{"id":177,"date":"2014-12-01T17:15:00","date_gmt":"2014-12-01T16:15:00","guid":{"rendered":"http:\/\/iransos.com\/deutsch\/index.php\/2014\/12\/01\/10-interviews-mit-fluechtlingen-3\/"},"modified":"2014-12-01T17:15:00","modified_gmt":"2014-12-01T16:15:00","slug":"10-interviews-mit-fluechtlingen-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iransos.com\/deutsch\/?p=177","title":{"rendered":"10 Interviews mit Fl\u00fcchtlingen, 10 Lebensgeschichten &#8211; Teil 3: &#8220;Ich habe gehofft, dass hier endlich mal Ruhe ist&#8221;"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"> \tPatrick Kulow -l-iz.de- 01.12.2014 &#8211; Im Interview: ein 11-j&auml;hriges M&auml;dchen, das gemeinsam mit der Mutter 2010 aus Mazedonien vor dem eigenen Vater fliehen musste und hoffte, bei der Cousine der Mutter in Deutschland ein neues Leben beginnen zu k&ouml;nnen. Das M&auml;dchen berichtet von den Erlebnissen im Wohnheim im Landkreis Leipzig und den W&uuml;nschen f&uuml;r die Zukunft. &#8211; Genauso unterschiedlich, wie &quot;wir Deutschen&quot; sind, genauso unterschiedlich sind auch &quot;die Fl&uuml;chtlinge&quot;, die immer nur als eine Masse gesehen werden. Ein Blick in das Leben einzelner Asylsuchender, in ihre Erlebnisse, ihre &Auml;ngste, ihre Sorgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \tWarum bist du nach Deutschland gekommen?<\/p>\n<p> \tMein Vater hat viel meine Mama geschlagen und da konnten wir nicht in Familie gehen, weil ich habe nicht ihr Blut und meine Mama wollen die auch nicht. Wir wollten von meinem Vater weg.<\/p>\n<p> \tWar es schwer f&uuml;r dich, dein Zuhause zu verlassen und nach Deutschland zu kommen?<\/p>\n<p> \tNein. Ich war fr&ouml;hlich, dass ich irgendwo anders hinkomme und dass ich mit meiner Mama alleine leben kann.<\/p>\n<p> \tWelche Hoffnungen\/ W&uuml;nsche hattest du, als du nach Deutschland gekommen bist? Was hast du gedacht, wird anders?<\/p>\n<p> \tDass hier eine andere Kultur ist. Und ich habe gehofft, dass hier endlich mal Ruhe ist.<\/p>\n<p> \tWas vermisst du von deinem alten Leben?<\/p>\n<p> \tNichts. Nur meine Freunde und meine Oma. Die anderen vermisse ich gar nicht.<\/p>\n<p> \tWolltet ihr gezielt nach Deutschland oder in ein anderes Land in Europa?<\/p>\n<p> \tWir wollten nach Deutschland. Weil hier ist meine Mamas Cousine. Dann haben wir dort die Anmeldung gemacht und sind nach Chemnitz gekommen. Dort war es ganz schrecklich.<\/p>\n<p> \tWarum?<\/p>\n<p> \tNaja, da war alles schmutzig und die M&auml;nner waren immer betrunken. Da gab&rsquo;s manchmal Schl&auml;gerei und so.<\/p>\n<p> \tHattest du in Chemnitz mit deiner Mama ein eigenes Zimmer?<\/p>\n<p> \tNur ein Zimmer und die Betten waren so schei&szlig;e. Wir sind viermal in andere Zimmer gegangen, weil die M&auml;nner immer betrunken waren.<\/p>\n<p> \tAuf welchem Weg seid ihr nach Deutschland gekommen?<\/p>\n<p> \tWir sind einen Tag mit dem Bus gefahren.<\/p>\n<p> \tWie ging es weiter, als ihr in Deutschland angekommen seid?<\/p>\n<p> \tMeine Mamas Cousine hat uns abgeholt und dann sind wir zu ihr gegangen. Dort haben wir uns einen Tag versteckt und sind dann zu meiner Tante. Dann sind wir zur Polizei gegangen und dort hat meine Mama alles gegeben. Dann war eine schwarze Mann da und er hat mit uns geredet und gefragt, gefragt, gefragt und dann haben wir Essen bekommen. Dann sind wir mit dem Zug viel gefahren, es war dunkel.<\/p>\n<p> \tWelches Gef&uuml;hl hattest du dann als du in Deutschland warst? Hattest du Angst, warst du gl&uuml;cklich?<\/p>\n<p> \tWo ich das Heim in Chemnitz gesehen habe, habe ich zu meiner Mama gesagt, hier schlafe ich nicht. Dort sa&szlig; ich dann die ganze Zeit und hatte Angst. Die Leute dort waren so dumm und alles war schmutzig. Die Toiletten waren schmutzig und haben gestunken und das Essen schmeckte &uuml;berhaupt nicht.<\/p>\n<p> \tUnd nach zwei Wochen seid ihr dann in das neue Heim gekommen?<\/p>\n<p> \tVon Chemnitz sind wir dann mit dem Taxi gefahren. Da haben wir gedacht, wir bekommen eine Wohnung. Dann sind wir hierher gekommen und ich habe gedacht, das ist ja gleich wie Chemnitz. Dort haben wir dann eine Frau kennengelernt und meine Mama hat Kaffee getrunken und sie hatte ein M&auml;dchen, mit dem habe ich gespielt.<\/p>\n<p> \tWie war es f&uuml;r dich, in Deutschland in eine neue Schule zu kommen?<\/p>\n<p> \tNaja, ich war zuerst 1. Klasse. Das war voll einfach.<\/p>\n<p> \tHast du schnell Freunde gefunden?<\/p>\n<p> \tNein, das war nicht gut. Die haben alle gefragt &raquo;Wie hei&szlig;t du?&laquo; und ich habe sie nicht verstanden. Ich bin immer weggegangen, aber alle Kinder sind mir hinterher gekommen und wollten wissen, wie alt ich bin und wie ich hei&szlig;e, aber ich habe sie nicht verstanden.<\/p>\n<p> \tWas waren f&uuml;r dich die gr&ouml;&szlig;ten Probleme im Asylheim?<\/p>\n<p> \tDass die M&auml;nner so dumm sind und manchmal machen die Problem. Und einmal haben die Feuer im Heim gemacht. Das war am schlimmsten. Wenn die M&auml;nner Probleme machen, bekomme ich immer Angst. Und der Hausmeister, der war auch schlimm. Im Heim hat es auch immer gestunken. Alle m&uuml;ssen in einer K&uuml;che kochen und kochen was anderes, aus andere Land und dann stinkt es &uuml;belst.<\/p>\n<p> \tWie war das Verh&auml;ltnis zu anderen Heimbewohnern?<\/p>\n<p> \tNaja, manche waren gut.<\/p>\n<p> \tWelche Probleme hattest du im Heim?<\/p>\n<p> \tEs war immer laut im Heim und da ging es mir schlecht. Ich konnte nie schlafen. Kopfschmerzen hatte ich und Migr&auml;ne.<\/p>\n<p> \tWie ist es f&uuml;r euch, mit Gutscheinen einkaufen zu gehen?<\/p>\n<p> \tGut. Wenn die Leute gucken ist es mir egal.<\/p>\n<p> \tWie seid ihr denn vorher einkaufen gegangen?<\/p>\n<p> \tIm Magazin. Da gab&rsquo;s so &lsquo;nen Keller und da war &uuml;berall Essen und die Frauen waren so frech. Die l&uuml;gen manchmal und machen das Essen teurer.<\/p>\n<p> \tGeht es dir jetzt besser, nachdem du und deine Mutti eine eigene Wohnung bekommen habt?<\/p>\n<p> \tIch habe noch Angst. Vor allem vor den Fenstern.<\/p>\n<p> \tHast du manchmal Probleme mit anderen Kindern, weil du nicht in Deutschland geboren bist?<\/p>\n<p> \tNaja, manchmal. Vor allem mit M&auml;dchen. Ein M&auml;dchen hat mal in der Schule gesagt: &raquo;Ich hasse Ausl&auml;nder!&laquo; aber das ist mir egal. Ich habe gesagt: &raquo;Ich hasse Nazis.&laquo;<\/p>\n<p> \tHast du Angst davor, nicht in Deutschland bleiben zu d&uuml;rfen?<\/p>\n<p> \tJa, davor habe ich Angst. Manchmal denke ich, es k&ouml;nnte auch Polizei kommen.<\/p>\n<p> \tWas denkst du, was passieren w&uuml;rde, wenn ihr wieder nach Mazedonien m&uuml;sst?<\/p>\n<p> \tAlles w&uuml;rde wieder von vorne anfangen. Meine Mama w&uuml;rde bestimmt tot gemacht werden von meinem Vater. Die Familie w&uuml;rde bestimmt Schlampe sagen und werden denken, dass meine Mama in Deutschland geheiratet hat.<\/p>\n<p> \tWie siehst du deine Zukunft?<\/p>\n<p> \tManchmal denke ich, ich bleibe in Deutschland und mache meine Schule. Aber manchmal denke ich auch, ich bin nicht so sicher in Deutschland. Ich w&uuml;rde meine Schule fertig machen und vielleicht als Krankenschwester oder Kosmetikerin arbeiten oder im Kinderheim.<\/p>\n<p> \tWas ist derzeit dein gr&ouml;&szlig;ter Wunsch?<\/p>\n<p> \tDass mein Papa uns vergisst. Und dass alles wird wie fr&uuml;her, als meine Mama 14 war und meinen Papa noch nicht kannte.<\/p>\n<p> \tWas wei&szlig;t du noch alles &uuml;ber deinen Vater?<\/p>\n<p> \tDass er viel Alkohol trinkt und Drogen nimmt. Viele Zigaretten raucht und &uuml;berall das Geld gibt.<\/p>\n<p> \tWurdest auch du von deinem Vater geschlagen?<\/p>\n<p> \tMich hat er auch geschlagen. Als ich noch klein war, hat er sich immer mit meiner Mama gestritten und sie geschlagen.<\/p>\n<p> \tWas findest du nicht gut an Deutschland?<\/p>\n<p> \tDass manche Leute nicht Ausl&auml;nder lieben und denken, die sind einfach so gekommen. Das ist nicht gut. Wir sind hier, weil wir haben viele Probleme und die Deutschen wissen das nicht.<\/p>\n<p> \tWas sollte Deutschland noch anders machen?<\/p>\n<p> \tDie k&ouml;nnten ja ein Heim machen, aber wo alle eine eigene Wohnung haben. Mit eigener Dusche und eigener K&uuml;che.<\/p>\n<p> \tWie ist es f&uuml;r dich, dass deine Mama nicht lesen und schreiben kann?<\/p>\n<p> \tDas ist f&uuml;r mich schwer. Manchmal bekommen wir Brief und dann sagt sie &raquo;Lies mal&laquo; Aber das kann ich nicht. Das kommt mir schwer. Ich kann es lesen, aber ich verstehe nicht, was in dem Brief steht.<\/p>\n<p> \tGibt es etwas, was du der Welt noch sagen m&ouml;chtest?<\/p>\n<p> \tDie Leute sollen meine Geschichte glauben.<\/p>\n<p> \tInformation zum Interview: Dieses hier nur in leicht gek&uuml;rzter Form wiedergegebene Interview wurde im Juni 2012 mit einer Asylsuchenden, die in einer Gemeinschaftsunterkunft im Landkreis Leipzig untergebracht ist, auf Deutsch von ehrenamtlichen Mitarbeitern des Bon Courage e.V. gef&uuml;hrt. Trotz der Angst der Asylsuchenden vor sp&auml;teren Konsequenzen waren diese bereit, die Gespr&auml;che zu f&uuml;hren und stimmten einer anonymisierten Ver&ouml;ffentlichung zu. An der Lebenssituation der Fl&uuml;chtlinge hat sich seitdem nicht viel ge&auml;ndert. Das Thema ist genauso aktuell wie vor zwei Jahren. Das vollst&auml;ndige Interview mit dieser und vielen weiteren Asylsuchenden finden Sie in der Brosch&uuml;re &quot;Von au&szlig;en sieht es nicht so schlimm aus &#8230;&quot; des Bornaer Bon Courage e.V.<\/p>\n<p> \tHier ist die Brosch&uuml;re erh&auml;ltlich: www.boncourage.de\/index.php5?go=856<br \/> \t&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"> \tPatrick Kulow -l-iz.de- 01.12.2014 &#8211; Im Interview: ein 11-j&auml;hriges M&auml;dchen, das gemeinsam mit der Mutter 2010 aus Mazedonien vor dem eigenen Vater fliehen musste und hoffte, bei der Cousine der Mutter in Deutschland ein neues Leben beginnen zu k&ouml;nnen. Das M&auml;dchen berichtet von den Erlebnissen im Wohnheim im Landkreis Leipzig und den W&uuml;nschen f&uuml;r die Zukunft. &#8211; Genauso unterschiedlich, wie &quot;wir Deutschen&quot; sind, genauso unterschiedlich sind auch &quot;die Fl&uuml;chtlinge&quot;, die immer nur als eine Masse gesehen werden. 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