{"id":142,"date":"2014-07-11T14:38:55","date_gmt":"2014-07-11T12:38:55","guid":{"rendered":"http:\/\/iransos.com\/deutsch\/index.php\/2014\/07\/11\/die-iranische-angst-vor-der-verhuetung\/"},"modified":"2014-07-11T14:38:55","modified_gmt":"2014-07-11T12:38:55","slug":"die-iranische-angst-vor-der-verhuetung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iransos.com\/deutsch\/?p=142","title":{"rendered":"Die iranische Angst vor der Verh\u00fctung"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"> \t10. Juli 2014 &#8211; Die Welt- Irans F&uuml;hrung hat Angst vor einer &Uuml;beralterung des Landes &ndash; mit einer Kehrtwende will sie das verhindern. Gelder f&uuml;r kostenfreie Verh&uuml;tung werden gek&uuml;rzt, dauerhafte Sterilisation zur Straftat. Jahrelang wurden im Iran Kondome, die Pille und andere Verh&uuml;tungsmittel von Staat bezuschusst, Eheleute wurden aufgekl&auml;rt und Sterilisationen staatlich unterst&uuml;tzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \tDamit ist es jetzt vorbei. Ein neues Gesetz soll k&uuml;nftig chirurgische Eingriffe, die Frauen oder M&auml;nner unfruchtbar machen, zu einer Straftat erkl&auml;ren, die mit zwei bis f&uuml;nf Jahren Haft geahndet werden kann. Auch Werbung f&uuml;r Verh&uuml;tung wird durch die Gesetzesvorlage, die am 24. Juni in der ersten Lesung vom Parlament verabschiedet wurde, strafbar. Denn die F&uuml;hrung des Landes will mehr Kinder, weil der Anteil der &auml;lteren Bev&ouml;lkerung rapide anzusteigen droht.<br \/> \tF&uuml;r diesen Kindersegen soll das neue Gesetz sorgen, f&uuml;r das 106 Abgeordnete mit &quot;Ja&quot; und 72 mit &quot;Nein&quot; gestimmt haben. Pr&auml;sident Hassan Ruhani gef&auml;llt das nicht, er sprach sich dagegen aus.<br \/> \tDas Sterilisationsverbot, dem der W&auml;chterrat noch zustimmen muss, ist eine absolute Kehrtwende in der Familienpolitik des Landes, die sich in den letzten Jahren der Amtszeit Mahmud Ahmadinedschads langsam abzeichnete. Seit vergangenem Juli steckt die Regierung das Geld nicht mehr in Aufkl&auml;rung und kostenlose Verh&uuml;tungsmittel, sondern in eine Verl&auml;ngerung der Mutterschaftszeit von sechs auf neun Monate und einen zweiw&ouml;chigen Vaterschaftsurlaub. Sogar &uuml;ber Goldm&uuml;nzen als Belohnung f&uuml;r Neugeborene wurde Medienberichten zufolge diskutiert.<\/p>\n<p> \tAngst vor &Uuml;beralterung<\/p>\n<p> \tMit diesen Ma&szlig;nahmen verfolgt das Regime hochgesteckte Ziele: Mindestens verdoppeln will Ajatollah Ali Khamenei, der Oberste F&uuml;hrer des Landes, die Bev&ouml;lkerung, die heute etwa 78 Millionen Menschen z&auml;hlt. Zurzeit liegt das j&auml;hrliche Bev&ouml;lkerungswachstum laut Weltbank im Iran bei 1,3 Prozent (in Deutschland bei 0,2 Prozent) &ndash; ein vergleichsweise guter Wert. Selbst bei der aktuellen Geburtenrate von weniger als zwei Kindern wird die Zahl der Bewohner des Landes bis 2050 auf 100 Millionen ansteigen.<br \/> \tDie gr&ouml;&szlig;te Sorge bereitet der iranischen F&uuml;hrung allerdings der ebenfalls starke Anstieg des Anteils der &auml;lteren Bev&ouml;lkerung. Die Anzahl der Alten im Vergleich zu der Zahl der j&uuml;ngeren Iraner wird in Zukunft stark zunehmen. Der Grund: In dem Land sank in nur 30 Jahren die Geburtenrate von fast sieben Kindern pro Paar auf heute weniger als zwei Kinder. Die kinderreichen Jahrg&auml;nge kommen schlie&szlig;lich irgendwann ins Seniorenalter.<br \/> \t&quot;Ein junges Image ist essenziell und ein wichtiges Thema f&uuml;r das Land. Und die L&auml;nder, die mit Vergreisungsproblemen konfrontiert waren, sind nur sehr schwer dar&uuml;ber hinweggekommen&quot;, zitierte die offizielle Nachrichtenagentur Irna Khamenei. Die Geburtenkontrolle bezeichnete er heute als Fehler.<\/p>\n<p> \tGesetz bedeutet R&uuml;ckschritt<\/p>\n<p> \tExperten wie etwa Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts f&uuml;r Bev&ouml;lkerung und Entwicklung, hingegen loben das Land f&uuml;r seine bisher im Vergleich zu anderen islamisch gepr&auml;gten L&auml;ndern eher vorbildliche Familienplanungspolitik. &quot;Der Iran ist eigentlich ein relativ modernes Land, was man durch die Kruste des islamischen Systems oft nicht sieht. Es hat einen vergleichsweise hohen Bildungsstand, auch bei den Frauen. Au&szlig;erdem leben die Iraner im Privaten einen relativ s&auml;kularen Lebensstil und 70 Prozent von ihnen wohnen in St&auml;dten. Diese Faktoren f&uuml;hren erfahrungsgem&auml;&szlig; zu einer niedrigen Kinderzahl&quot;, sagt er der &quot;Welt&quot;. Die Kriminalisierung von Sterilisation h&auml;lt er f&uuml;r einen unsinnigen Schritt, der das negative Ziel verfolge, die sozio&ouml;konomischen Entwicklungen zur&uuml;ckzudrehen.<br \/> \tDass dadurch die Geburtenzahl in die H&ouml;he schnellt, bezweifelt er. &quot;Wenn die Leute erst einmal ein gewisses Wissen und bestimmte Freiheiten haben, geben sie diese nat&uuml;rlich ungern wieder her. Das hat sich auch in Rum&auml;nien oder in Bulgarien gezeigt, wo zu kommunistischen Zeiten auch solche Gesetze eingef&uuml;hrt wurden. Diese hatten immer nur einen kurzen Effekt. Dann finden Menschen Mittel und Wege, die Verbote zu umgehen&quot;, sagt Klingholz.<\/p>\n<p> \tHeirat und Kinder sind zu teuer<\/p>\n<p> \tAuch angesichts der schlechten wirtschaftlichen Lage h&auml;lt der Wissenschaftler es eher f&uuml;r unrealistisch, dass sich die W&uuml;nsche von Ajatollah Khamenei erf&uuml;llen werden: &quot;In L&auml;ndern, in denen die Kinderzahl ohnehin gering ist, sinken die Geburtenraten in wirtschaftlichen Krisen weiter. Nur in ganz armen L&auml;ndern steigen die Kinderzahlen, wenn es dem Land schlechter geht.&quot; Zwar sind einige Wirtschaftssanktionen, die dem Iran im Rahmen des Atomstreits auferlegt wurden, wegen der &Ouml;ffnung des Landes unter Pr&auml;sident Ruhani gewichen. Dennoch, die Inflation liegt immer noch bei &uuml;ber 30 Prozent, und die Arbeitslosigkeit ist ebenfalls hoch.<br \/> \t&quot;Viele junge Iraner ziehen es vor, weiter zu studieren und nicht zu heiraten. Die fehlenden finanziellen Voraussetzungen, um ein Haus zu kaufen und andere Ausgaben zu decken, sind ein andere Grund, aus dem die Jugend die Ehe aufschiebt und kein Interesse am Kinderkriegen hat&quot;, kommentiert Mohammad Jalal Abbasi, Leiter des Demografischen Instituts der Universit&auml;t Teheran, gegen&uuml;ber der Zeitung &quot;The Telegraph&quot; die Lage.<br \/> \tAnstelle von Verboten empfiehlt Demograf Klingholz, die Vorteile zu nutzen, die sich durch den zurzeit hohen jungen Bev&ouml;lkerungsanteil im Iran bieten: &quot;Der Iran ist jetzt in einer Phase des demografischen Bonus, da gro&szlig;e Anteile der Bev&ouml;lkerung im Erwerbsalter sind. Der Bonus h&auml;lt etwa 40 Jahre an, und in dieser Zeit muss man den Wohlstand erwirtschaften, um die sp&auml;tere Alterung zu &uuml;berstehen.&quot; Dazu aber sei es notwendig, die vielen jungen Menschen auch mit Arbeit zu versorgen, also in die Wirtschaftsentwicklung zu investieren.<br \/> \tDer Versuch, mit Verboten f&uuml;r dauerhafte Verh&uuml;tung und weniger Aufkl&auml;rung die Geburtenrate zu steigern, k&ouml;nnte au&szlig;erdem sogar gef&auml;hrliche Folgen haben. &quot;In L&auml;ndern, in denen beispielsweise Abtreibungen verboten sind, gibt es diese ja trotzdem, allerdings im Illegalen unter schlimmen Bedingungen, dann ist die Todesrate aber auch entsprechend hoch&quot;, sagt Demograf Klingholz. Das k&ouml;nnte auch im Fall von Sterilisationen geschehen. Weniger Staatsausgaben f&uuml;r kostenlose Verh&uuml;tung wie Kondome k&ouml;nnte zur Folge haben, dass sich sexuell &uuml;bertragbare Krankheiten wie HIV st&auml;rker verbreiten.<\/p>\n<p> \t&quot;Weniger Kinder, bessere Bildungschancen&quot;<\/p>\n<p> \tEinige Iraner d&uuml;rften sich angesichts der W&uuml;nsche nach gr&ouml;&szlig;eren Familien, die aus Reihen der iranischen F&uuml;hrung und Medienberichten zufolge auch in den Freitagspredigten laut werden, an die dunklen Kriegsjahre Anfang der 80er erinnert f&uuml;hlen. Damals warb das Regime f&uuml;r Kinderreichtum &ndash; neue K&auml;mpfer wurden gebraucht. Im Jahr 1986 lag das Bev&ouml;lkerungswachstum mit drei Prozent pro Jahr sehr hoch. Nachdem der Konflikt mit dem Irak 1988 beendet war, hie&szlig; es pl&ouml;tzlich: &quot;Weniger Kinder, bessere Bildungschancen.&quot;<br \/> \tMit einem Programm zur Geburtenkontrolle, das 1989 eingef&uuml;hrt wurde und Aufkl&auml;rung sowie frei zug&auml;ngliche Verh&uuml;tungsmittel f&uuml;r verheiratete Paare beinhaltete, sank die Geburtenrate von f&uuml;nf Kindern pro Frau im Jahr 1990 bis 2011 auf 1,7 Kinder. Immerhin 79 Prozent der verheirateten Frauen zwischen 15 und 45 Jahren nutzten laut Weltbank im Jahr 2005 Verh&uuml;tungsmittel, 16 Jahre zuvor waren es nur 49 Prozent.<br \/> \tDie Kleinfamilie wurde, wie schon zu Zeiten des Schahs, wieder gesellschaftsf&auml;hig. Dazu trugen auch die Aussagen der F&uuml;hrung bei, dass Geburtenkontrolle nicht gegen die islamischen Lebensgrunds&auml;tze versto&szlig;e.<\/p>\n<p> \t&quot;Eine Blume ist noch kein Fr&uuml;hling&quot;<\/p>\n<p> \tBereits im vergangenen Winter allerdings signalisierten gro&szlig;e Plakate in den Stra&szlig;en der St&auml;dte, dass diese Phase bald vorbei sein sollte. &quot;Eine Blume ist noch kein Fr&uuml;hling. Mehr Kinder, fr&ouml;hlicheres Leben&quot;, hie&szlig; es auf Plakatw&auml;nde, die an Teherans Stra&szlig;en zu sehen waren, wie unter anderem Al-Monitor berichtete.<br \/> \tZu sehen war darauf beispielsweise auf der einen H&auml;lfte ein angestrengt dreinblickender Vater mit einem traurigen Kind auf einem Tandem, auf der anderen H&auml;lfte des Plakats ein gl&uuml;cklicher Vater mit f&uuml;nf lachenden Kindern auf dem Rad. Die Mutter allerdings fehlt auf dem Bild. Kritiker sprechen davon, dass dies der Tatsache geschuldet sei, dass Fahrrad fahren f&uuml;r Frauen im Iran als unislamisch gebrandmarkt ist.<br \/> \tMehrere ausl&auml;ndische Medien berichteten im Dezember &uuml;ber eine Welle der Emp&ouml;rung &uuml;ber die Werbeplakate, auf denen die Mutter nicht gezeigt wurde. Die Nachrichtenseite &quot;Radio free Europe&quot; zitiert die iranische Frauenrechtlerin Sena Naseri mit den Worten: &quot;Die Mutter wurde nicht nur von den Bildern verbannt, ihr werden die Freuden des Lebens verwehrt, ihr wird vorenthalten, mit ihrem Mann und ihren Kindern zu picknicken &#8230;, denn sie ist damit besch&auml;ftigt, Kinder zu kriegen. Sie ist eine Geb&auml;rmaschine.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"> \t10. Juli 2014 &#8211; Die Welt- Irans F&uuml;hrung hat Angst vor einer &Uuml;beralterung des Landes &ndash; mit einer Kehrtwende will sie das verhindern. Gelder f&uuml;r kostenfreie Verh&uuml;tung werden gek&uuml;rzt, dauerhafte Sterilisation zur Straftat. Jahrelang wurden im Iran Kondome, die Pille und andere Verh&uuml;tungsmittel von Staat bezuschusst, Eheleute wurden aufgekl&auml;rt und Sterilisationen staatlich unterst&uuml;tzt.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-142","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/iransos.com\/deutsch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/142","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/iransos.com\/deutsch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/iransos.com\/deutsch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/iransos.com\/deutsch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/iransos.com\/deutsch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=142"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/iransos.com\/deutsch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/142\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/iransos.com\/deutsch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=142"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/iransos.com\/deutsch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=142"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/iransos.com\/deutsch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=142"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}