit einem Umfang von 120 Seiten auf Hochglanzpapier. Auf Seite zwei und drei ist eine Werbung für Hundefutter zusammen mit Abbildungen von Hunden abgedruckt, auf der folgenden Seite die Anzeige eines Fotostudios für Hunde zusammen mit einem Bild dieser Tiere. Auf Seite 5 sticht eine Werbung für Hundespielzeug ins Auge, und danach beginnen die Artikel – erst der Leitartikel des Chefredakteurs der Zeitschrift zum Thema Grausamkeit gegen streunende Hunde mit Bildern, die dazu im Netz veröffentlicht worden sind, dann ein ausführlicher Artikel über das Spielen von Hunden und ihre Lieblingsspielzeuge, weiter ein Artikel über Grundregeln für die Erziehung von Hunden, ein langer Artikel zur Frage, wie man die richtigen Bedingungen für das Zusammenleben eines zweiten Hundes mit dem ersten Hund schaffen kann, dann ein Artikel zur Frage, ob man Hunde an der Leine führen soll oder nicht, schließlich ein Artikel über Zwergspitze und so weiter bis zum Schluss.

Alkoholkonsum kann tödlich sein

Wenn wir nun Krawattentragen und Hundehalten als westliche Erscheinungen bezeichnen, so müssten wir mit dem Konsum alkoholischer Getränke, halten wir uns an das Zeugnis Tausender von Seiten der klassischen persischen Literatur, eigentlich anders verfahren. Von Weingenuss ist in dieser Literatur so häufig die Rede, dass einem beim Durchblättern der gesammelten Werke persischer Dichter die Hände von Wein triefen. Letzthin hat die Weltgesundheitsorganisation bekanntgegeben, dass der Pro-Kopf-Konsum von Alkohol in Iran höher ist als in Russland, Deutschland, Großbritannien und Amerika und Iran damit auf Platz neunzehn liegt.
Nun ist in einem Iran wie heute der Genuss alkoholischer Getränke, ob er nun zur Trunkenheit führt oder nicht, verboten und wird mit achtzig Peitschenhieben bestraft. Wenn jemand dreimal wegen Alkoholkonsums verhaftet wird, so wird er beim dritten Mal nach dem Strafgesetz der Islamischen Republik hingerichtet. Zwar sind Konsum und Handel alkoholischer Getränke in Iran verboten, doch berichten manche Quellen von mehr als 200.000 Personen, die in Iran im Handel mit Spirituosen tätig sind.

Anderen Quellen zufolge werden in Iran jedes Jahr mehr als achtzig Millionen Liter Alkohol konsumiert. Wie die Drogenbekämpfungsstelle bekanntgibt, vergehen von der telefonischen Bestellung eines alkoholischen Getränkes jeder beliebigen Marke bis zur Lieferung nur siebzehn Minuten. Die Motorradkuriere, welche diese Getränke im furchtbaren Teheraner Straßenverkehr express dem Kunden ins Haus bringen, heißen Mundschenk. Die Zahl der Alkoholiker in Iran hat in den letzten Jahren so stark zugenommen, dass der Leiter der Suchtverhütungsstelle der Gesundheitsbehörde vor einiger Zeit bekanntgegeben hat, die Alkoholentzugsstelle des Landes werde bald in fünf Provinzen tätig werden.

Dem Islam loyal – und korrupt

Das Alkoholverbot hat der Verbreitung alkoholischer Getränke aus Eigenproduktion und sogar dem Konsum von Äthylalkohol Vorschub geleistet. Oft hat dies bei den Konsumenten zu Vergiftung, Erblindung oder gar zum Tod geführt. Interessanterweise liegt Saudi-Arabien, ein anderes islamisches Land in unserer Region, beim Pro-Kopf-Verbrauch alkoholischer Getränke ganz am Ende der Rangliste auf Platz 184.
Weiterhin vergeht seit ein paar Jahren kein Tag, ohne dass die Zeitungen von Unterschlagungen und finanziellen Unregelmäßigkeiten durch ehemalige Staatsbeamte berichten, die alle große Reden über die Loyalität zu den islamischen Idealen führten. Die Zeitungen bezeichnen diese Form der Korruption als schwarze organisierte Korruption. Der erste Ressortleiter von Präsident Rohani hat dazu erklärt: „Bis jetzt waren noch nie so viele hohe Beamte angeklagt oder im Gefängnis.“ An anderer Stelle fügte er hinzu: „Leider hat die Bestechung den Körper des Landes und des Staates wie Termitenfraß befallen.“ Zum Fall eines Angeklagten, der Gelder in Höhe von umgerechnet 2,7 Milliarden Dollar unterschlagen haben soll, äußerte er: „Der Angeklagte ist zurzeit in Haft, aber wir haben keinen Hinweis darauf, wie er an Geld in solcher Höhe gelangen konnte.“

Schwarze Korruption, Weiße Ehe

In einem gewaltigen Unterschlagungsfall in einer Bank, bei dem es um 831 Millionen Euro geht, sitzen zurzeit zwei Ressortleiter des letzten Präsidenten in Haft. Ein Abgeordneter hatte dazu erklärt: „Es gibt weitere ähnliche Fälle wie die Unterschlagung von 831 Millionen Euro. Aber da uns verboten worden ist, darüber zu sprechen, schweigen wir eben.“ Ein anderer Abgeordneter sagte: „Wenn bei Vorwürfen gegen hohe Beamte wegen Korruption schon früher ermittelt worden wäre, hätten die Betreffenden so etwas nicht getan.“


Heutzutage probieren manche Paare in Iran das Zusammenleben unter einem Dach aus, ohne nach dem Gesetz verheiratet zu sein, eine Erscheinung, die „weiße Ehe“ heißt. Statistische Angaben fehlen, aber es handelt sich um eine Erscheinung, die immer gebräuchlicher wird und für die jeder in Teheran in seinem Freundes- und Bekanntenkreis oder in der Nachbarschaft zahlreiche Beispiele kennt. Doch anstatt sich mit dieser Erscheinung auseinanderzusetzen, die Hintergründe für ihre Entstehung zu untersuchen und ihren Zusammenhang mit den strukturellen und kulturellen Gegebenheiten Irans heute zu bedenken, machen die Zuständigen unter großem Getöse ein Politikum daraus. Und so entwickelt sich dieses Phänomen eben im Untergrund des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens weiter.
Der Minister für islamische Kultur und Rechtleitung hat warnend auf die Verbreitung dieser Art des Zusammenlebens hingewiesen. Dennoch wissen wir darüber nur so viel, dass es existiert. Im letzten April ist die Zeitschrift „Die Frauen“, die ihren Aufmacher diesem Thema widmete, mit der Begründung, sie verbreite Unzucht und Sittenlosigkeit, eingestellt worden. In den Staatsmedien ist von Personen, die in weißer Ehe leben, und von ihren wahren Motiven keine Rede. Sie werden nur als eine Handvoll Irregeleiteter erwähnt. In den Medien der Hardliner wird diese Erscheinung „Gratisunzucht“ genannt.

Die Mittelschicht gibt den Ton an

Zu den Wunderdingen, die sich in den letzten Tagen in Iran ereignet haben, gehört die Online-Veröffentlichung des Clips des Rapsängers einer Untergrundband. Dieser Sänger ist unter Jugendlichen sehr beliebt. Natürlich hat er keine Bewilligung für die Veröffentlichung seiner Werke in Iran, denn grundsätzlich sieht der iranische Staat in solchen Musikrichtungen das Werk der Kohorten des Teufels. Die Musik des neuesten Videos dieses Sängers, die auf einem Schiff der iranischen Marine bei einer Truppenparade aufgeführt wird, vermittelt die Botschaft, dass keine Macht uns den Besitz der Atomenergie zu friedlichen Zwecken streitig machen kann. Im Abspann des Clips werden die Namen von Institutionen wie der Marine und der Sicherheitskräfte der Islamischen Republik eingeblendet. Dieser Clip findet sich derzeit auf den Smartphones der iranischen Jugendlichen. So wird der Teufel zum Vermittler einer Botschaft!
Die Organe, die für die Durchsetzung der islamischen Gesetze auf der Straße und in der Öffentlichkeit, ja sogar im Haus zuständig sind, geben nicht klein bei. Jedoch schlägt die Gesellschaft eine andere Richtung ein. Die iranische Mittelschicht verbreitert sich stetig, sei es mit oder ohne Atomabkommen und ungeachtet des Dauerkonflikts mit der Staatsmacht, und gibt mit ihrer Kultur, die stark von der westlichen oder überhaupt der globalen Kultur geprägt ist, in der ganzen Gesellschaft den Ton an. Daran sieht man, wie wirklichkeitsfremd es ist, wenn manche Menschen im Westen meinen, bei Iran handle es sich um eine Kreuzung zwischen Saudi-Arabien und Nordkorea mit einem Schuss Libyen zur Zeit von Gaddafi.
Aus dem Farsi übersetzt von Urs Gösken.
Amir Hassan Cheheltan wohnt in Teheran. Seine Romane „Iranische Dämmerung“ und „Der Kalligraph von Isfahan“ werden im September in Deutschland erscheinen.
Quelle: F.A.Z.

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