{"id":197,"date":"2015-02-15T15:10:31","date_gmt":"2015-02-15T14:10:31","guid":{"rendered":"http:\/\/iransos.com\/deutsch\/index.php\/2015\/02\/15\/der-geschmack-von-freiheit\/"},"modified":"2015-02-15T15:10:31","modified_gmt":"2015-02-15T14:10:31","slug":"der-geschmack-von-freiheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iransos.com\/deutsch\/?p=197","title":{"rendered":"Der Geschmack von Freiheit"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">14.02.2015 &#8211; Frankfurter Rundschau &#8211; Von\u00a0Hannah Weiner: Im Iran, wo Gottesl\u00e4sterung mit dem Tod bestraft werden kann, Frauen wegen westlicher Kleidung Auspeitschung droht und das Wort Allahs Gesetz ist, hat sich die Elite kleine Oasen der Selbstbestimmung erkauft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Feucht-schwerer Nebel h\u00e4ngt \u00fcber der kleinen Stadt Shahrake D., die sich aus der D\u00e4mmerung erhebt. Der vollst\u00e4ndige Name des Ortes im Norden Irans muss geheim bleiben. \u201eDas w\u00e4re sonst f\u00fcr uns alle zu gef\u00e4hrlich\u201c, sagt Iman schon zum dritten Mal in die Stille des Autos hinein. Seit einer Woche begleitet der 31-J\u00e4hrige uns, drei deutsche Touristinnen, durch sein Heimatland Iran. Eine \u00dcberraschung warte hier, hatte er versprochen, bevor wir in der Hauptstadt Teheran losgefahren sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Iran ist ein von Mullahs beherrschtes Land. Frauen sind hier gesetzlich zum Hidschab, der islamisch begr\u00fcndeten Verh\u00fcllung, verpflichtet. \u201eGeht lieber kein Risiko ein\u201c, hat Iman immer wieder betont. Auch Touristinnen sollten sich bedeckt und im Hintergrund halten, denn schon Rauchen in der \u00d6ffentlichkeit gilt manchmal als Provokation. Verst\u00f6\u00dfe gegen diese Regeln k\u00f6nnen hoch bestraft und Frauen im schlimmsten Fall ausgepeitscht werden, wenn sie sich freiz\u00fcgig kleiden oder unsittlich verhalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Daran haben wir uns die vergangenen acht Tage ausnahmslos gehalten. \u201eIhr d\u00fcrft eure Kopft\u00fccher jetzt abnehmen\u201c, sagt Iman auf einmal. Wir sind in Shahrake D. angekommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Urlaub jenseits der islamischen Gesetze<\/strong><br \/>Die kleine Stadt mit rund 400 H\u00e4usern liegt im Norden Irans zwischen Elburs-Gebirge und Kaspischem Meer. Sie ist f\u00fcnf holprige Autostunden von Teheran entfernt. Von der Hauptstra\u00dfe sind wir in einen unauff\u00e4lligen Feldweg eingebogen. Ges\u00e4umt von Wald und Gestr\u00fcpp endet die schmale Stra\u00dfe an einer Schranke mit Checkpoint. Ab hier, versteckt und unscheinbar, beginnt sie: eine der verborgenen Seiten der Islamischen Republik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als der wei\u00df-rote Holzbalken hochf\u00e4hrt und er\u00f6ffnet sich eine Welt, die selbst viele von Imans Landsleuten nie kennenlernen. Vor uns liegt eine Gated Community, ein geschlossener, exklusiver Wohnkomplex. Die Schranke passieren darf nur, wer ein registriertes Nummernschild und eine Identifikationskarte wie Iman hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier verbringt die reiche und liberale Elite der Gesellschaft ihren Urlaub, jenseits der islamischen Gesetze. Unsicher streifen wir die grauen Schals vom Kopf in den Nacken und krempeln die \u00c4rmel hoch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Woche reisen wir bereits durch den Iran. Rund um die Uhr haben wir unseren Hidschab getragen, wohl wissend, dass auf europ\u00e4ische Reisebekleidung hohe Strafen stehen k\u00f6nnen. Ob beim Wasserpfeife rauchen, beim Spaziergang am Meer, in Restaurants, im Auto und in Museen \u2013 Kopftuch und weiter Mantel waren unsere st\u00e4ndigen Begleiter. Oft hatten wir Angst, dass der Schal im falschen Moment verrutscht, man uns am falschen Ort rauchen sieht oder wir etwas Falsches sagen. Die Sittenpolizei ist mit ihren unvorhersehbaren Kontrollen allgegenw\u00e4rtig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Selbst nachts im Bus kamen M\u00e4nner in Uniform und \u00fcberpr\u00fcften die Kleidung der Reisenden. Auf einmal sollen diese Regeln nicht mehr gelten? Iman, der seit f\u00fcnf Jahren in Deutschland studiert, und uns seit der Ankunft in Teheran begleitet, nickt ermutigend: \u201eHier k\u00f6nnt ihr sein wie ihr wollt.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier \u2013 das ist eine von etwa 30 kleinen St\u00e4dten im Norden des Landes, die an die Gated Communities in S\u00fcdafrika erinnern: abgegrenzt durch hohen Stacheldrahtzaun, Schranken und Sicherheitsdienst. Hier \u2013 das ist ein exklusiver Ort, zu dem ohne entsprechende Kontakte der Eintritt verwehrt bleibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier \u2013 das ist weitab von Geheimdienst und Sittenpolizei des konservativ-islamischen F\u00fchrers Ajatollah Chamenei. \u201eWer genug Geld hat\u201c, sagt Iman, \u201ekann sich hier eine Auszeit nehmen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Einwohner dieser St\u00e4dte setzen die islamischen Gesetze auf eine gewisse Art au\u00dfer Kraft, erkl\u00e4rt er. Schweigen und Toleranz der \u00f6rtlichen Polizei und Beh\u00f6rden w\u00fcrden erkauft. Ob die politische und religi\u00f6se Obrigkeit wirklich nicht wei\u00df, wie man hier lebt oder ob sie es inoffiziell duldet, bleibt jedoch unklar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u201eDas hier ist ein Labor, in dem getestet wird: Wie schmeckt Freiheit?\u201c<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei einem Spaziergang durch Shahrake D. weht uns erfrischender Wind die offenen Haare ins Gesicht. W\u00e4hrend wir durch die Stra\u00dfen laufen, f\u00fchlen wir uns zum ersten Mal auf unserer Reise frei. Keine kritischen Blicke, kein hektisches Richten von Mantel und Kopftuch, keine Angst vor der Sittenpolizei. Links und rechts der sp\u00e4rlich beleuchteten Stra\u00dfe reihen sich H\u00e4user aneinander, mal klein und unscheinbar, mal palast\u00e4hnlich und pomp\u00f6s.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Iman grinst: \u201eAuch f\u00fcr mich ist das hier Genuss, aber f\u00fcr meine Mutter und Schwester nat\u00fcrlich noch viel mehr.\u201c Dass die Welt jenseits der Grenze besonders f\u00fcr Frauen eine Wohltat ist, erz\u00e4hlt auch die 34-j\u00e4hrige Schirin. Sie ist Imans Nachbarin. \u201eWenn ich hier bin, genie\u00dfe ich jede Sekunde\u201c, sagt sie. Ihre Bermudahose reicht nur bis kurz unter die Knie, das T-Shirt zeigt ihre schlanken Arme. Die langen, schwarzen Haare gl\u00e4nzen unter dem Licht der Stra\u00dfenlaterne. So wie Schirin jetzt aussieht, w\u00fcrde sie au\u00dferhalb dieses Ortes die Sittenpolizei auf den Plan rufen. \u201eSo von Frau zu Frau\u201c, lacht sie, \u201eich verbringe lieber eine Stunde mehr hier, als Shoppen zu gehen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihre Schwiegermutter, eine \u00e4ltere Frau mit weisen Augen und feinen Linien im Gesicht, f\u00fcgt hinzu: \u201eDas hier ist ein Labor, in dem getestet wird: Wie schmeckt Freiheit?\u201c<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"caption\" src=\"images\/2011\/i\/iran-fr.jpg\" border=\"0\" alt=\"Eine Frau erz\u00e4hlt, sie sei lieber eine Stunde in Shahrake D. als Shoppen zu gehen. (Symbolbild) \u00a0Foto:\u00a0Hannah Weiner\" title=\"Eine Frau erz\u00e4hlt, sie sei lieber eine Stunde in Shahrake D. als Shoppen zu gehen. (Symbolbild) \u00a0Foto:\u00a0Hannah Weiner\" style=\"display: block; margin-left: auto; margin-right: auto;\" \/><br \/>Iman erz\u00e4hlt von der Entstehung der besonderen St\u00e4dte. Mitte der neunziger Jahre hat eine Gruppe von Beamten die Gated Communities erst nur f\u00fcr sich und ihre Familien gegr\u00fcndet. Sie wollten fernab von Druck und Dreck der Gro\u00dfstadt den Ruhestand genie\u00dfen. Die Idee: weniger Kontrolle, mehr Privatsph\u00e4re, mehr Freiheit. Bald begannen sie Grundst\u00fccke an andere Auserw\u00e4hlte zu verkaufen, an Menschen, die sie mochten und die es sich leisten konnten. Manche der Ferienorte sind inzwischen so gro\u00df wie deutsche Kleinst\u00e4dte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Andere, wie Shahrake D., bleiben \u00fcberschaubar. \u201eDeswegen ist es so gesch\u00fctzt und privat, wie nirgendwo anders\u201c, sagt Iman fast ein bisschen stolz. Alle Grundst\u00fccke hier seien bereits verkauft und schon jetzt rund zehn der Ferienh\u00e4user sogar dauerhaft bewohnt. Bei umgerechnet 100 000 bis 150 000 Euro beginnen die Preise f\u00fcr ein St\u00fcck Land. Das kann sich nur weit weniger als ein Prozent der Iraner leisten. Ausschweifende Parties, illegaler Alkohol, \u00f6ffentliches Tanzen \u2013 all das kann, so erz\u00e4hlt Iman, in Form von ein paar hundert Quadratmetern erkauft werden. 1995 erstand seine Familie hier Boden und baute eines der ersten Ferienh\u00e4user, die \u201eVillen\u201c genannt werden. 350 Quadratmeter misst ihr Grundst\u00fcck, in dessen Mitte ein unscheinbares, einst\u00f6ckiges Geb\u00e4ude steht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Bedeutung des Wortes Villa zielt hier nicht auf Prunk und zur Schau gestellten Reichtum ab. Es geht um etwas anderes: Freiheit ist der wahre Luxus, ein selbstbestimmtes Leben ist der iranische Reichtum. Manchmal und unter einem gewissen Risiko k\u00f6nnten sich Frauen hier sogar im Bikini im Garten sonnen, sagt Iman. Unvorstellbar \u2013 nicht nur, weil gerade Winter ist, sondern auch, weil das nicht in das Bild von in schwarze Tschadors geh\u00fcllte Frauen und Werbetafeln f\u00fcr Vollverschleierung im Rest des Landes passt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u201eAlles, was wir hier machen, ist illegal\u201c<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDie Leute kommen aus der H\u00f6lle her so oft sie k\u00f6nnen\u201c, f\u00e4hrt Iman fort. Die H\u00f6lle \u2013 damit meint er Teheran. Gro\u00dfe Teile der Hauptstadt sind laut, grau und chaotisch. Die Regeln des Mullah-Regimes sind dort besonders erdr\u00fcckend. Im Vergleich zur Hauptstadt ist Shahrake D. wirklich der Himmel. Diese Station unserer Reise durch die Islamische Republik ist ein Ort zum Durchatmen. In diesem Land, in dem das Private geheim und das \u00d6ffentliche unter den strengen Augen der religi\u00f6sen F\u00fchrer stattfinden muss, wo die Aussagen von Frauen vor Gericht nur die H\u00e4lfte z\u00e4hlen und protestierende Studenten, wie Iman, verhaftet und gefoltert wurden.<br \/>In diesem Land entstehe hier im Sommer jede Nacht durch die Mischung aus \u201eToleranz, Risiko und Geld\u201c eine Oase der Freiheit, sagt Iman. Das Herz der Gated Communities, erz\u00e4hlt er, sind gro\u00dfe Partys unter freiem Himmel. \u201eAlles, was wir dann hier machen, ist illegal.\u201c Dann tanzten bis zu 200 Menschen aller Altersklassen zu lauter persischer und westlicher Popmusik. Es gebe Alkohol und manchmal k\u00e4men sogar DJs.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir werden diese Party nicht miterleben k\u00f6nnen, denn wir bleiben nur eine Nacht und das im Winter. Aber in unserer Vorstellung tanzt eine junge Iranerin mit ihrem Freund unter dem Sternenhimmel bis in die Morgenstunden. Kopftuch, Mantel und alle anderen Zw\u00e4nge hat sie Zuhause gelassen.<br \/>Ein letztes Mal fahren wir nach einer kurzen Nacht am n\u00e4chsten Morgen viel zu schnell mit lauter Musik und offenen Fenstern durch die Stra\u00dfen der kleinen Stadt. Wir atmen tief durch. Ganz gerecht ist das nicht, Freiheit f\u00fcr die reiche Elite. Aber verurteilen k\u00f6nnen wir es auch nicht, daf\u00fcr haben wir sie zu sehr genossen. Wir verabschieden uns von Shahrake D., wickeln die Schals um den Kopf, richten den Mantel und krempeln die \u00c4rmel herunter. Dann passieren wir die Schranke zur\u00fcck in die iranische Realit\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">AUTOR<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img decoding=\"async\" class=\"caption\" src=\"images\/2011\/h\/hanna-weiner.jpg\" border=\"0\" alt=\"Hannah Weiner Autorin, Frankfurt\/Rhein-Main\" title=\"Hannah Weiner Autorin, Frankfurt\/Rhein-Main\" align=\"left\" \/><br \/>Hannah Weiner<br \/>Autorin, Frankfurt\/Rhein-Main<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">14.02.2015 &#8211; Frankfurter Rundschau &#8211; Von\u00a0Hannah Weiner: Im Iran, wo Gottesl\u00e4sterung mit dem Tod bestraft werden kann, Frauen wegen westlicher Kleidung Auspeitschung droht und das Wort Allahs Gesetz ist, hat sich die Elite kleine Oasen der Selbstbestimmung erkauft.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[223],"class_list":["post-197","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-hannah-weiner"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/iransos.com\/deutsch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/197","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/iransos.com\/deutsch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/iransos.com\/deutsch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/iransos.com\/deutsch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/iransos.com\/deutsch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=197"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/iransos.com\/deutsch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/197\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/iransos.com\/deutsch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=197"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/iransos.com\/deutsch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=197"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/iransos.com\/deutsch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=197"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}