Schiiten-Hochburg Ghom-Iran: Heiligtum als Corona-Quelle im Verdacht

Ghom ist eine Hochburg der schiitischen Kleriker. Die ersten beiden Corona-Fälle im Iran wurden dort am 19. Februar gemeldet.

Das Coronavirus betrifft Iran besonders stark. Tagelanges Abstreiten der Regierung gab dem Virus Zeit, sich auszureiten. Im Zentrum der Ausbreitung steht die heilige Stadt Ghom.

17.03.2020 – ZDF – Stark schwitzend und hustend trat der oberste Coronavirus-Bekämpfer des Irans vor die Kameras und sicherte zu, dass der Erreger keine Gefahr für das Land sei. „Quarantänen gehören in die Steinzeit“, sagte Iradsch Harirtschi. Einen Tag später befand er sich wegen des Coronavirus in Quarantäne.

Naher Osten: Neun von zehn Corona-Fällen im Iran

Die Anekdote steht exemplarisch für die Entwicklung der Epidemie im Iran. Etwa neun von zehn Infektionsfällen im Nahen Osten entstammen der Islamischen Republik. Mehr als 16.100 Infektionen und über 980 Todesfälle hat sie vermeldet. Es wird aber befürchtet, dass die tatsächliche Zahl der Infektionsfälle höher liegt.

Während der Staat den 41. Jahrestag der Islamischen Revolution mit Massenversammlungen feierte und dann eine Parlamentswahl abhielt, bei der die Staatsführung sich um eine hohe Beteiligung bemühte, hatte das Virus Zeit und Möglichkeiten, sich auszubreiten.

Obwohl der Iran im Vergleich zu manchen Nachbarländern ein relativ gutes Gesundheitssystem hat, scheinen die Krankenhäuser überlastet zu sein. Die Behörden haben um 172 Millionen Mundschutz-Masken aus dem Ausland gebeten.

Der Iran bittet IWF erstmals um Kredit

Der Iran hat den Internationalen Währungsfonds IWF um fünf Milliarden Dollar (4,5 Milliarden Euro) gebeten. Es ist das erste Mal seit Gründung der Islamischen Republik 1979, dass der Iran beim IWF einen Kredit beantragt hat. Dies zeige, „wie ernst die Lage wird und dass sie merken, dass sie außer Kontrolle geraten ist“, erklärt Amir Afkhami von der George Washington University, der zum Iran forscht.

Am Freitag steht das persische Neujahrsfest Newroz an. Der oberste geistliche Führer, Ajatollah Ali Chamenei, verbot kurz davor mit seiner religiösen Autorität alle „unnötigen“ Reisen.

Was als nächstes passieren wird, ist nicht bekannt, doch es wird nicht nur die Zivilregierung und die schiitische Theokratie betreffen, deren Mitglieder bereits teilweise an Covid-19 erkrankt sind, sondern die ganze Welt.

Epidemie hat sich vermutlich von Ghom ausgebreitet

Behörden vermuten, dass die Epidemie sich im Iran von der Stadt Ghom aus ausgebreitet hat. Ghom ist eine Hochburg der schiitischen Kleriker und liegt etwa 125 Kilometer südwestlich von Teheran. Die ersten beiden Sars-CoV-2-Fälle im Iran wurden am 19. Februar bekannt gegeben. Beide Opfer starben in Ghom.

Die Behörden hielten den dortigen Fatima-Massumeh-Schrein gleichwohl geöffnet, der rund um die Uhr und an jedem Tag der Woche von Menschenmengen besucht wird, die die Heiligtümer berühren und küssen.

„Der religiöse Beiname der Stadt – ‚das Heim des Propheten und seiner Familie‘ – sollte Gläubigen weltweit versichern, dass sie vor Epidemien und anderen Katastrophen geschützt ist“, sagte Mehdi Khalaji, der in Ghom Theologie studiert hat und am Washington Institute for Near-East Policy als Analyst tätig ist.

Einige Schreine wegen Corona geschlossen

„Wenn anfängliche Berichte über die Ausbreitung des Coronavirus sich als zutreffend erweisen, half der Status von Ghom als ideologischer Hauptstadt der islamischen Revolution, sie zum Zentrum der Verbreitung des Krankheitserregers in den übrigen Iran und mindestens sieben andere Länder zu machen.“

Seither haben Arbeiter in Schutzanzügen die Schreine desinfiziert.
Der Fatima-Massumeh-Schrein und ein anderes Heiligtum in der Stadt Mesched wurden geschlossen. Medienberichten zufolge stürmten Fundamentalisten daraufhin die Höfe der Schreine und forderten deren Öffnung.

Irans Vize-Gesundheitsminister räumt Fehler ein

Im Iran stirbt ein höherer Anteil der Infizierten als in anderen stark betroffenen Ländern. Internationale Experten und sogar manche iranische Politiker und Funktionäre haben die Vermutung geäußert, dass der Staat die tatsächliche Zahl der Infektionen und Todesopfer verheimlicht.

Wir bemerkten etwas zu spät, dass das Coronavirus den Iran erreicht hatte, da wir es fälschlicherweise für die Grippe hielten

Resa Maleksadeh, stellvertretende Gesundheitsminister Iran

Ein Mann in Ghom filmte Reihen mit Leichen in schwarzen Säcken und Särgen, die in einem Graben auf ihre Bestattung warteten. Er behauptete, dass bei allen das Virus festgestellt worden sei. Von offizieller Seite hieß es, die Beerdigungen seien verschoben worden, um die Testergebnisse abzuwarten. Der Mann wurde später verhaftet.

Viele Iraner misstrauen Staatsmedien

Viele der 80 Millionen Iraner misstrauen den Staatsmedien und drängen sich in Lebensmittelgeschäften und Metzgereien. Auf im Internet veröffentlichten Videos ist auch zu sehen, dass Iraner die Aufforderungen, zu Hause zu bleiben, ignoriert haben und sich zu den Küsten am Kaspischen Meer und dem Persischen Golf aufgemacht haben.

Harirtschi, der Gesundheitsfunktionär, der sich selbst infizierte und Quarantänen als überholt dargestellt hatte, sagte: „Ich bitte die Menschen, ihre Reisen und Kontakte zu minimieren und die infizierten Personen vollständig von anderen zu isolieren.“

 

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