Chef der Schattenkrieger                            

Qasem Soleimani, der jetzt vom US-Militär getötet wurde, war das Mastermind der iranischen Quds-Brigaden. Die Elitekämpfer gelten als Task Force des Regimes in Teheran, sie mischen in allen Konflikten der Region maßgeblich mit. 

Von Dominik Peters – Freitag, 03.01.2020  – Spiegel –  Für die USA war Qasem Soleimani einer der größten Staatsfeinde. Der Befehlshaber der Quds-Brigaden kontrollierte und koordinierte die Einsätze der iranischen Eliteeinheit, die im Irak, in Syrien und im Libanon, aber auch im Jemen aktiv ist und die Vernichtung Israels zum Ziel hat.

Er war das Mastermind der schiitischen Schattenkrieger, so gefürchtet wie die beiden von den USA getöteten sunnitischen Terrorfürsten des jungen 21. Jahrhunderts: Ex-Qaida-Chef Osama bin Laden und Abu Bakr al-Baghdadi, Anführer des „Islamischen Staats“.

Nun ist auch Qasem Soleimani tot. Das US-Militär tötete den 62-Jährigen in der Nacht auf Freitag nahe dem internationalen Flughafen von Bagdad – mit einer MQ-9 Reaper-Drohne, durch die auch Abu Mahdi al-Muhandis starb, ein mächtiger irakischer Milizenführer. Er hatte die jüngsten Massenproteste vor der US-Botschaft in Bagdad mutmaßlich mitorganisiert und stand in enger Verbindung zu Iran. Für das Regime in Teheran kommt die Ermordung Soleimanis einer Kriegserklärung gleich.

Was sind die Quds-Brigaden?

Soleimani war schweigsam. Nur selten äußerte sich der 1,66 Meter kleine Mann, der mit der Quds-Brigade eine der mächtigsten Eliteeinheiten im Nahen Osten unter seinem Befehl hatte, öffentlich.

Wenn er es doch tat, war er sehr präzise: „Wir sind ganz nah, sogar dort, wo ihr uns nicht erwartet. Kommt nur. Wir sind bereit“, sagte er etwa 2018 an US-Präsident Donald Trump gerichtet. „Wenn ihr den Krieg beginnt, werden wir ihn beenden.“ Und fügte hinzu, die Vereinigten Staaten würden die Stärke seines Landes und die Fähigkeit zum asymmetrischen Kampf kennen.

Die Quds-Brigaden sind spezialisiert auf ebendiesen asymmetrischen Kampf im Ausland. Die Eliteeinheit hat offiziell rund 5000 Mann unter Waffen, die am Boden, in der Luft und zu Wasser aktiv sind. Sie gehören organisatorisch den iranischen Revolutionsgarden an, die mindestens so mächtig sind wie die offizielle Armee des Landes. Die schiitischen Schattenkämpfer gelten als Schild und Schwert des Regimes in Teheran. Der Befehlshaber der Quds-Brigaden erhält seine Befehle direkt von Ajatollah Ali Khamenei, dem Obersten Revolutionsführer.

Wo sind sie aktiv?

Die Quds-Brigaden sollen die Ziele der Islamischen Revolution von 1979 in der gesamten muslimischen Welt aktiv verbreiten. Sie unterstützen und koordinieren deshalb unter anderem schiitische Kräfte in der arabischen Welt, um die Hegemonie der sunnitischen Hegemonialmacht Saudi-Arabien zu torpedieren.

„Quds“, der Name der mythenumrankten Task-Force, bedeutet: Jerusalem. Die Eroberung der für Juden, Christen und Muslime gleichermaßen bedeutende Stadt – und damit die Zerstörung Israels – ist ein weiteres langfristiges Ziel der Quds-Brigade.

Seit ihrer Gründung im Zuge des Iran-Irak-Krieges Anfang der Achtzigerjahre waren die Kämpfer der Quds-Brigade in vielen Ländern aktiv, unter anderem in Afghanistan. Die Auf- und Umbrüche infolge des Arabischen Frühlings hat Iran geschickt genutzt, um seinen Einfluss in der Region auszubauen, einen sogenannten Schiitischen Halbmond von Teheran bis ans Mittelmeer aufzubauen. Die Quds-Brigaden von Soleimani hatten daran maßgeblichen Anteil.

Sie sind als Militärberater schiitischer Milizen im Irak und im Libanon aktiv, ebenso im Jemen und in Syrien. Baschar al-Assad etwa, der Diktator von Damaskus, hätte ohne Soleimanis Männer den Kampf um das Bürgerkriegsland nicht zu seinen Gunsten drehen können, und auch bei der Bekämpfung der sunnitischen Terrormiliz IS im Irak und in Syrien sind sie im Einsatz.


Wie reagieren die Quds-Brigaden?

Qasem Soleimani war seit Ende der Neunzigerjahre Befehlshaber der Quds-Brigaden. Er plante nicht nur die Einsätze der Eliteeinheit, sondern zeigte sich auch oft an ihren Fronten, vor allem in Syrien und im Irak. Seine gezielte Tötung wird Iran nicht unbeantwortet lassen. Das Regime in Teheran hat bereits mit Vergeltung gedroht. Offen ist, wie die aussehen wird.

Der Stellvertreter von Soleimani, Brigadegeneral Esmail Ghaani, soll neuer General der Quds-Brigaden werden. An den Aufgaben der Brigaden ändere sich nichts, teilte Ajatollah Khamenei über die staatlichen Medien mit.

Vor allem im Irak ist nach dem Mord an Soleimani und Abu Mahdi al-Muhandis die Gefahr nun groß, dass die dortigen schiitischen Milizen unter Führung der Quds-Brigaden die verbliebenen rund 5000 US-Soldaten angreifen werden.

Der Nachrichtenagentur AFP zufolge hat der einflussreiche irakische Schiitenführer Muqtada al-Sadr seine vor einem Jahrzehnt offiziell aufgelöste Anti-US-Miliz wieder zum Kampf aufgerufen, die rund 60.000 Männer sollen sich demnach bereithalten.

US-Präsident Donald Trump, nur das scheint sicher, wird die Zahl der Soldaten im Nahen Osten so schnell nicht reduzieren können.

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