{"id":179,"date":"2014-12-10T17:34:54","date_gmt":"2014-12-10T16:34:54","guid":{"rendered":"http:\/\/iransos.com\/deutsch\/index.php\/2014\/12\/10\/10-interviews-mit-fluechtlingen-5\/"},"modified":"2014-12-10T17:34:54","modified_gmt":"2014-12-10T16:34:54","slug":"10-interviews-mit-fluechtlingen-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iransos.com\/deutsch\/?p=179","title":{"rendered":"10 Interviews mit Fl\u00fcchtlingen, 10 Lebensgeschichten &#8211; Teil 5: &#8220;Du bist \u00fcberrannt und fragst dich, warum dir das passieren musste&#8221;"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"> \tPatrick Kulow -l-iz.de- 10.12.2014- Im Interview: ein 1987 in Moskau geborener Russe, der nach seinem Abschluss in Wirtschaftswissenschaften im Jahr 2011 im Alter von 24 Jahren gemeinsam mit seiner Frau nach Deutschland kommt. Eigentlich will er aber gar nicht nach Deutschland. &#8211; Genauso unterschiedlich, wie &quot;wir Deutschen&quot; sind, genauso unterschiedlich sind auch &quot;die Fl&uuml;chtlinge&quot;, die immer nur als eine Masse gesehen werden. Ein Blick in das Leben einzelner Asylsuchender, in ihre Erlebnisse, ihre &Auml;ngste, ihre Sorgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \tBeschreibe uns deinen normalen Tag.<\/p>\n<p> \tNormalerweise stehe ich um sechs oder um sieben auf. Dann trinke ich Tee und gehe nach meinem Fr&uuml;hst&uuml;ck zur Schule. Ich bin drei Tage in Borna und zwei Tage in Regis in der Schule. Danach habe ich viel Zeit und wei&szlig; nicht, was ich machen soll. Ich komme nach Hause und lerne ein bisschen Deutsch, lese die Nachrichten, um zu wissen, was in der Welt passiert. Das ist mein Tag.<\/p>\n<p> \tDie Probleme mit der Schule sind, dass ich zwei Universit&auml;tsabschl&uuml;sse habe. Ich denke, ich kann zur Ausl&auml;nderbeh&ouml;rde gehen und erkl&auml;ren, dass die Schule f&uuml;r mich nur Zeitverschwendung ist und ich zu Hause mehr Deutsch lernen kann.<\/p>\n<p> \tWir leben an einem Ort mit Menschen aus verschiedenen L&auml;ndern und mit unterschiedlichen Denkweisen. Ich denke immer nach, wenn ich im Bett liege: Wer bin ich und was sollte ich machen? Leute reden &uuml;ber mich und sie reden hinter meinem R&uuml;cken &uuml;ber mich. In Moskau hatte ich nicht solche Probleme. Ich hatte meine Freunde, mein Netzwerk und wenn ich ein Problem hatte, konnte ich zu ihnen gehen. Und selbst meine Freunde in Moskau kann ich nicht kontaktieren. Ich wei&szlig; nicht, was in Moskau passiert. Das ist das System, in dem ich jetzt bin, das ist mein Leben in Deutschland.<\/p>\n<p> \tWarum habt ihr Russland verlassen?<\/p>\n<p> \tWegen der Probleme, die ich hatte. Soll ich das richtige Problem erz&auml;hlen, wollt ihr das h&ouml;ren? Das Hauptproblem: Ich habe studiert, um zu arbeiten. Wir leben nicht, um Geld zu verdienen. Wir verdienen Geld um weiterzuleben. Das ist das Prinzip.<\/p>\n<p> \tWenn du studierst und deine Zukunftspl&auml;ne hast, &auml;ndern sich manchmal die Dinge. Du bist &uuml;berrannt und fragst dich, warum dir das passieren musste. Das Hauptproblem ist, dass einige Leute wollten, dass ich f&uuml;r sie arbeite. Putin ist das dritte mal Pr&auml;sident geworden und nun ist er Pr&auml;sident f&uuml;r sechs Jahre. Das ist nicht normal. Das zeigt, dass die politische Stabilit&auml;t fehlt. Wenn die politische Stabilit&auml;t fehlt, dann fehlt sie auch in der Wirtschaft.<\/p>\n<p> \tUnd es gibt Leute, die diesen Missstand ausnutzen. Leute k&ouml;nnen tun und lassen, was sie wollen. Sie geben Geld und schaffen so Probleme aus der Welt. Und wenn solche Leute zu dir kommen und sagen, wir wollen, dass du f&uuml;r uns arbeitest und du fragst warum, dann sagen sie, wir haben viele Leute in der Wirtschaft, in Regierungsstrukturen. &raquo;Schwarzm&auml;nner&laquo;, &raquo;Schattenwirtschaft&laquo;, &raquo;Schattensystem&laquo;. Sie sagten mir: &raquo;Du wirst der wei&szlig;e Mann sein und wir die Schwarzen, wir geben dir Geld, weil du intelligent bist, du kannst mehrere Sprachen, du kannst gut beeinflussen und &uuml;berzeugen. Wir ziehen die F&auml;den, du machst, was wir dir sagen. Wir helfen dir, wir wissen, dass du dein Zweitstudium beginnen willst &#8211; wir finanzieren dir das.&laquo; Sie nannten mir Wirtschaftler und Regierungsabgeordnete, die f&uuml;r sie arbeiten w&uuml;rden. &raquo;Wir bezahlen sie. Und du wirst einer von ihnen sein.&laquo;<\/p>\n<p> \tIch lehnte ab. Ich hatte die Wahl und ich w&auml;hlte. Wegen diesem Problem verlor meine Frau ihr erstes Kind, deshalb will ich keine weiteren Probleme. Ich sagte, ich brauche einige Zeit [um mich zu entscheiden], sodass wir Zeit gewinnen konnten. Und so ver&auml;nderte sich unser Leben und wir verlie&szlig;en Moskau. Ich vermisse Moskau.<\/p>\n<p> \tWolltest du nach Deutschland kommen?<\/p>\n<p> \tNein, ich hatte nicht vor, nach Deutschland zu kommen. Ich hatte nicht vor, zu fliehen, ich plante meine Zukunft. Ich wollte nur das Leben meiner Familie und von mir retten und so entschied ich mich, Moskau zu verlassen. Ich mache mir nichts aus Deutschland.<\/p>\n<p> \tIn Chemnitz fragten sie mich nach Dokumenten. Aber ich habe sie nicht, ich dachte damals nicht daran, sie mitzunehmen. Was h&auml;tte ich denn zu meinen Eltern sagen sollen? Ich habe die Dokumente nicht, weil ich nicht herkommen wollte. Ich wollte nicht um Asyl bitten und Fl&uuml;chtling sein. Das ist meine Geschichte.<\/p>\n<p> \tUnd wie ist die Beziehung zu den anderen hier im Heim lebenden Menschen?<\/p>\n<p> \tIch frage sie nicht, woher sie kommen und was ihr Name ist, ich glaube nicht, dass das normal ist, aber ich schere mich nicht darum. Ich schere mich nur um meine eigene Situation. Wenn ich nicht solche Fragen stelle bedeutet das, dass ich ihnen allen gleich begegne. Ich habe hier keine Freunde. Ein Freund ist f&uuml;r mich jemand, der erreichbar ist. Du zeigst mir deine Freunde und ich sage dir, was f&uuml;r ein Typ Mensch du bist.<\/p>\n<p> \tWie lange warst du in Chemnitz?<\/p>\n<p> \t2 Monate oder 1 &frac12;, ich erinnere mich nicht mehr genau.<br \/> \tWie war dein Gef&uuml;hl dort &#8211; Hattest du Angst oder warst du erschrocken?<\/p>\n<p> \tEs gab in Chemnitz viele Pr&uuml;geleien und der Grund war Alkohol. Wenn du nach Chemnitz gehst, siehst du, dass alles geschlossen ist, es gibt ein zentrales Eingangstor, was der einzige Eingang ist. Und es war kein Problem, Alkohol mit reinzubringen.<\/p>\n<p> \tSie haben sich gepr&uuml;gelt, sie haben sich selbst geschnitten und dort waren viele Familien. Wir kommen her, um unser Leben zu retten. Wir kommen nicht zum Pr&uuml;geln. Wenn ich k&auml;mpfen w&ouml;llte, w&uuml;rde ich zur&uuml;ck nach Moskau gehen und meine St&auml;rke zeigen und meine Kampff&auml;higkeiten. Sie [an der Rezeption] sagte ja, wir verstehen dich, aber nun geh weg, wir m&uuml;ssen arbeiten. Nicht jeder aus Iran oder Pakistan ist ein echter Christ. Leute kamen zu mir und sagten: &raquo;Psst, ich bin kein richtiger Christ, ich sage das nur, um hier bleiben zu k&ouml;nnen.&laquo;<\/p>\n<p> \tIch sagte: &raquo;Ihr spielt mit eurem Glauben?&laquo; Jeden Tag bin ich immer wieder geschockt. Viele Leute l&uuml;gen, und mir glauben sie dann nicht, weil sie denken ich l&uuml;ge auch. Aber warum sollte ich l&uuml;gen? Das ist nicht gut. Ich bin nicht hier wegen Sozialhilfe oder Geld, in Moskau hatte ich f&uuml;r meine 24 Jahre genug Geld. Ich arbeitete in Moskau und verdiente 2000 &euro; im Monat. Ich erz&auml;hlte ihnen das in Chemnitz auch. Sie fragten mich viele Fragen, ich verstand nicht, warum. Jetzt verstehe ich, warum. Sie m&uuml;ssen wissen, ob ich l&uuml;ge, oder die Wahrheit erz&auml;hle oder ob ich nur das Geld will. Sp&auml;ter traf ich solche Leute, sie waren wirklich froh, wenn sie eine Banane oder einen Apfel bekamen. Ich war geschockt &#8211; mit wem lebe ich hier. Aber das ist nun mal die Realit&auml;t.<\/p>\n<p> \tVielleicht fragt ihr euch, warum erz&auml;hlt er so viel. Es ist so: Seit ich in Deutschland bin, habe ich mit keinem dar&uuml;ber gesprochen. Ich hab all das in meinem Herzen und denke weiter und weiter und habe niemanden zum reden. Das ist das Problem. Vielleicht ist das der Grund, weshalb ich jetzt so offen dar&uuml;ber spreche.<\/p>\n<p> \tWo siehst du derzeit dein gr&ouml;&szlig;tes Problem?<\/p>\n<p> \tIch f&uuml;hle mich hier auf eine Art diskriminiert. Hier glauben sie mir nicht, sie glauben uns nicht und ich bin einer von ihnen. Die Beamten der Ausl&auml;nderbeh&ouml;rde geben uns Gutscheine anstatt von Geld. Wenn du einkaufen gehst, schauen alle Leute und denken vielleicht, dass wir Kriminelle sind, denen man kein normales Geld geben kann. Nat&uuml;rlich sagen sie nichts, aber es ist schon genug, ihre Blicke zu sp&uuml;ren. Aber das passiert immer. Ich bin kein Krimineller. Das ist eine Art von Diskriminierung. Es gibt auch viele Deutsche, die Sozialhilfe beziehen und auch nur Tabak und Alkohol kaufen, weil sie deprimiert und depressiv sind.<\/p>\n<p> \tWir sind alle Menschen. Ich verstehe nicht, warum Leute hier so unfreundlich und unh&ouml;flich sind. Und manchmal denke ich, ich beginne, depressiv zu werden. Man denkt &uuml;ber Sachen nach, &uuml;ber die man eigentlich (noch)? nicht nachdenken sollte. Ich bin 24 Jahre alt und sollte eigentlich in die Zukunft blicken und &uuml;ber den Beginn meiner Karriere nachdenken. Aber nun bin ich in der Situation, in der mir Leute Dinge vorschreiben wollen.<\/p>\n<p> \tWelches der Sondergesetze belastet dich am meisten?<\/p>\n<p> \tDas Schlimmste ist, dass ich nicht arbeiten darf. Ich sehe viele Leute, die Geld bekommen und dar&uuml;ber froh sind. Aber ich kann das nicht, ich m&ouml;chte kein Geld f&uuml;r nichts vom Staat. Es ist nicht gut, ich m&ouml;chte arbeiten.<\/p>\n<p> \tWenn man mich in ein anderes Land schicken w&uuml;rde, w&uuml;rde ich es verstehen. Es ist euer Land, aber ich bin nicht hier, um das Land zu zerst&ouml;ren. Ich habe etwas im Kopf und ihr k&ouml;nnt ebenfalls davon profitieren. Ich kann ebenso meinen Tribut zur Gesellschaft beitragen, aber sie lassen mich nicht. Das ist das Gesetz und du darfst das Gesetz nicht brechen. Das ist das Schlimmste.<br \/> \tWas denkst du &uuml;ber deine Zukunft?<\/p>\n<p> \tIn meiner Situation? Ich hoffe, alles wird gut. Ich lerne Deutsch, weil ich denke, es ist eine gute Voraussetzung. Warum nicht? Ich habe genug Zeit. Ich lese zur Zeit viele B&uuml;cher. Und ich hoffe, wenn ich Deutsch gelernt habe und sie mir erlauben, hier zu bleiben, k&ouml;nnte ich meinen eigenen Beitrag leisten, um meine Dankbarkeit zu zeigen.<\/p>\n<p> \tWas m&ouml;chtest du noch loswerden?<\/p>\n<p> \tIch will zu meinen Anfangsworten zur&uuml;ckkehren und meine Dankbarkeit gegen&uuml;ber den Deutschen zeigen, wegen dem, was sie getan haben und f&uuml;r mich tun. Sie sind auch nur Menschen und sie haben wie ich f&uuml;nf Finger, aber die H&auml;nde sind verschieden. Ich lebe hier, ich bin nicht obdachlos, sie geben mir ein Dach &uuml;ber dem Kopf, sie geben mir Essen, sie geben mir alles. Deshalb bin ich dankbar.<\/p>\n<p> \tInformation zum Interview: Dieses hier in leicht gek&uuml;rzter Form wiedergegebene Interview wurde im Mai 2012 mit einem Asylsuchenden, der in einer Gemeinschaftsunterkunft im Landkreis Leipzig untergebracht ist, auf Deutsch von ehrenamtlichen Mitarbeitern des Bon Courage e.V. gef&uuml;hrt. Trotz der Angst der Asylsuchenden vor sp&auml;teren Konsequenzen waren diese bereit, die Gespr&auml;che zu f&uuml;hren und stimmten einer anonymisierten Ver&ouml;ffentlichung zu. An der Lebenssituation der Fl&uuml;chtlinge hat sich seitdem nicht viel ge&auml;ndert. Das Thema ist genauso aktuell wie vor zwei Jahren. Das vollst&auml;ndige Interview mit dieser und vielen weiteren Asylsuchenden finden Sie in der Brosch&uuml;re &quot;Von au&szlig;en sieht es nicht so schlimm aus &#8230;&quot; des Bornaer Bon Courage e.V.<\/p>\n<p> \tHier ist die Brosch&uuml;re erh&auml;ltlich: www.boncourage.de\/index.php5?go=856<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"> \tPatrick Kulow -l-iz.de- 10.12.2014- Im Interview: ein 1987 in Moskau geborener Russe, der nach seinem Abschluss in Wirtschaftswissenschaften im Jahr 2011 im Alter von 24 Jahren gemeinsam mit seiner Frau nach Deutschland kommt. Eigentlich will er aber gar nicht nach Deutschland. &#8211; Genauso unterschiedlich, wie &quot;wir Deutschen&quot; sind, genauso unterschiedlich sind auch &quot;die Fl&uuml;chtlinge&quot;, die immer nur als eine Masse gesehen werden. 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