{"id":175,"date":"2014-11-28T16:43:12","date_gmt":"2014-11-28T15:43:12","guid":{"rendered":"http:\/\/iransos.com\/deutsch\/index.php\/2014\/11\/28\/10-interviews-mit-fluechtlingen-1\/"},"modified":"2014-11-28T16:43:12","modified_gmt":"2014-11-28T15:43:12","slug":"10-interviews-mit-fluechtlingen-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iransos.com\/deutsch\/?p=175","title":{"rendered":"10 Interviews mit Fl\u00fcchtlingen, 10 Lebensgeschichten &#8211; Teil 1: &#8220;Alle Leute hier schreien, aber h\u00f6ren tut sie keiner&#8221;"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"> \tPatrick Kulow -l-iz.de- 27.11.2014 &#8211; Genauso unterschiedlich, wie &quot;wir Deutschen&quot; sind, genauso unterschiedlich sind auch &quot;die Fl&uuml;chtlinge&quot;, die immer nur als eine Masse gesehen werden. Ein Blick in das Leben einzelner Asylsuchender, in ihre Erlebnisse, ihre &Auml;ngste, ihre Sorgen. Im Interview: zwei Asylsuchende aus der T&uuml;rkei, geboren 1980 und 1981. Im Jahr 2001 die gemeinsame Flucht der Geschwister nach Deutschland. Seitdem leben sie in einer Gemeinschaftsunterkunft im Landkreis Leipzig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \tWie sieht euer Tagesablauf aus?<\/p>\n<p> \tA: Fast jeden Tag das Gleiche. Ich mag Deutschland, aber leben im Heim ist wirklich schwer und macht richtig krank. Wir alle sind krank geworden. Ausl&auml;nderbeh&ouml;rde hilft uns auch nicht. Egal, wegen Wohnung immer nein.<\/p>\n<p> \tB: Wir sind seit 11 Jahren hier und haben nie Spa&szlig; gehabt. Ich habe meine Heimat verlassen, um ein neues Leben anzufangen. Aber als ich nach Deutschland kam, war mein Leben ganz zu Ende. Ich wollte leben, aber in Deutschland kann ich nicht leben. Meine Zeit ist jetzt weg. Jetzt sind wir 11 Jahre im Heim.<\/p>\n<p> \tWie kann man sich das vorstellen? Jeden Tag das Gleiche. Aufstehen, gleiche Leute sehen, besoffene Leute im Heim. Ich wei&szlig; es nicht, wie ich es sagen soll. Jeden Tag darf ich nicht raus gehen, nicht arbeiten, ich darf nicht zu meiner Familie, nicht Freunde besuchen. Einfach ich lebe in einem Knast. Ich habe keine Chance zum Leben. Deswegen bin ich von meiner Heimat weg. Ich habe dort meine ganze Familie verloren. Meine Eltern und meine Geschwister. Wir sind jetzt nur noch drei.<br \/> \tNiemand h&ouml;rt uns hier. Wir gehen zur Ausl&auml;nderbeh&ouml;rde und erz&auml;hlen alles, aber niemand h&ouml;rt uns. Die andere Religionen im Heim lachen &uuml;ber mich wie ein Hund. Viele Leute in T&uuml;rkei haben damals immer gesagt, wir w&auml;ren Satan. Die haben keinen Glauben &#8211; die m&uuml;ssen wir umbringen. Hier ist das genauso. Ich bin Jeszide. Aber ich bin auch ein Mensch und habe auch meinen Gott. Aber im Heim beleidigen sie uns.<\/p>\n<p> \t2005 haben sie meinen Cousin in die T&uuml;rkei abgeschoben. Die Polizei hat ihn dort nach 6 Monaten get&ouml;tet, aber niemand h&ouml;rt das. Ich habe in der T&uuml;rkei keine Chance zum Leben. H&auml;tte ich dort eine Chance, w&uuml;rde ich nicht einen Tag hier im Heim bleiben.<\/p>\n<p> \tWas denkst du, was passiert, wenn du in die T&uuml;rkei abgeschoben wirst?<\/p>\n<p> \tB: Da passiert alles. Deswegen bin ich in dem Heim. Ich habe dort keine Chance zum Leben. Ich war Kind, 3 Jahre alt, da haben sie meinen Vater get&ouml;tet.<\/p>\n<p> \tA: Ich sage immer, Deutschland ist sehr, sehr gut. Aber ich hasse Leben im Heim und ich hasse Ausl&auml;nderbeh&ouml;rde. Eigentlich arbeiten die f&uuml;r uns, aber das glaube ich nicht. Sie helfen nicht. Ich wei&szlig;, sie k&ouml;nnen nicht alles machen, aber ein bisschen helfen. Sie machen alles nur schlecht f&uuml;r die Leute. Wegen viele Probleme habe ich mein Land verlassen, mit dem Gedanken, nie wieder zur&uuml;ck zu gehen. Einfach ruhig leben.<\/p>\n<p> \tWas ist f&uuml;r euch am schwierigsten im Heim?<\/p>\n<p> \tA: &#8230;ein kleines Dorf. Gibt es viele Probleme hier. F&uuml;r einkaufen, Arzt immer fahren nach Stadt. 11 Jahre ich bin hier und kenne nicht viele Leute.<\/p>\n<p> \tB: Ich kenne viele Kakerlaken und Maus. Mit vielen Tieren leben wir hier im Heim.<\/p>\n<p> \tHabt ihr Freunde im Heim gefunden?<\/p>\n<p> \tA: Nein, alle kommen aus einem anderen Land und reden andere Sprache. F&uuml;r andere auch schwer. Essen, schlafen, aufstehen.<\/p>\n<p> \tB: Wenn das Heim in Leipzig ist, kann man leben oder in einer Stadt, aber nicht auf Dorf. Bis 2005 ist kein Deutscher zu uns gekommen. Alle im Dorf gucken b&ouml;se.<\/p>\n<p> \tWas habt ihr euch damals von Deutschland erhofft?<\/p>\n<p> \tB: Wir haben damals geh&ouml;rt, dass mein Bruder auch hier in Deutschland ist. Wir haben gedacht, hier k&ouml;nnen wir leben. Damals waren wir nur noch zu dritt. Alle Geschwister waren weg. Das mit dem Heim haben wir nicht gewusst.<\/p>\n<p> \tA: Wir haben gedacht, hier k&ouml;nnen wir alles machen. Aber jetzt, ohne Urlaubsschein kannst du nicht nach Leipzig. Das ist alles wie Knast.<\/p>\n<p> \tB: Ich wollte die T&uuml;rkei verlassen, um zu leben. Ich wollte arbeiten und mit meinen Geschwistern leben. Und jetzt bin ich hier.<\/p>\n<p> \tWelche Krankheiten\/gesundheitlichen Probleme habt ihr?<\/p>\n<p> \tA: Ich war 3 Monate in Zschadra&szlig;, weil ich Depressionen bekommen habe. Weil ich Angst habe, dass die Polizei kommt und mich nach T&uuml;rkei bringt und weil das Heim so schlecht ist. Jetzt gehe ich immer noch zum Psychologen. Mir geht es besser als fr&uuml;her, aber weg ist es nicht.<\/p>\n<p> \tB: Ich war auch in Zschadra&szlig;, aber ich bin abgehaun. Ich habe zum Arzt gesagt, das Krankenhaus macht mich noch verr&uuml;ckter. Seit 2007 befinde ich mich in Behandlung bei einer Psychologin in Geithain. Von Termin zu Termin und immer Tabletten. Wenn ich weg vom Heim bleibe, geht es mir besser. Auch die &Auml;rzte sagen, das Leben im Heim macht mich kaputt. Ich habe Panikattacken und Depressionen.<\/p>\n<p> \tWas war das schlimmste Erlebnis in den 11 Jahren?<\/p>\n<p> \tA: Heim und Ausl&auml;nderbeh&ouml;rde.<\/p>\n<p> \tB: Es kann immer was passieren. Ich habe hier viel gesehen. Die Nazis wollten hier 2003 und 2004 zweimal das Heim verbrennen, mit allen Leuten. Die kamen hier rein und haben die Leute geschlagen.<\/p>\n<p> \tHabt ihr im Alltag Probleme, weil ihr Ausl&auml;nder seid?<\/p>\n<p> \tB: Ja. Immer Kanake. Wenn man in eine Disco will, sagen die T&uuml;rsteher immer: &raquo;Du passt hier nicht rein.&laquo;<\/p>\n<p> \tA: Manche Deutschen gehen weg von mir und wollen keinen Kontakt. Aber ich lass so. Das ist egal.<br \/> \tWie seht ihr eure Zukunft, falls ihr einen sicheren Aufenthalt in Deutschland bekommt?<\/p>\n<p> \tA: Oh, ein sch&ouml;nes Gef&uuml;hl. Das bedeutet, ich bekomme alles wieder zur&uuml;ck. Ich kann alle Problem vergessen, alles hinter mir lassen. Ich will lernen und zur Schule gehen. Das bedeutet, ich bekomme mein Leben wieder.<\/p>\n<p> \tB: Ich kann nicht antworten, weil ich glaube das nicht. Ich habe meinen Glauben verloren. Wenn ich jetzt krank bin, was mache ich mit dem Aufenthalt? Wenn du nur halber Mensch bist, kannst du nicht arbeiten, nicht heiraten. Alle Tr&auml;ume weg. Wenn ich bekomme, dann will ich arbeiten, meine Musik weiter machen, heiraten und eine Familie machen.<\/p>\n<p> \tWie wichtig ist euch euer Glauben?<\/p>\n<p> \tB: In der T&uuml;rkei m&uuml;ssen wir wie Moslem sein und in Deutschland m&uuml;ssen wir wie Christ sein. Ich wei&szlig; nicht, wie ich das ohne meine Familie machen soll. So oder so kann ich meinen Glauben nicht leben. In der T&uuml;rkei damals hatten wir vor allem Angst. Wir haben alles verloren. Wir haben alles gehabt. Die ganze Familie war Musiker. Wir hatten richtig viel Geld gehabt. Aber wir haben alles verloren. Und hier verlieren wir immernoch weiter. Alle Leute hier schreien, aber h&ouml;ren tut sie keiner.<\/p>\n<p> \tWisst ihr, warum es die Sondergesetze f&uuml;r Ausl&auml;nder gibt?<\/p>\n<p> \tA: Ich wei&szlig; nicht, warum. Aber ich habe mich tausend mal gefragt, warum. Wenn wir fragen, warum, sagen sie nur Gesetz. Ich dachte, Deutschland ist demokratische Land, aber ich verstehe nicht, warum. Deutschland muss die Leute nicht sterben lassen.<\/p>\n<p> \tB: Ich wei&szlig; auch nicht warum. Damals kam eine Frau von der Ausl&auml;nderbeh&ouml;rde und hat gesagt, mir macht es Spa&szlig;, Leute abzuschieben. Ich bin verr&uuml;ckt geworden. Wie kann es Spa&szlig; machen, mit Leben zu spielen?<\/p>\n<p> \tWie sch&auml;tzt ihr den Gesundheitszustand von eurem Bruder ein?<\/p>\n<p> \tB: Das ist ganz verr&uuml;ckt. Er hat in 3 Monaten zweimal versucht, sich umzubringen. Wir haben immer Angst, dass er es nochmal versucht. Er redet nicht mit uns und will immer alleine sein. Ich wei&szlig; nicht, was er will.<\/p>\n<p> \tA: Im letzten Monat hat er einen Brief bekommen und hat es nicht geschafft, ihn zu lesen. Er will keinen guten Brief und keinen schlechte Brief. Wenn Briefe kommen, bekomme ich Panik.<\/p>\n<p> \tVon wem habt ihr in Deutschland Hilfe bekommen?<\/p>\n<p> \tB: Niemand. Ein kurdischer Junge aus Irak hat uns manchmal geholfen. Wenn wir zur Ausl&auml;nderbeh&ouml;rde gegangen sind und einen Dolmetscher brauchten, sagten sie immer Nein. Musst du deutsch lernen. Ich kann immer noch nicht so gut deutsch sprechen. Ich habe keinen Weg zum Lernen. Hier redest du nur in deiner Sprache. W&uuml;rde ich in einer Stadt leben, w&auml;re das anders.<\/p>\n<p> \tWelches Gef&uuml;hl war es, immer nach seinen Fluchtgr&uuml;nden gefragt zu werden? War es m&ouml;glich, mit fremden Leuten dar&uuml;ber zu sprechen?<\/p>\n<p> \tA: Ja, das war schwer. Ich hatte Angst aber manche Leute haben gesagt, du musst alles erz&auml;hlen.<\/p>\n<p> \tB: Ich habe auch nicht alles erz&auml;hlt.<\/p>\n<p> \tGibt es etwas, was du der Welt da drau&szlig;en sagen willst?<\/p>\n<p> \tA: Ich will viel sagen, aber ich darf nicht immer alles sagen.<\/p>\n<p> \tB: Die Deutschen wissen nichts, sie sollen zu uns kommen und mit uns Kontakt machen und so lernen sie, warum wir hier sind. Wenn wir keine Probleme h&auml;tten, w&uuml;rden wir nicht unser Land verlassen. Ich will auch sagen, wir brauchen Hilfe von Deutschen.<\/p>\n<p> \tA: Einmal habe ich eine Frau im Zug kennen gelernt. Sie hat mich gefragt, wo ich her komme. Ich habe gesagt, aus der T&uuml;rkei. Sie hat gesagt: Oh, sch&ouml;nes Land und sie war so fr&ouml;hlich. Ich habe gesagt, ja, das Bild ist sch&ouml;n, aber wenn bleibst du f&uuml;r immer, siehst du welche Probleme du kriegst. Dann hat sie gesagt, ach Quatsch, ich war im Urlaub in Antalya und dort war es sch&ouml;n. Sie hat nichts geglaubt.<\/p>\n<p> \tInformation zum Interview: Dieses hier nur in gek&uuml;rzter Form wiedergegebene Interview wurde im April 2012 mit zwei Asylsuchenden, die beide in einer Gemeinschaftsunterkunft im Landkreis Leipzig untergebracht sind, auf Deutsch von ehrenamtlichen Mitarbeitern des Bon Courage e.V. gef&uuml;hrt. Trotz der Angst der Asylsuchenden vor sp&auml;teren Konsequenzen waren diese bereit, die Gespr&auml;che zu f&uuml;hren und stimmten einer anonymisierten Ver&ouml;ffentlichung zu. An der Lebenssituation der Fl&uuml;chtlinge hat sich seitdem nicht viel ge&auml;ndert. Das Thema ist genauso aktuell wie vor zwei Jahren. Das vollst&auml;ndige Interview mit diesen beiden und vielen weiteren Asylsuchenden finden Sie in der Brosch&uuml;re &quot;Von au&szlig;en sieht es nicht so schlimm aus &#8230;&quot; des Bornaer Bon Courage e.V.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"> \tPatrick Kulow -l-iz.de- 27.11.2014 &#8211; Genauso unterschiedlich, wie &quot;wir Deutschen&quot; sind, genauso unterschiedlich sind auch &quot;die Fl&uuml;chtlinge&quot;, die immer nur als eine Masse gesehen werden. Ein Blick in das Leben einzelner Asylsuchender, in ihre Erlebnisse, ihre &Auml;ngste, ihre Sorgen. Im Interview: zwei Asylsuchende aus der T&uuml;rkei, geboren 1980 und 1981. Im Jahr 2001 die gemeinsame Flucht der Geschwister nach Deutschland. 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