{"id":153,"date":"2014-08-29T16:26:06","date_gmt":"2014-08-29T14:26:06","guid":{"rendered":"http:\/\/iransos.com\/deutsch\/index.php\/2014\/08\/29\/was-duerfen-sie-wissen\/"},"modified":"2014-08-29T16:26:06","modified_gmt":"2014-08-29T14:26:06","slug":"was-duerfen-sie-wissen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iransos.com\/deutsch\/?p=153","title":{"rendered":"Was d\u00fcrfen sie wissen?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"> \t28.8.2014, NZZ &#8211; Joseph Croitoru: Wie schon sein liberaler Vorg&auml;nger Khatami tut sich der derzeitige iranische Pr&auml;sident schwer damit, selbst moderate Forderungen nach einer Lockerung der allgegenw&auml;rtigen staatlichen Zensur durchzusetzen. Diffamierung und Repression sind nach wie vor gebr&auml;uchliche Waffen in den H&auml;nden der Konservativen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \tMit der Wahl Hassan Rohanis zum Pr&auml;sidenten schienen sich im vergangenen Sommer in Iran nach einer langen Phase der Stagnation die Koordinaten zu verschieben. Zumindest im reformorientierten Lager war zun&auml;chst etwas von jener Aufbruchstimmung zu sp&uuml;ren, wie sie einst zu Beginn der Amtszeit Mohammed Khatamis aufgekommen war. Man hoffte, dass Rohani mit seinem umfassenden Reformplan dort Erfolg haben w&uuml;rde, wo Khatami gescheitert war. Die Hoffnung r&uuml;hrte auch daher, dass der neue Staatspr&auml;sident, anders als sein fr&uuml;herer Amtsvorg&auml;nger, der Universit&auml;tsprofessor, seit Jahrzehnten zum engen F&uuml;hrungskern der Islamischen Republik geh&ouml;rt und bereits etliche Schl&uuml;sselpositionen innehatte.<br \/> \tErste Schritte<br \/> \tTats&auml;chlich liess das neue Staatsoberhaupt schon im Dezember seinen f&uuml;r iranische Verh&auml;ltnisse geradezu revolution&auml;ren Entwurf zu einer Menschenrechtscharta auf seiner Website ver&ouml;ffentlichen. Damit sollte eine &ouml;ffentliche Diskussion angeregt werden, doch l&ouml;ste dieser Schritt gerade in den Kreisen, von denen er eigentlich h&auml;tte begr&uuml;sst werden sollen, vielmehr Kritik aus. Iranische Intellektuelle erinnerten daran, dass Iran l&auml;ngst mehreren Menschenrechtskonventionen beigetreten sei: W&uuml;rde er die daraus resultierenden Verpflichtungen erf&uuml;llen, brauchte der iranische Staat auch keine eigene Charta der Menschenrechte. Nachdem das Thema im Sommer fast schon vergessen geschienen hatte, meldeten sich Mitte August iranische Frauenrechtlerinnen zu Wort. Sie monierten, dass die in der vorgeschlagenen Charta formulierten Rechte der Frau zwar relativ umfassend soziale Aspekte ber&uuml;cksichtigten, nicht aber die Rolle von Frauen in der Politik und bei gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen.<br \/> \tWeit mehr Aufmerksamkeit geniesst die Debatte um Medienfreiheit, die in Rohanis Charta explizit garantiert wird &ndash; wenn auch immer wieder mit dem einschr&auml;nkenden Zusatz &laquo;den Gesetzen des Staates entsprechend&raquo;. Der Pr&auml;sident und einige Minister seines Kabinetts werben bereits seit einigen Monaten f&uuml;r einen freien Zugang zum Internet und zu sozialen Netzwerken. So wurde am Weltfernmeldetag (17. Mai) vom iranischen Kommunikationsministerium ein IT-Kongress veranstaltet, auf dem Rohani eine halbst&uuml;ndige Rede hielt, in der er unter Verweis auf die sich zunehmend globalisierende Welt f&uuml;r die Aufhebung von Schranken im Internet pl&auml;dierte.<br \/> \tNoch am gleichen Tag traten in einem demonstrativen Akt sowohl der Pr&auml;sident als auch sein Kommunikationsminister Mahmud Vaezi dem immer wieder zensierten iranischen sozialen Netzwerk cloob.com bei. Der dortige Auftritt Rohanis gewinnt seitdem stetig an Popularit&auml;t. Mit jeder Woche kommen rund 10 000 Anh&auml;nger hinzu, Mitte August waren es schon knapp 80 000. Eine Tendenz f&auml;llt dabei auf: Trugen sich die Fans zun&auml;chst nur unter Pseudonymen und ohne Bilder ein, scheinen sie jetzt vermehrt echte Namen und Fotos zu verwenden. Frauen zeigen sich hier &uuml;brigens h&auml;ufig mit lediglich andeutungsweise umgelegtem oder ganz ohne Kopftuch, ein Trend, den Rohanis Gegner wohl auf ihre Art zu sabotieren trachten &ndash; eine gewisse Melika Ahmadi, eine der j&uuml;ngst Hinzugekommenen, pr&auml;sentiert sich sogar in Reizw&auml;sche, angeblich auf der Suche nach passender Bekanntschaft. Der Auftritt ist offensichtlich ein Fake, die Herkunft der Foto l&auml;sst sich nach kurzer Recherche im Netz leicht finden: Sie kursiert seit etwa zwei Jahren auf arabischen Porno-Seiten.<br \/> \tAbkapselung und Abwehr<br \/> \tDass die Reaktion&auml;re keine Mittel scheuen, um die Kampagne des Pr&auml;sidenten in den Schmutz zu ziehen, hat seinen Grund. Denn Rohani beharrt darauf, dass das Recht auf freie Kommunikation zu den Grundrechten eines jeden Menschen geh&ouml;re. Die von ihm gef&uuml;hrte Kampagne f&uuml;r mehr Medienfreiheit wendet sich bewusst gegen die Bunkermentalit&auml;t, die das Regime besonders unter Mahmud Ahmadinejad im Medienbereich pflegte. Nach wie vor sind Abkapselung und Abwehr bei s&auml;mtlichen Zweigen der Revolutionsgarden, die als die eigentlichen Machthaber im Land gelten, das Gebot der Stunde. So auch bei der den Revolutionsgarden unterstehenden einflussreichen Basij-Frauenorganisation. Sie widmete eine der j&uuml;ngsten Ausgaben ihrer Zeitschrift &laquo;Tanin Yas&raquo; (etwa: Stimme des Jasmin) dem Thema Sicherheit im Netz, wobei auch die Teilaspekte NSA-&Uuml;berwachung und kindersicheres Surfen nicht fehlten.<br \/> \tDiese Abwehrhaltung und die Verteufelung des Internets als Einfallstor f&uuml;r Gefahren aus dem Ausland sind ein Dauerbrenner in der Propaganda der iranischen Revolutionsgarden. Eine gegen den Feind USA gerichtete Publikation, die noch vor kurzem auf der Website der Basij pr&auml;sentiert wurde, verdeutlicht dies. Sie warnt eindringlich vor einem &laquo;Medienkrieg&raquo; gegen Iran, der von einem &laquo;sanften Krieg&raquo; begleitet und vom Westen gemeinsam mit den Vertretern des &laquo;Zionismus&raquo; auf kultureller wie wirtschaftlicher Ebene gegen das Land gef&uuml;hrt werde. Illustriert wird dies etwa mit der Fotomontage einer Handgranate, auf der die Logos zahlreicher westlicher Medienanstalten, Unterhaltungskonzerne und sogar Modemarken prangen. Rohanis wiederholte Auftritte, in denen er f&uuml;r die Freiheit der Medien wirbt, werden denn auch regelm&auml;ssig vom konservativen Teheraner Regierungsblatt &laquo;Kahyan&raquo; als ein Akt der Kapitulation vor den USA scharf verurteilt.<br \/> \tBei Kampfrhetorik allein bleibt es in diesem Meinungsstreit nicht. Rohanis Rivalen aus dem konservativen Lager blockieren seine Initiativen durch harte Strafen, mit denen sie einheimische Journalisten und Internetaktivisten in zunehmendem Masse belegen. So hat unl&auml;ngst ein Revolutionsgericht in Teheran gegen acht Personen, die verschiedene Facebook-Seiten erstellt hatten, insgesamt 127 Jahre Freiheitsstrafe verh&auml;ngt. Im Juli wurden mehrere regimekritische Journalisten verhaftet, darunter Marzieh Rasouli, die f&uuml;r ihre scharfsinnigen Kommentare in reformorientierten Bl&auml;ttern bekannt ist und der nun eine zweij&auml;hrige Gef&auml;ngnisstrafe und 50 Peitschenhiebe drohen. Zuletzt traf es auch mehrere ausl&auml;ndische Journalisten mit iranischem Hintergrund. Am 22. Juli wurden in Teheran Jason Rezaian, dortiger amerikanisch-iranischer Korrespondent der &laquo;Washington Post&raquo;, und seine Ehefrau Yeganeh Salehi, Reporterin der Zeitung &laquo;The National&raquo; (Vereinigte Arabische Emirate), sowie zwei weitere ausl&auml;ndische Fotojournalisten festgenommen. Lange fehlte jede Spur von ihnen. Nach wochenlangen Protesten aus dem Ausland wurde einer der Fotoreporter auf freien Fuss gesetzt. Die drei anderen Journalisten sollen nach wie vor aus &laquo;Gr&uuml;nden der Staatssicherheit&raquo; belangt werden, sind aber infolge des anhaltenden Drucks aus dem Ausland zumindest auf Kaution freigelassen worden.<br \/> \tEiner der letzten Beitr&auml;ge Jason Rezaians in der &laquo;Washington Post&raquo; handelte von der Anfang Juli in Iran gemeldeten und von der staatlichen Nachrichtenagentur &laquo;Farsnews&raquo; auch mit einer Fotostrecke dokumentierten Beerdigung des iranischen Piloten Shojaat Alamdari Mourjani. Er diente bei einer Luftwaffeneinheit, die den Revolutionsgarden untersteht. Gem&auml;ss den offiziellen Angaben starb er bei der Verteidigung der schiitischen Heiligt&uuml;mer der irakischen Stadt Samarra. Der dortige Al-Askari-Schrein, eine der wichtigsten heiligen St&auml;tten der Schiiten, prangte denn auch mit seiner goldenen Kuppel auf mehreren Postern , die von Trauernden auf Mourjanis Beerdigungszug hochgehalten wurden. Der Schrein gilt besonders seit knapp einem Jahrzehnt als hochsymbolischer Ort schiitischer Selbstbehauptung: In den Jahren 2005\/06 wurde er durch mehrere Anschl&auml;ge zerst&ouml;rt, nach 2009 aber wiederaufgebaut. Heute ist die Moscheeanlage erneut bedroht, diesmal vom Vernichtungswahn der IS-Jihadisten.<br \/> \tWenngleich es inzwischen ein offenes Geheimnis ist, dass iranische Milit&auml;reinheiten im Irak operieren, hat Teheran dies bisher offiziell nicht best&auml;tigt. Jason Rezaian k&ouml;nnte zum Verh&auml;ngnis geworden sein, dass er die Meldung &uuml;ber den Tod des Piloten Mourjani als &laquo;erste (amtliche) Best&auml;tigung&raquo; f&uuml;r den Einsatz iranischer Milit&auml;rs im Nachbarland auslegte. Seine Frau wiederum d&uuml;rfte in das Visier von Rohanis Kontrahenten geraten sein, weil sie den Pr&auml;sidenten als eine der wenigen ihrer Zunft auf seiner j&uuml;ngsten Reise in die iranischen Provinzen Sistan und Baluchistan begleitete und auch seine Sorge um die rapide Austrocknung von Fl&uuml;ssen und Seen in der Region thematisierte . Ihre Gespr&auml;chspartner liess Yeganeh Salehi denn auch Planungsfehler im Bereich der staatlichen Wasserversorgungsprojekte offen beklagen &ndash; und f&uuml;r solche sind bekanntlich, auch wenn dies in ihrem Bericht nicht explizit erw&auml;hnt wurde, die unterschiedlichen Bauunternehmen der Revolutionsgarden zust&auml;ndig.<br \/> \t&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"> \t28.8.2014, NZZ &#8211; Joseph Croitoru: Wie schon sein liberaler Vorg&auml;nger Khatami tut sich der derzeitige iranische Pr&auml;sident schwer damit, selbst moderate Forderungen nach einer Lockerung der allgegenw&auml;rtigen staatlichen Zensur durchzusetzen. 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