{"id":181,"date":"2014-12-26T17:51:16","date_gmt":"2014-12-26T16:51:16","guid":{"rendered":"http:\/\/iransos.com\/deutsch\/index.php\/2014\/12\/26\/10-interviews-mit-fluechtlingen-7\/"},"modified":"2014-12-26T17:51:16","modified_gmt":"2014-12-26T16:51:16","slug":"10-interviews-mit-fluechtlingen-7","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iransos.com\/deutsch\/?p=181","title":{"rendered":"10 Interviews mit Fl\u00fcchtlingen, 10 Lebensgeschichten &#8211; Teil 7: &#8220;Aber du denkst st\u00e4ndig an dein Zuhause, deine Freunde, deine Familie, deine Erinnerungen&#8221;"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"> \tPatrick Kulow -l-iz.de- 26.12.2014 &#8211; Im Interview: eine 1987 im Iran geborene Frau mit Bachelor-Aschluss als Ingenieuring, die 2010 gemeinsam mit ihrem Vater aus politischen Gr&uuml;nden nach Deutschland kam und seitdem im Landkreis Leipzig in einem Asylbewerberheim untergebracht ist. Mutter und Schwester mussten im Iran bleiben. &#8211; Genauso unterschiedlich, wie &quot;wir Deutschen&quot; sind, genauso unterschiedlich sind auch &quot;die Fl&uuml;chtlinge&quot;, die immer nur als eine Masse gesehen werden. Ein Blick in das Leben einzelner Asylsuchender, in ihre Erlebnisse, ihre &Auml;ngste, ihre Sorgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"> \tVielleicht kannst du erstmal von einem &quot;normalen&quot; Tag im Asylheim erz&auml;hlen?<\/p>\n<p> \tIch bin immer im Heim, mit meinem Vater oder einem anderen Iraner. Manchmal kommt ein M&auml;dchen vorbei, macht was mit uns und bringt uns zum Lachen. Oder wir spielen Volleyball. Sie ist mir sehr wichtig. Und ich lerne viel selbst&auml;ndig, versuche Deutsch zu lernen. Neben meinen Hausaufgaben, lese ich immer parallel noch ein anderes Buch. Und an Weihnachten war ich letztes Jahr in M&ouml;nchengladbach bei meinem Onkel.<\/p>\n<p> \tManchmal f&uuml;hle ich mich richtig schlecht und traurig und an anderen Tagen bin ich einigerma&szlig;en zufrieden und gl&uuml;cklich.<\/p>\n<p> \tWie sind die Zust&auml;nde im Heim?<\/p>\n<p> \tDie Bedingungen im Heim sind ok, nicht die besten, aber ok. Wir haben nur ein Badezimmer, aber ich denke, die Beziehungen untereinander sind hier besser als woanders. Aber du denkst st&auml;ndig an dein Zuhause, deine Freunde, deine Familie, deine Erinnerungen. Ich f&uuml;hl mich hier so einsam. Wenn ich in meinem Zimmer liege, kann ich meine neue Sitution einfach nicht begreifen. Was bringt die Zukunft, kann ich die Sprache lernen, was ist mit meinem Abschluss<br \/> \taus dem Iran? Auf Grund der schlechten Bedingungen in meinem Heimatland, verlierst du einfach nur alles.<\/p>\n<p> \tWie geht es deinem Vater hier?<\/p>\n<p> \tMeinem Vater geht es wie mir und er sorgt sich st&auml;ndig um mich. Er macht sich noch Gedanken dar&uuml;ber, wie er Deutsch lernen soll und er will wirklich zur Schule gehen und es lernen. Meine Mutter und meine Schwester sind noch im Iran und er ist hier. Es ist so schwer f&uuml;r ihn. Im Iran hatte er alles und jetzt? F&uuml;r ihn ist es wesentlich schwerer als f&uuml;r mich. Er ist jetzt 60 Jahre alt &#8211; im Iran hatte er Freunde, Geld, Familie und er hat alles verloren. Es ist wichtig f&uuml;r ihn, Deutsch zu lernen, weil er so die M&ouml;glichkeit hat, auch mal aus dem Heim zu kommen. Es ist sehr erdr&uuml;ckend, den ganzen Tag dort zu sein.<br \/> \tWarum musstest du dein Land verlassen?<\/p>\n<p> \tSie wollten die M&auml;nner und Frauen an der Universit&auml;t voneinander trennen, dagegen habe ich protestiert. Ich habe es nicht eingesehen. Und mein Vater hat politische Texte gegen die Regierung verfasst. Sie sperrten mich ein und wollten von mir wissen, wo er ist. Sie dachten, wir w&uuml;rden zusammen gegen die Regierung arbeiten. Mein Onkel zahlte die Kaution f&uuml;r mich und ich kam aus dem Gef&auml;ngnis frei. Sie w&uuml;rden nicht aufh&ouml;ren, meinen Vater zu suchen und mich auch nicht in Ruhe lassen &#8211; also sind wir nach Deutschland geflohen.<\/p>\n<p> \tWas war dein gr&ouml;&szlig;tes Problem, als du hier angekommen bist?<\/p>\n<p> \tWir sind weit weg von unseren Freunden und der Familie. Ich hatte keine Ahnung, was mich in Chemnitz erwarten w&uuml;rde. Es war wie im Gef&auml;ngnis, ich habe den ganzen Tag geweint. Zum Gl&uuml;ck war ich nur drei Tage da. Viele dort waren immer betrunken und haben rumgeschrien. Die R&auml;ume waren wie eine Gef&auml;ngsniszelle und die W&auml;nde waren mit schlimmen Sachen zugeschmiert. Ich habe mich so schlecht gef&uuml;hlt. Auch habe ich geh&ouml;rt, dass es zum Beispiel in Leipzig in den Heimen besser sein soll, da wird dir geholfen. Ich hatte das Gef&uuml;hl, uns wollen sie nicht helfen.<\/p>\n<p> \tDenkst du dar&uuml;ber nach, was passiert, wenn sie deinen Antrag ablehnen?<\/p>\n<p> \tIch versuche, nicht daran zu denken, weil es mich sehr stresst. Und mein Vater &#8211; er ist alt und sensibler als ich, ich mache mir Sorgen, was aus ihm wird. Ich versuche, einfach nicht daran zu denken.<br \/> \tWie siehst du deine Zukunft?<\/p>\n<p> \tIch m&ouml;chte meinen Master beenden oder vielleicht eine Ausbildung machen. Deutschland hat mir sehr geholfen und ich m&ouml;chte das irgendwann zur&uuml;ckgeben &#8211; ich nehme nicht gern Geld von anderen, ich f&uuml;hle mich schlecht dabei. Deswegen versuche ich so gut es geht, Deutsch zu lernen, damit ich hier arbeiten oder studieren kann. Aber ich wei&szlig; noch nicht, ob ich in Deutschland bleibe, ich wei&szlig; nicht, was in der Zukunft passieren wird. Im Moment ist es das Wichtigste, die Sprache zu lernen, weil ich jetzt hier lebe. Aber ich w&uuml;rde auch gern nach Amerika gehen, um dort mein Studium zu beenden, weil dort Verwandte wohnen.<\/p>\n<p> \tIch mag die Deutschen. Immer wenn ich junge Leute sehe, denke ich an meine Freunde und an meine Jugend im Iran und das macht mich traurig. Hier ist es einfacher und ihr seid freier. Es ist wirklich schwer. Ich denke, dass die iranische Regierung die Schlimmste auf der Welt ist. Satellitenreceiver, Internet, Facebook &#8211; alles ist verboten. Manchmal bleibt der Fernseher einfach schwarz und manche Sender gehen nicht. Die Polizei kann dich auch einfach einsperren, auch wenn du nur auf einer Party bist. Wenn du sie anrufst, wenn du einen Einbrecher zu Hause hast, interssiert es sie nicht, aber wenn du auf der Stra&szlig;e mit einem Jungen gesehen wirst und ihr euch k&uuml;sst, sind sie nach einer Minute da.<\/p>\n<p> \tWas wolltest Du schon immer mal sagen?<\/p>\n<p> \tAusl&auml;nder sind nicht alle gleich! Es gibt einige, die kriminell sind, aber nicht alle sind so. Wir wollen gute Menschen hier in Deutschland sein. Hier kann sich niemand vorstellen, wie es im Iran ist. Du musst in der Situation sein, um zu verstehen, wie es uns im Iran ging. Die Leute dort leben unter schlimmen Bedingungen. Sie sperren dich f&uuml;r die einfachsten Dinge ein, t&ouml;ten dich dann vielleicht sogar im Gef&auml;ngnis. F&uuml;r Frauen ist es besonders hart, im Iran zu leben.<\/p>\n<p> \tInformation zum Interview: Dieses hier in leicht gek&uuml;rzter Form wiedergegebene Interview wurde im April 2012 mit einer Asylsuchenden, die in einer Gemeinschaftsunterkunft im Landkreis Leipzig untergebracht war, auf Englisch von ehrenamtlichen Mitarbeitern des Bon Courage e.V. gef&uuml;hrt. Trotz der Angst der Asylsuchenden vor sp&auml;teren Konsequenzen waren diese bereit, die Gespr&auml;che zu f&uuml;hren und stimmten einer anonymisierten Ver&ouml;ffentlichung zu. An der Lebenssituation der Fl&uuml;chtlinge hat sich seitdem nicht viel ge&auml;ndert. Das Thema ist genauso aktuell wie vor zwei Jahren. Das vollst&auml;ndige Interview mit dieser und vielen weiteren Asylsuchenden finden Sie in der Brosch&uuml;re &quot;Von au&szlig;en sieht es nicht so schlimm aus &#8230;&quot; des Bornaer Bon Courage e.V.<\/p>\n<p> \tHier ist die Brosch&uuml;re erh&auml;ltlich: www.boncourage.de\/index.php5?go=856<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"> \tPatrick Kulow -l-iz.de- 26.12.2014 &#8211; Im Interview: eine 1987 im Iran geborene Frau mit Bachelor-Aschluss als Ingenieuring, die 2010 gemeinsam mit ihrem Vater aus politischen Gr&uuml;nden nach Deutschland kam und seitdem im Landkreis Leipzig in einem Asylbewerberheim untergebracht ist. Mutter und Schwester mussten im Iran bleiben. &#8211; Genauso unterschiedlich, wie &quot;wir Deutschen&quot; sind, genauso unterschiedlich sind auch &quot;die Fl&uuml;chtlinge&quot;, die immer nur als eine Masse gesehen werden. 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