Iranische Experten befürchten wegen Untätigkeit der Regierung 3,5 Millionen Tote

17.03.2020- DW – Der Iran ist neben China und Italien am stärksten von der Corona-Pandemie betroffen. Fehlende internationale Hilfe und widersprüchliche Maßnahmen könnten zu einer Katastrophe führen.

Wissenschaftler von der angesehenen Scharif-Universität in Teheran haben mit Computermodellen verschiedene Szenarien für den weiteren Verlauf der neuartigen Virus-Epidemie im Iran simuliert. Das Ergebnis für den günstigsten anzunehmenden Fall: Falls die Regierung alle Risikogebiete unter Quarantäne stellen würde, falls die Bevölkerung allen Anweisungen diszipliniert folgen würde und falls es keinen Mangel bei der medizinischen Versorgung gäbe, würde das Land schon in knapp einer Woche den Höhepunkt der Pandemie erreichen und etwa 12.000 Todesopfer zu beklagen haben.

Allerdings sind diese Annahmen unrealistisch: Die Regierung kann keine Quarantäne verhängen. Die Menschen ignorieren die Anweisungen der Behörden. Die medizinische Versorgung ist wegen der US-Sanktionen und chronischen Missmanagements katastrophal.

Vergrößerung von Friedhöfen

Unter Zugrundelegung dieser realistischen Annahmen kommen die Experten (s. Tweet von Raza Kashef) aus Teheran mit ihrer Modellrechnung zu folgender Prognose: Iran wird erst Ende Mai den Höhepunkt der Corona-Pandemie erreichen, die Zahl der Todesopfer würde den Hochrechnungen zufolge dann auf 3,5 Millionen steigen.

Schon die offiziellen Angaben zeigen den Ernst der Lage. Mehr als 16.000 Infizierte wurden bislang offiziell registriert. Den Behörden zufolge sind im Iran bislang 988 Menschen an Covid-19 gestorben (Stand 17.3.).

Der Iran ist momentan das Land mit der dritthöchsten Anzahl an Corona-Toten. Die Dunkelziffer dürfte allerdings deutlich höher sein. Die WHO erklärte heute, die Zahl könne um Faktor fünf höher liegen.

In der Stadt Ghom, wo der erste Todesfall am 18. Februar bestätigt wurde, haben die Behörden viele Gräber vorbereitet. Die „Washington Post“ veröffentlichte am 12. März Satellitenbilder, die zeigen, wie ein Friedhof am Rande der Stadt binnen kürzester Zeit stark erweitert wurde. Auf einer mehrere Fußballfelder großen Fläche wurden lange Reihen mit Gräbern ausgehoben.

Ausgerechnet in dieser Stadt wollen religiöse Fanatiker den Ernst der Lage nicht begreifen. Nach Wochen des Zögerns hatten die Behörden endlich den Schrein der Fatima Masuma, einer Urenkelin des Propheten Mohammed, geschlossen. Aber am Montagabend durchbrachen Gläubige die Eingangssperre dieses schiitischen Wallfahrtsorts, um sich dort zu versammeln und gemeinsam zu beten.

„Quarantäne für Teheran unrealistisch“

Die Regierung in Teheran hatte es gegen den Widerstand religiöser Kreise nicht geschafft, Ghom, etwa 130 Kilometer südlich der Hauptstadt unter Quarantäne zu stellen. In Teheran, mit den meisten Todesfällen als Folge der Virusinfektion, herrscht unterdessen Kompetenzwirrwarr. Irans religiöser Führer Ajatollah Ali Chamenei hatte am Sonntag der Armee befohlen, bei der Bekämpfung des Corona-Virus den Anweisungen der Regierung Rohani zu folgen. Dabei war es Chamenei selbst, der erst zwei Tage zuvor in seiner Eigenschaft als Befehlshaber der iranischen Streitkräfte die Armee beauftragt hatte, den Kampf gegen Corona zu übernehmen. Wer ist also zuständig und verantwortlich?

Innerhalb von zehn Tagen wollte Armeechef Mohammed Bagheri Herr der Lage werden. Gerüchte über eine Ausgangssperre in Teheran machten die Runde. Am Sonntag aber teilte Präsident Rohani mit, die Verhängung von Quarantäne und anderen einschneidenden Maßnahmen würden vom Krisenstab der Regierung entschieden und nicht außerhalb der Regierung. Rohani wiederum weigert sich bis jetzt, das Land in den Krisenmodus zu setzen oder zumindest die Hauptstadt unter Quarantäne zu stellen.

„Wir haben gar nicht die Kapazitäten und Fähigkeiten, Teheran unter Quarantäne zu stellen“, gab am Ende Pirouz Hanachi zu, der Bürgermeister von Teheran. „Wir können die Menschen unter Quarantäne nicht versorgen. Auch wegen der Sanktionen.“

Sanktionen erschweren Medizin-Importe

Zum ersten Mal seit über 50 Jahren beantragte die Regierung am Donnerstag einen Kredit beim Weltwährungsfonds. Sie erbat fünf Milliarden Dollar zur Krisenbekämpfung. Doch selbst damit wird das Regime nicht auf Einkaufstour gehen können – Washingtons Sanktionen erschweren die für den Import nötigen finanziellen Transaktionen, auch bei medizinischen und humanitären Gütern.

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