{"id":180,"date":"2014-12-25T17:46:12","date_gmt":"2014-12-25T16:46:12","guid":{"rendered":"http:\/\/iransos.com\/deutsch\/index.php\/2014\/12\/25\/10-interviews-mit-fluechtlingen-6\/"},"modified":"2014-12-25T17:46:12","modified_gmt":"2014-12-25T16:46:12","slug":"10-interviews-mit-fluechtlingen-6","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iransos.com\/deutsch\/?p=180","title":{"rendered":"10 Interviews mit Fl\u00fcchtlingen, 10 Lebensgeschichten &#8211; Teil 6: &#8220;Asyl bedeutet f\u00fcr mich, ein Mensch zweiter Klasse zu sein.&#8221;"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"> \tPatrick Kulow -l-iz.de- 25.12.2014 &#8211; Im Interview: ein 1985 in Syrien geborener staatenloser Kurde, der 2002 mit Hilfe eines Schleppers nach Deutschland kam und seitdem im Landkreis Leipzig untergebracht ist. &#8211; Genauso unterschiedlich, wie &quot;wir Deutschen&quot; sind, genauso unterschiedlich sind auch &quot;die Fl&uuml;chtlinge&quot;, die immer nur als eine Masse gesehen werden. Ein Blick in das Leben einzelner Asylsuchender, in ihre Erlebnisse, ihre &Auml;ngste, ihre Sorgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \tWelche Probleme belasten dich derzeit am meisten?<\/p>\n<p> \tIn einem Heim zu leben ist schwer, weil ich weder arbeiten, noch mich mehr als 20 km von hier entfernen darf, z.B. darf ich nicht nach Leipzig fahren, obwohl ich eigentlich fahren muss. Den ganzen Tag essen und schlafen.<\/p>\n<p> \tDu bekommst gek&uuml;rzte Leistungen und somit nur 10 &euro; Taschengeld im Monat. Wie kannst du damit leben?<\/p>\n<p> \tDas ist nat&uuml;rlich sehr schwer. Wie soll man mit 10 &euro; im Monat leben? Ich bekomme au&szlig;erdem 140 &euro; Gutscheine. Davon darf ich aber nur Essen und Trinken kaufen.<\/p>\n<p> \tWas musst du alles von den 10 &euro; zahlen?<\/p>\n<p> \tIch muss u.a. die Fahrkarte von hier nach Borna bezahlen, vor allem, wenn es regnet oder wenn Winter ist und man nicht mit dem Fahrrad nach Borna fahren kann. Ich muss meinen Beitrag f&uuml;r den Fu&szlig;ballverein davon bezahlen, Telefonkosten, usw.<\/p>\n<p> \tWelche Gesetze gelten nicht f&uuml;r Deutsche, aber f&uuml;r dich?<\/p>\n<p> \tZum Beispiel, dass ich meinen Reisepass bringen muss, was f&uuml;r mich aber unm&ouml;glich ist. In Syrien war ich ein staatenloser Kurde und das ist schwer, nun einen Hinweis von Syrien zu bekommen. Und da ich ihnen nicht die Papiere bringen kann, haben sie mein Taschengeld auf 10 &euro; gek&uuml;rzt. Die Ausl&auml;nderbeh&ouml;rde sagt, ich begehe damit eine Strafe, aber ich kann den Pass einfach nicht bringen.<\/p>\n<p> \tWas denkst du &uuml;ber die Ausl&auml;nderbeh&ouml;rde?<\/p>\n<p> \tSie sind Beamte, manche sind nett, manche mittelm&auml;&szlig;ig und manche sind leider nicht so gut. Die Freundlichen haben ein nettes Gesicht und die Unfreundlichen erkennt man in ihrem Umgang mit uns, z.B. gr&uuml;&szlig;en sie nicht, wenn wir an den Schalter herantreten. Sie gucken immer unfreundlich. Wenn du Duldung hast, behandeln sie dich unfreundlich. Im Vergleich dazu behandeln sie Menschen mit Aufenthalt viel freundlicher. Ich habe bereits viele Antr&auml;ge gestellt, z.B. Antrag auf Arbeitserlaubnis, Befreiung von der Residenzpflicht und alles wurde abgelehnt, abgelehnt, abgelehnt. Wenn du nach dem Grund fragst, sagen sie nur: &raquo;Das ist Gesetz.&laquo; Sie verweisen in den Briefen auf Gesetze, aber ich kann nicht alle Briefe verstehen. Ich wei&szlig; auch nicht, ob das wirklich ein Gesetz ist oder nicht.<\/p>\n<p> \tWas denkst du &uuml;ber deutsche Polizei?<\/p>\n<p> \tIch denke &auml;hnlich &uuml;ber sie wie &uuml;ber die Beamten. Einmal hatte ich ein Problem mit einer deutschen Frau und die Frau hat die Polizei gerufen. Als die Polizisten kamen, haben sie nur die Frau begr&uuml;&szlig;t, mit der Hand, und mich nicht. Ich habe erkl&auml;rt, dass es nicht meine Schuld war. Ich wei&szlig; nicht, ob alle so sind, aber von vielen f&uuml;hle ich mich immer b&ouml;se angeschaut.<\/p>\n<p> \tKommt Polizei oft ins Heim?<\/p>\n<p> \tJa, sie kommen oft. Vor etwa einem Monat waren ganz viele Polizisten im Heim wegen einer gro&szlig;en Kontrolle. Ich hatte gro&szlig;e Angst. Wenn man 7 Uhr fr&uuml;h von einem Klopfen an der T&uuml;r geweckt wird und dahinter ein Polizist steht, dessen Gesicht ich nicht einmal erkennen kann, sondern nur die Augen sehe, dann bekommt man Angst. Dann w&uuml;rdest du auch Angst bekommen. Und ich habe ja auch gar nichts gemacht. Wenn ich die Polizei auf der Stra&szlig;e sehe, habe ich keine Angst.<\/p>\n<p> \tWie war deine erste Zeit in Deutschland?<\/p>\n<p> \tDie erste Zeit in Deutschland war sehr schwer. Ich konnte kein Deutsch sprechen, viele haben zu uns gesagt, Sachsen w&auml;re so schlimm und ich habe das geglaubt. Ich hatte Angst. Ich dachte, es g&auml;be in Sachsen nur schlechte Menschen. So wie man mir gesagt hat, sind 80% der Menschen hier schlecht. Aber mittlerweile geht es.<\/p>\n<p> \tWarum hast du dein Land verlassen?<\/p>\n<p> \tWegen der Diskriminierung durch das syrische System.<\/p>\n<p> \tAuf welchen Weg bist du nach Deutschland gekommen?<\/p>\n<p> \tIch bin von Syrien auf einem illegalen Weg in die T&uuml;rkei. Und von der T&uuml;rkei mit einem Schlepper nach Deutschland. Ich habe erst in Deutschland erfahren, dass ich in Deutschland bin. Ich kannte mein Ziel vorher nicht. F&uuml;r die Flucht musste ich 4000 Dollar zahlen.<\/p>\n<p> \tWenn du gewusst h&auml;ttest, was dich in Deutschland erwartet, w&uuml;rdest du noch mal fliehen?<\/p>\n<p> \tSyrien w&uuml;rde ich immer wieder verlassen. Aber ich w&uuml;rde nicht nach Deutschland gehen. In anderen europ&auml;ischen L&auml;ndern darf man sich frei bewegen und Asylsuchende bekommen eine Arbeitserlaubnis. Jetzt darf ich wegen den Gesetzen aber nicht mehr in ein anderes Land gehen, sie w&uuml;rden mich immer wieder nach Deutschland zur&uuml;ckschicken.<\/p>\n<p> \tHast du bereits einen Antrag auf Wohnung gestellt?<\/p>\n<p> \tJa, der Antrag wurde abgelehnt. Ich habe damals in Frohburg im Heim gelebt und musste immer nach B&ouml;hlen in die Schule. Ich wollte deswegen eine Wohnung in Borna haben. Ich wollte auch alleine leben. Sp&auml;ter habe ich einen Antrag gestellt, dass ich im Heim ein eigenes Zimmer bekomme. Ich hatte Probleme mit meinem Mitbewohner, der starker Raucher war. Wir waren zu zweit in einem Zimmer. Er war 33 Jahre alt und durfte deswegen nicht zur Schule. Ich musste in dieser Zeit wegen der Schule immer um f&uuml;nf Uhr aufstehen, also musste ich 22 Uhr schlafen gehen. Aber mein Mitbewohner hat immer ganz lange Fernsehen geschaut. Beide Antr&auml;ge wurden abgelehnt, weil ich eine Duldung hatte. Wegen den beiden Antr&auml;gen musste ich nicht extra zum Gesundheitsamt gehen.<\/p>\n<p> \tWarst du bereits in einer psychologischen Behandlung?<\/p>\n<p> \tNein, bisher nicht. Ich m&ouml;chte aber gern gehen. Das ist meine eigene Vernachl&auml;ssigung, denn ich denke, ich br&auml;uchte in dieser Richtung Hilfe. Ich leide unter Schlaflosigkeit, ich schlafe nachts nur zwei bis drei Stunden und sonst liege ich wach und gr&uuml;ble nach. Ich mache mir Sorgen um meine Zukunft und &uuml;ber Abschiebung.<\/p>\n<p> \tHast du Angst, nicht in Deutschland bleiben zu k&ouml;nnen?<\/p>\n<p> \tJa, ich habe Angst, nicht in Deutschland bleiben zu k&ouml;nnen. Wenn ich zur&uuml;ckgehen muss, dann ist das gef&auml;hrlich f&uuml;r mich, vor allem unter den heutigen Umst&auml;nden in Syrien. Sie werden mich umbringen, schon am Flughafen.<\/p>\n<p> \tWas bedeutet f&uuml;r dich Asyl?<\/p>\n<p> \tAsyl bedeutet f&uuml;r mich, ein Mensch zweiter Klasse zu sein.<\/p>\n<p> \tWie hast du Deutsch gelernt?<\/p>\n<p> \tIch habe f&uuml;r zwei Jahre am Deutschunterricht in der Berufsschule B&ouml;hlen teilgenommen. Meine Idee war, danach einen Beruf zu lernen, aber das wurde wegen meiner Duldung abgelehnt. Ich wollte Mechaniker oder so etwas lernen. Der Beruf ist in Deutschland sehr wichtig. Wenn ich die M&ouml;glichkeit h&auml;tte, w&uuml;rde ich sofort arbeiten gehen. Ich m&ouml;chte arbeiten, weil es gut f&uuml;r mich ist und ich nicht mit der Langeweile im Heim k&auml;mpfen muss. Wenn man arbeitet vergisst man seine Probleme und ist abgelenkt. Ich k&ouml;nnte f&uuml;r mich selber sorgen. Ich finde es so schlimm, ein arbeitsf&auml;higer junger Mann zu sein und von Sozialhilfe leben zu m&uuml;ssen. Ich k&ouml;nnte von meinem Geld leben und w&auml;re nicht mehr abh&auml;ngig von Ausl&auml;nderbeh&ouml;rde oder Sozialamt.<\/p>\n<p> \tHast du Kontakt zu Deutschen?<\/p>\n<p> \tIch habe etwas Kontakt mit meinen Fu&szlig;ballkollegen. Aber nicht alle sind nett. Einige sind nicht nett. Zum Beispiel wenn wir in einer kleineren Gruppe zusammenstehen und jemand kommt, dann werde ich manchmal mit Absicht nicht begr&uuml;&szlig;t. Alle werden begr&uuml;&szlig;t, nur bei mir wird so getan, als w&auml;re ich nicht da. Da wird sich einfach umgedreht und gegangen. Es sind nicht alle, in meiner Mannschaft sind das nur zwei. Ich f&uuml;hle mich dann wie ein kleiner Mensch und ich mache mir Sorgen. Einmal hat mich auch jemand aus einer anderen Mannschaft als Ausl&auml;nder beschimpft, ich werde das nie vergessen. Ich war in dem Spiel als St&uuml;rmer eingeteilt und jemand konnte nicht so schnell laufen und hat mich von hinten geschlagen. Du bist eine schei&szlig; Ausl&auml;nder, geh weg von mir. Das war schei&szlig;e. Ich habe mich schlecht gef&uuml;hlt.<\/p>\n<p> \tW&uuml;nschst du dir mehr Kontakt zu Deutschen?<br \/> \tJa, ich w&uuml;nsche mir mehr Kontakt zu Deutschen. Ich habe nicht so gute Freunde. Ich habe versucht, Deutsche kennenzulernen, aber es ist schwer. Wir haben zwei verschiedene Kulturen. In unserer Kultur ist das Kennlernen leichter, man geht einfach jemand in seinem Haus besuchen. Nur manchmal habe ich auch nach Spielen Kontakt mit meiner Mannschaft.<\/p>\n<p> \tW&uuml;nschst du dir qualifizierte Sozialbetreuer?<\/p>\n<p> \tJa, das w&auml;re sehr gut. Auch nach 10 Jahren sind f&uuml;r mich noch Briefe sehr schwer, aber viele k&ouml;nnen noch gar kein Deutsch. Manchmal helfen die Heimleiter beim &Uuml;bersetzen. Manchmal versuche ich auch zu helfen.<\/p>\n<p> \tWo siehst du dich in Zukunft?<\/p>\n<p> \tKeine Ahnung. Der Aufenthalt ist wichtig. Wenn ich Aufenthalt habe, dann sehe ich mich als Mensch. Mit einem Aufenthalt ist das Erste, dass ich einen Beruf lerne.<\/p>\n<p> \tMein gr&ouml;&szlig;ter Traum ist &#8230;<\/p>\n<p> \t&#8230; Aufenthalt bekommen, einen Beruf lernen, mehr Kontakt mit Deutschen, Reisen machen und neue Kulturen kennenlernen z.B. in Indien<\/p>\n<p> \tIch m&ouml;chte der ganzen Welt sagen &#8230;<\/p>\n<p> \t&#8230;dass sich alle lieben und zufrieden leben sollen.<\/p>\n<p> \tInformation zum Interview: Dieses hier in leicht gek&uuml;rzter Form wiedergegebene Interview wurde im April 2012 mit einem Asylsuchenden, der in einer Gemeinschaftsunterkunft im Landkreis Leipzig untergebracht war, auf Deutsch von ehrenamtlichen Mitarbeitern des Bon Courage e.V. gef&uuml;hrt. Trotz der Angst der Asylsuchenden vor sp&auml;teren Konsequenzen waren diese bereit, die Gespr&auml;che zu f&uuml;hren und stimmten einer anonymisierten Ver&ouml;ffentlichung zu. An der Lebenssituation der Fl&uuml;chtlinge hat sich seitdem nicht viel ge&auml;ndert. Das Thema ist genauso aktuell wie vor zwei Jahren. Das vollst&auml;ndige Interview mit dieser und vielen weiteren Asylsuchenden finden Sie in der Brosch&uuml;re &quot;Von au&szlig;en sieht es nicht so schlimm aus &#8230;&quot; des Bornaer Bon Courage e.V.<\/p>\n<p> \tHier ist die Brosch&uuml;re erh&auml;ltlich:&nbsp; www.boncourage.de\/index.php5?go=856<br \/> \t&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"> \tPatrick Kulow -l-iz.de- 25.12.2014 &#8211; Im Interview: ein 1985 in Syrien geborener staatenloser Kurde, der 2002 mit Hilfe eines Schleppers nach Deutschland kam und seitdem im Landkreis Leipzig untergebracht ist. &#8211; Genauso unterschiedlich, wie &quot;wir Deutschen&quot; sind, genauso unterschiedlich sind auch &quot;die Fl&uuml;chtlinge&quot;, die immer nur als eine Masse gesehen werden. 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