{"id":221,"date":"2015-07-12T16:03:39","date_gmt":"2015-07-12T14:03:39","guid":{"rendered":"http:\/\/iransos.com\/deutsch\/index.php\/2015\/07\/12\/musik-im-iran-suendhafte-musik\/"},"modified":"2018-03-02T18:41:48","modified_gmt":"2018-03-02T17:41:48","slug":"musik-im-iran-suendhafte-musik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iransos.com\/deutsch\/?p=221","title":{"rendered":"Musik im Iran: S\u00fcndhafte Musik"},"content":{"rendered":"<div style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium\" src=\"http:\/\/iransos.com\/deutsch\/images\/2011\/m\/musik-iran-frauen.jpg\" width=\"500\" height=\"250\" \/><p class=\"wp-caption-text\"><\/span> <span style=\"font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\">Musikerinnen spielen bei einem Internationalen Musikfestival in Teheran im Februar. Foto: imago\/Xinhua<\/span><\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"><span style=\"color: #888888;\">10. 7. 2015-taz-<\/span>\u00a0 Im Iran werden oft Kulturveranstaltungen verboten. Obwohl Pr\u00e4sident Rohani dies \u201ef\u00fcr eine Missachtung der Rechte der B\u00fcrger\u201c h\u00e4lt.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"> \u201eIch werde keine Konzerte mehr im Iran geben, solange Kunst und Kultur als Geisel im Machtkampf zwischen den politischen Fraktionen benutzt werden und es keine klaren Richtlinien f\u00fcr kulturelle Veranstaltungen gibt\u201c, sagt der international bekannte iranische Kamantschespieler Kayhan Kalhor.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"><!--more-->Der Meister der Kamantscheh (Langhalslaute, persisch: Setar), der wie kaum ein anderer auf der Welt dieses Instrument beherrscht, sollte am 10. Juni gemeinsam mit dem New Yorker Streichquartett Brooklyn Rider in Teheran auftreten. Doch zwei Tage davor wurde das lang vorbereitete Konzert in der iranischen Hauptstadt abgesagt.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"> Verantwortlich f\u00fcr kulturelle Veranstaltungen ist das Ministerium f\u00fcr Kultur und Islamische F\u00fchrung. Das Ministerium hatte die Erlaubnis zu Kalhors Konzert erteilt, was aber offenbar die Ordnungskr\u00e4fte nicht daran hinderte, den Auftritt zu untersagen. Gegen diese Ma\u00dfnahme protestierte wiederum der f\u00fcr Musikveranstaltungen verantwortliche Staatssekret\u00e4r im Kulturministerium, Pirus Ardscomandi.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"> Das Untersagen von Musikveranstaltungen, insbesondere mit ausl\u00e4ndischen K\u00fcnstlern, und die damit verbundene Kulturauffassung st\u00fcnden im Widerspruch zu der Politik der aktuellen Regierung, die eine enge Zusammenarbeit mit der Au\u00dfenwelt anstrebe, sagte Pirus Ardscomandi. Und der Sprecher des Ministeriums teilte weiter mit: \u201eDie Ordnungskr\u00e4fte haben kein Recht, ein Konzert zu verbieten.\u201c<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"> Aber sie tun es halt doch, da die Regierung nicht genug Macht hat, um es ihnen zu verbieten. So war das Konzert von Kalhor nicht das einzige, das nicht stattfinden durfte. In den letzten drei Monaten wurden rund 20 Musikveranstaltungen in Teheran und anderen Gro\u00dfst\u00e4dten untersagt. Das Konzert von Parwaz Homay wurde wenige Stunden vor Beginn ohne Nennung von Gr\u00fcnden abgesagt.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"> Begr\u00fcndung: Autounfall<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"> Auch das Konzert mit dem Ensemble Paywar durfte nicht stattfinden. Eine Veranstaltung mit der Gruppe Saman Dschalili in der Stadt Sabsewar wurde mit der Begr\u00fcndung abgesagt, die K\u00fcnstler seien wegen eines Autounfalls nicht in der Lage, zu spielen. Doch ein Mitglied der Gruppe sagte zur Presse, den Musikern sei untersagt worden, nach Sabsewar zu fahren.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"> Die Absage von Musik- und Theaterveranstaltungen, die Schlie\u00dfung von Galerien, die Zensur von B\u00fcchern und das Verbot von Zeitungen sind Ausdruck eines Kulturkampfs in der Islamischen Republik, der sich in den letzten Monaten besonders zugespitzt hat. Es ist ein Kampf zwischen der Regierung, den Reformern und Laizisten auf der einen und den Konservativen und extremen Islamisten auf der anderen Seite.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"> Kulturschaffende hatten nach den dunklen Jahren unter Pr\u00e4sident Ahmadinedschad gehofft, mit der \u00dcbernahme der Regierung durch Hassan Rohani werde sich das Land nach innen und au\u00dfen \u00f6ffnen. Das hatte Rohani auch w\u00e4hrend des Wahlkampfs 2013 angek\u00fcndigt. Doch je entschlossener die Regierung versucht, diese Politik durchzusetzen, desto vehementer versuchen Konservative und Ultras dagegen vorzugehen. Es sind viele der Freitagsprediger, die meisten Gro\u00dfajatollahs, die Justiz, gro\u00dfe Teile der Revolutionsgarden sowie der W\u00e4chterrat und Revolutionsf\u00fchrer Ali Chamenei, deren r\u00fcckw\u00e4rtsgerichtete Auffassungen von der Gesellschaft mehrheitlich abgelehnt werden. Doch sie haben die Macht, k\u00f6nnen jede Reform vereiteln.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"> Es ist in der Geschichte der Islamischen Republik ohne Beispiel, dass ein Staatspr\u00e4sident so deutlich wie Rohani gerade f\u00fcr die Musik Partei ergreift. Dies hat er bei seiner wichtigen Rede zum zweiten Jahrestag seines Amtsantritts direkt ausgedr\u00fcckt. Rohani sagte: \u201eWir sind nicht gegen Freude und Unterhaltung. Wir m\u00f6chten ein Volk sein, das die Werte des Glaubens achtet, aber auch gl\u00fccklich und lebensfroh ist. Was kann man dagegen einwenden, wenn wir uns an musikalischen Darbietungen erg\u00f6tzen?\u201c. Rohani weiter: \u201eWenn f\u00fcr eine Musikveranstaltung die Erlaubnis erteilt worden ist und die Interessierten sich zur Teilnahme vorbereitet haben, bedeuten solche Interventionen (wie die der Ordnungskr\u00e4fte oder der Justiz) nichts anderes als eine Missachtung der Rechte der B\u00fcrger.\u201c<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"> Inszenierte Proteste<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"> Trotz dieser eindeutigen Positionierung ist es der Regierung nicht gelungen, sp\u00fcrbare Schritte zugunsten der Musikk\u00fcnstler zu unternehmen. Zu den wenigen Pluspunkten, die das Kulturministerium im Bereich der Musik f\u00fcr sich buchen kann, geh\u00f6rt aber immerhin die Wiederer\u00f6ffnung des Teheraner Symphonieorchesters. Das Orchester, das auf eine lange Tradition zur\u00fcckblickt, war jahrelang geschlossen. Im M\u00e4rz vergangenen Jahres trat es mit der neunten Symphonie von Beethoven wieder an die \u00d6ffentlichkeit. In den vergangenen Monaten standen unter anderem Werke von Tschaikowski, Grieg, Brahms und Korsakow mit weltbekannten Solisten auf dem Spielplan.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"> Doch der Wirkungsbereich des Orchesters ist ziemlich begrenzt. Man erreicht nicht so viele wie die Popk\u00fcnstler. Doch die popul\u00e4ren iranischen Musikgruppen stehen besonders unter Druck. Viele Auftritte werden von den Ordnungskr\u00e4ften und der Justiz von vornherein untersagt. Als Vorwand dienen daf\u00fcr oftmals von den Islamisten inszenierte Protestkundgebungen, die im Vorfeld aggressiv auftreten und mit St\u00f6rungen drohen.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"> Doch andere wie der Gouverneur der Stadt Schiras, Mostafa Amiri, verzichten gleich auf solche Vorw\u00e4nde. Er erkl\u00e4rte v\u00f6llig ungeniert, dass er in seiner Stadt \u00fcberhaupt keine Musikveranstaltungen mehr zulassen werde. Viele iranische Musiker haben das Land verlassen und arbeiten im Ausland.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"> Der weitaus popul\u00e4rste S\u00e4nger Irans, Mohammad-Resa Schadscharian hat seit f\u00fcnf Jahren Auftrittverbot, weil er sich mit den Protesten gegen Rohanis Amtsvorg\u00e4nger Ahmadinedschad 2009 solidarisiert hatte.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"> Rohani hat bei seinem Amtsantritt Musiker Schadscharian als einen K\u00fcnstler bezeichnet, auf den die ganze Nation stolz sein k\u00f6nne. Auch wollte er sich f\u00fcr die Aufhebung des Auftrittsverbots gegen Schadscharian einsetzen.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"> Allein, dem Pr\u00e4sidenten ist es bis heute nicht gelungen. \u201eIch lebe in einem Land, in dem ich seit Jahren f\u00fcr meine Landsleute nicht singen darf\u201c, stellte Schadscharian so bei einem Besuch im Ausland k\u00fcrzlich fest.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"> Zur Legitimierung von Verboten und St\u00f6rungen berufen sich die extremen Islamisten auf die Argumente ihrer geistlichen Instanzen. So erkl\u00e4rt Gro\u00dfajatollah Makarem Schirasi, jede Musik, die Freude, Vergn\u00fcgen, Zerstreuung und Unterhaltung bringe, sei aus religi\u00f6ser Sicht s\u00fcndhaft. Und sein Kollege Gro\u00dfajatollah Safi Golpaygani meint sogar, Kauf und Verkauf von Musikinstrumenten, die zum Spielen s\u00fcndhafter Musik verwendet w\u00fcrden, sollten untersagt werden.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"> Die weibliche Stimme<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"> Besonders empfindlich reagieren reli\u00f6se Instanzen und ihre konservativen Anh\u00e4nger, wenn es um Auftritte von Frauen bei musikalischen Darbietungen geht. Dabei geht es weniger um die Kleidungsvorschriften, die die Frauen mehr oder weniger penibel einhalten. Aus der Sicht der meisten religi\u00f6sen Instanzen werden M\u00e4nner, die eine Frau auf der B\u00fchne stehen sehen, zu s\u00fcndhaften Blicken verleitet. Noch schlimmer sei, wenn sie auch noch die melodische Stimme einer Frau h\u00f6ren.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"> Verwunderlich ist diese Sichtweise nicht, wenn man wei\u00df, dass es unter den konservativen Geistlichen welche gibt, die sogar meinen, das Ger\u00e4usch hoher Abs\u00e4tze von Frauen k\u00f6nne bei M\u00e4nnern Gef\u00fchlswallungen hervorrufen. Bei einem k\u00fcrzlich veranstalten Konzert der Gruppe Chonia in Teheran, bei dem zwei S\u00e4ngerinnen und zwei S\u00e4nger auftraten, wurde ohne Wissen der Betroffenen das Mikrofon einer S\u00e4ngerin ausgeschaltet. \u201eWir wollten verhindern, dass die Stimmen der Frauen \u00fcber die der M\u00e4nner herausragen\u201c, erkl\u00e4rten die Verantwortlichen.<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"> So kommt es, dass seit der Gr\u00fcndung der Islamischen Republik musizierende und singende Frauen erheblichen Einschr\u00e4nkungen ausgesetzt sind. Dabei haben iranische Frauen auch im Bereich der Musik traditionell eine wichtige Rolle gespielt. S\u00e4ngerinnen wie Delkasch, Marsieh und Gugusch sind auch nach Jahrzehnten in der Erinnerung nahezu eines jeden Iraners pr\u00e4sent. Die Tageszeitung Schargh schrieb, \u201edie Musikerinnen im Iran stehen vor einer roten Ampel. Es ist nicht vorauszusehen, wann die Ampel auf Gr\u00fcn schalten wird.\u201c<\/span><br \/>\n<span style=\"font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"> Iranische Musiker haben nun auf die Zunahme der Verbote mit der Gr\u00fcndung einer \u201eKampagne zur Unterst\u00fctzung der Musiker und zum Kampf gegen Einschr\u00e4nkungen\u201c reagiert. Unter den Teilnehmern der Kampagne befinden sich einige der popul\u00e4rsten der Musikszene. Mohammad-Resa Nurbchsch, Leiter des \u201eHauses der Musik\u201c, sagte, er habe sich nicht vorstellen k\u00f6nnen, dass nach der Amts\u00fcbernahme der Rohani-Regierung Musikschaffenden solche beleidigenden Einschr\u00e4nkungen auferlegt w\u00fcrden. Schlie\u00dflich habe Rohani mehr Offenheit und Freiheit versprochen.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #888888;\">10. 7. 2015-taz-<\/span>\u00a0 Im Iran werden oft Kulturveranstaltungen verboten. 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