Ist der Mittwoch im Iran weiß oder golden?

17.07.2019 – DW- Trotz Spannungen mit den USA sind im Iran die Machthaber mit ihrem Lieblingsthema beschäftigt, dem Kopftuchzwang. Nun starten konservative Frauen eine Kampagne für das Tragen von Kopftüchern: den Goldenen Mittwoch.

Der Mittwoch muss golden werden. Fromm mit Freude. Die neu gestartete Kampagne „Der Goldene Mittwoch“ in einer Kleinstadt am Kaspischen Meer soll den iranischen Frauen zeigen, wie schön das Kopftuchtragen sein kann.

Die Hafenstadt Bandar-e Anzali ist ein beliebtes Reiseziel im heißen iranischen Sommer. Nun sprechen junge Sittenwächterinnen jeden Mittwoch Frauen auf der Straße an, um ihnen zu zeigen, wie sie ihr Kopftuch am besten tragen.

Kopftuchpflicht seit 40 Jahren

Seit der Islamischen Revolution 1979 gilt für Frauen im Iran eine strenge Kleiderordnung. Dazu gehört das Kopftuch in der Öffentlichkeit. Und seitdem führen selbstbewusste und emanzipierte Frauen einen stillen Kampf mit den Sittenwächtern, um sich von der Kopftuchpflicht zu befreien, wie Masih Alinejad.

Masih Alinejad ist Journalistin und lebt heute in New York. Im Sommer 2016 hatte sie mit ihrer Kampagne „Meine verstohlene Freiheit“ („My Stealthy Freedom“) zu Protesten gegen den Kopftuchzwang aufgerufen.

Am „Weißen Mittwoch“, wie Masih Alinejad ihre Kampagne nennt, sollten die Iranerinnen weiße Hijabs und Kleidung tragen. Viele Frauen schicken ihre Bilder und Videos, die aber zeigen, dass sie am liebsten gar kein Kopftuch tragen.

„In den letzten zwei Jahren haben die Sittenwächter versucht, Frauen, die unsere Kampagne unterstützen, zu unterdrücken“, sagt Masih Alinejad im DW-Interview. „Nun haben sie eine gegen Kampagne gestartet.“

Weiß versus golden

„Es fühlt sich nicht gut an, das Kopftuch zu tragen“, beschwert sich Bita im Gespräch mit der DW. Bita ist 17 Jahre jung. Ihr Kopftuch trägt sie nur widerwillig. Sie lässt das dünne bunte Tuch gerne von ihrem Kopf fallen, wo auch immer es geht. Einfach ist es nicht.

Das Kopftuch in der Öffentlichkeit abzunehmen ist eine Straftat, die sofort unangenehme Konsequenz mit sich bringt. Die Kleiderordnung sei die „rote Linie“ der Islamischen Republik, warnte der iranische Generalstaatsanwalt Mohammad Jafar Montazeri. Die Justiz werde keine Vernachlässigung dulden. Frauen, die ihr Kopftuch abnehmen, werden oft zusammengeschlagen und verhaftet.

Strafverfolgung

Vor zwei Jahren stieg zum Beispiel Aktivistin Wida Mowahed auf einen Stromkasten an einer viel befahrenen Straße in der Hauptstadt Teheran. Die 32-Jährige nahm aus Protest ihr Kopftuch ab. Sofort wurde sie verhaftet und saß für ein Jahr im Gefängnis.

Die Initiatorin des „Weißen Mittwochs“ Masih Alinejad hat Frauen aufgefordert, gewaltsame Auseinandersetzungen mit den Sittenwächtern zu dokumentieren und ihr mit dem Hashtag „unsere Kamera unsere Waffe“ zu schicken.

In sozialen Netzwerken häufen sich die Meldungen der Nutzerinnen, wie die polizeiliche Vorladung: „Sie müssen sich innerhalb von zehn Tagen bei der Polizei melden und dort schriftlich versichern, dass sie sich künftig an die islamische Kleidungordnung halten.“

Ferner fordert die Polizei der 20-Millionen-Metropole Teheran ihre Bürger auf, Verstöße gegen den Kopftuchzwang per Handykurznachricht zu melden. Besonders im Visier der Sittenwächter: Frauen, die im eigenen Auto unterwegs sind und dort ihr Kopftuch nicht ordnungsgemäß tragen.

Unterschiedliche Reaktionen

Erwischt wurde offenbar eine Autofahrerin, die sich auf Twitter einen männlichen Namen „Sheldon“ gegeben hat. „Ich will meinem Mitbürger sagen, der mich angezeigt hatte“, so Sheldon auf Twitter und nicht ganz sparsam mit dem F-Wort, „von nun an fahren alle Frauen in meinem Auto ohne Kopftuch“.

Andere Blogger sind besorgt über die Spaltung der Gesellschaft durch die Debatte um das Kopftuch wie Zeinab Heidari. Ihr Profilbild auf Twitter zeigt eine junge Frau mit Kopftuch. „Egal ob für oder gegen Hijab“, schreibt sie, „wir sind trotzdem gute Freundinnen. Gegenseitige Anzeigen verursachen nur Uneinigkeit. Lass uns doch unsere Liebe fotografieren.“

Ob weiß oder golden: Aktivistin Masih Alinejad zeigt sich weiterhin kämpferisch. „Unsere Kampagne wurde zuerst ignoriert, dann verspottet. Nun gibt es eine amtliche Auflage der Gegenkampagne. Mir geht es nur darum, dass die Frauen im Iran das Recht zur Selbstbestimmung bekommen, was sie anziehen wollen und was nicht!“

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