{"id":185,"date":"2015-01-06T17:31:31","date_gmt":"2015-01-06T16:31:31","guid":{"rendered":"http:\/\/iransos.com\/deutsch\/index.php\/2015\/01\/06\/kampagne-fuer-soltani\/"},"modified":"2015-01-06T17:31:31","modified_gmt":"2015-01-06T16:31:31","slug":"kampagne-fuer-soltani","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iransos.com\/deutsch\/?p=185","title":{"rendered":"Kampagne &#8220;Kochen f\u00fcr Soltani&#8221; Sein Platz bleibt frei"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">5. Januar 2015, SZ &#8211; Maede Soltani, 34, lebt in N\u00fcrnberg, hier entstand auch die Idee f\u00fcr die Kampagne &#8220;Kochen f\u00fcr Soltani&#8221;. Menschen laden andere Menschen zu sich nach Hause zum Essen ein, und ein Platz bleibt dabei immer leer: der f\u00fcr den iranischen Menschenrechtsanwalt Abdolfattah Soltani, der im Jahr 2009 den Internationalen Menschenrechtspreis der Stadt N\u00fcrnberg zugesprochen bekam &#8211; und unter anderem daf\u00fcr in Teheran zu insgesamt 13 Jahren Gef\u00e4ngnishaft verurteilt worden\u00a0ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">SZ: Frau Soltani, in Ihrem Fall sei diese Eingangsfrage erlaubt: Wie geht es Ihnen?<br \/>Maede Soltani: Mir geht es gut, wir geben die Hoffnung nicht auf. Und werden nicht aufh\u00f6ren damit, um die Freiheit f\u00fcr politische Gefangene zu k\u00e4mpfen. Auch f\u00fcr meinen Vater, aber nicht nur f\u00fcr meinen Vater. Wir bekommen fast t\u00e4glich Nachrichten aus Iran, wie sich Menschen dort f\u00fcr politische Gefangene engagieren. Nat\u00fcrlich ersch\u00fcttert mich die Situation meines Vaters, seit mehr als drei Jahren ist er ununterbrochen in politischer Haft. Aber wie er und andere Widerstand leisten, und wie sie dabei unterst\u00fctzt werden von so vielen Menschen: Das macht mich auch\u00a0stark.<br \/>Wie kam es zu der Idee f\u00fcr die Kampagne?<br \/>Wir wollten zeigen: Wir denken immer an euch, an euch alle. Wir haben und werden euch nicht vergessen, ihr seid in unserem Herzen. Das ist die Botschaft an die Gefangenen, aber auch ans Regime in\u00a0Teheran.<br \/>Erz\u00e4hlen Sie von dem Projekt.<br \/>Es ist sehr emotional. Es gibt Leute in Iran, seien es Aktivisten, Journalisten, religi\u00f6se Minderheiten, die in ihren Familien fehlen &#8211; und zwar allein deshalb, weil sie das sind, was sie sind. Um darauf aufmerksam zu machen, entstand die Idee, dass Menschen andere Menschen zum Essen zu sich nach Hause einladen. Ein Platz bleibt immer leer. Oft kochen die Leute die Lieblingsspeise eines politischen Gefangenen. Es kann aber auch nur eine Tasse Tee sein oder ein kleines St\u00fcck Brot mit K\u00e4se, ganz egal. Es geht nur darum zu zeigen: Der Eingeladene kann seine Einladung nicht annehmen. Und \u00fcberall kann man das sehen auf Facebook, unter &#8220;Kochen f\u00fcr #Soltani&#8221;. Zum Essen einzuladen, das ist keine strafbare Handlung. Deshalb funktioniert das in Iran genauso wie hier in\u00a0Bayern.<br \/>Eine sch\u00f6ne Idee. Aber auch eine, die Ihnen den Verlust t\u00e4glich pr\u00e4sent macht.<br \/>Das stimmt. Aber ich vermisse meinen Vater ohnehin jeden Tag, wenn ich schlafen gehe, wenn ich koche,\u00a0immer.<br \/>Wie ist die Resonanz?<br \/>Ich bin beeindruckt. In Iran machen vor allem Menschen mit, die meinen Vater oder einen anderen politischen Gefangenen gekannt haben. Auch Menschen, die mein Vater als Rechtsanwalt vor Gericht verteidigt hat, solange er das noch konnte und in Freiheit war. Die Nachrichten, die die Menschen aus Iran mit ihren Fotos an uns schicken, sind sehr ber\u00fchrend: Erinnerungen, was mein Vater in Freiheit f\u00fcr sie getan hat. Aber mindestens genauso beeindruckend sind die Einladungen hier in N\u00fcrnberg. Da machen Leute mit, die meinen Vater niemals kennengelernt haben. Ihn nur aus den Medien kennen. Das ist ganz wunderbar, ein gro\u00dfes Geschenk f\u00fcr\u00a0uns.<br \/>Wann haben Sie Ihren Vater das letzte Mal gesehen?<br \/>2009 war das, vor den Unruhen in Iran, da war er noch in Freiheit. Telefonieren darf ich nur dann mit ihm, wenn er aus der Haft ins Krankenhaus eingeliefert wird. Dann aber auch nur einige Augenblicke. Politische Gefangene in Iran werden schlechter behandelt als andere Gefangene. W\u00e4re mein Vater ein M\u00f6rder, h\u00e4tte er mehr Rechte. K\u00f6nnte Kontakt halten zu Anw\u00e4lten oder seiner Familie. Ohne\u00a0Repressalien.<br \/>Haben Sie manchmal Angst, dass der Willen Ihres Vaters gebrochen wird?<br \/>Nein, nie. Ich habe dieser Tage mit einem Journalisten telefoniert, er ist inzwischen Exil-Iraner. Er war drei Jahre im selben Gef\u00e4ngnis wie mein Vater, er kennt ihn gut. Er hat mir erz\u00e4hlt: Dein Vater ist einer, der uns allen in der Haft immer eine geistige St\u00fctze war. Nur \u00fcber seine eigenen Probleme rede mein Vater wenig, hat er\u00a0gesagt.<br \/>Ihr Vater wurde unter anderem verurteilt wegen der Annahme des N\u00fcrnberger Menschenrechtspreises. So pervers das ist: Haben Sie den Preis manchmal verflucht?<br \/>Zu keiner Sekunde. Auch in meiner Familie denkt keiner so. Es war ja auch noch nie zuvor passiert, dass ein iranischer B\u00fcrger wegen so etwas verurteilt worden ist. Man darf da nicht Ursache und Wirkung verwechseln. Der iranische Staat wollte, dass mein Vater in Haft muss. Der Preis aus N\u00fcrnberg war f\u00fcr sie nur ein willk\u00fcrlicher Anlass. Einer von mehreren. Aus deren Sicht musste mein Vater wegen seiner Arbeit als Anwalt aus dem Weg ger\u00e4umt werden. Je l\u00e4nger, desto besser f\u00fcr\u00a0sie.<br \/>Hat der N\u00fcrnberger Preis auch etwas Positives bewirkt?<br \/>Selbstverst\u00e4ndlich. Mein Vater hat so viel Aufmerksamkeit bekommen. Ich will gar nicht spekulieren, was sie mit ihm machen w\u00fcrden, wenn die \u00d6ffentlichkeit nicht mitverfolgen w\u00fcrde, was mit ihm passiert. Es k\u00f6nnte alles noch viel schlimmer\u00a0sein.<br \/>F\u00fchlen Sie sich hinreichend wahrgenommen in N\u00fcrnberg, in Bayern?<br \/>Oh ja, f\u00fcr uns ist das ein gro\u00dfes Gl\u00fcck. Ich werde nie vergessen, was hier in N\u00fcrnberg passierte, als mein Vater in den Hungerstreik getreten ist in Iran. Wenn ich alles erz\u00e4hlen wollte, was in diesen Wochen einige tausend Kilometer weit von Iran entfernt geschehen ist, hier in N\u00fcrnberg, dann m\u00fcsste ich ein Buch schreiben. Die Anwaltskammer, das Menschenrechtsb\u00fcro, der Philharmonische Chor, Frauenorganisationen, Parlamentarier, der Oberb\u00fcrgermeister, ganz normale B\u00fcrger: Alle haben sich an der Mahnwache beteiligt. Ich werde in dieser Stadt dauernd auf meinen Vater angesprochen. Das r\u00fchrt mich\u00a0sehr.<br \/>Sie arbeiten in der N\u00e4he von N\u00fcrnberg. K\u00f6nnen Sie sich konzentrieren?<br \/>Kann ich gl\u00fccklicherweise. Ich habe es inzwischen geschafft, ein Gleichgewicht herzustellen zwischen meinen beiden Leben. Dem hier in N\u00fcrnberg und dem in Gedanken, in Iran. Es h\u00e4tte bestimmt passieren k\u00f6nnen, dass ich jeden Tag m\u00fcde bin, ausgelaugt, konfus. Aber es ist nicht so. Wahrscheinlich hilft es, dass ich hier Freunde gewonnen habe, die mir wie eine Familie sind. Wie meine Mutter, meine Schwester, meine Gro\u00dfmutter. Ich bin nicht allein. Ich teile mein Leid mit den Leuten. Nat\u00fcrlich: Manchmal tut es mir weh, dass ich Leid teilen muss. Aber vielleicht wandelt es sich ja in eine gro\u00dfe Freude\u00a0irgendwann.<br \/>Glauben Sie daran, Ihren Vater noch einmal in die Arme schlie\u00dfen zu k\u00f6nnen?<br \/>Ich bin fest davon \u00fcberzeugt. Und vielleicht schon bald. Wer\u00a0wei\u00df?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">5. Januar 2015, SZ &#8211; Maede Soltani, 34, lebt in N\u00fcrnberg, hier entstand auch die Idee f\u00fcr die Kampagne &#8220;Kochen f\u00fcr Soltani&#8221;. 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