{"id":261,"date":"2017-07-08T16:21:36","date_gmt":"2017-07-08T14:21:36","guid":{"rendered":"http:\/\/iransos.com\/deutsch\/index.php\/2017\/07\/08\/frauen-im-iran\/"},"modified":"2020-02-06T16:22:34","modified_gmt":"2020-02-06T15:22:34","slug":"frauen-im-iran","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iransos.com\/deutsch\/?p=261","title":{"rendered":"Frauen im Iran: &#8220;Weder Kopftuch \u2013 Noch Schl\u00e4ge \u2013 Es lebe die Freie Liebe&#8221;"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #888888;\">07.07.2017 &#8211; Der Standard-<\/span> \u00dcber asketische Ideale und die Angst vor der R\u00fcckkehr des inzestu\u00f6sen Urvaters Ausgehend von Freuds Spekulationen \u00fcber den Ursprung der menschlichen Gesellschaft hatte ich im letzten Blogbeitrag &#8220;Freud und der Sex im schiitischen Islam&#8221; den Zusammenhang zwischen Sexualit\u00e4t und Gesellschaft, zwischen politischen und sexuellen Revolutionen zu analysieren versucht.<\/p>\n<p><!--more-->Am \u2013 oder besser vor dem \u2013 Beginn der &#8220;Kultur&#8221; steht f\u00fcr Freud die Urhorde, jene Urform der Gesellschaft, dessen unumschr\u00e4nkter Herrscher, der Urvater, nach Vertreibung aller S\u00f6hne s\u00e4mtliche Frauen der Horde besa\u00df. Eines Tages rotteten sich die S\u00f6hne zusammen um den Urvater zu ermorden \u2013 und selbst in den Besitz und den Genuss der Frauen zu kommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit Freud und \u00fcber Freud hinaus hatten wir drei m\u00f6gliche Ausg\u00e4nge jener fiktiven \u2013 sexuellen und politischen \u2013 Ur-Revolution herausgearbeitet. Den ersten nannten wir &#8220;Tyrannei des \u00dcber-Ichs&#8221;:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die S\u00f6hne, die den Urvater nicht nur gehasst, sondern auch bewundert, vielleicht auch geliebt hatten, werden von Schuldgef\u00fchlen und Reue \u00fcberw\u00e4ltigt. Als Gott wird der tote, verinnerlichte Urvater m\u00e4chtiger als der Lebende. Es entsteht die \u2013 von asketischen Idealen dominierte \u2013 &#8220;Kultur&#8221;. Ausgang Nummer zwei: Einer der S\u00f6hne \u2013 oder eine Gruppe von ihnen \u2013 \u00fcbernimmt die Herrschaft und wird zum neuen Urvater \u2013 beziehungsweise zu den neuen Urv\u00e4tern. Wom\u00f6glich mit noch mehr Macht ausgestattet als der erste.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diesen Ausgang nannten wir: &#8220;R\u00fcckfall ins Ur-Patriarchat&#8221;. Ausgang Nummer drei, der wie Ausgang Nummer zwei von Freud nicht in Erw\u00e4gung gezogen wird \u2013 jedenfalls nicht explizit:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die &#8220;Ur-Revolution&#8221; hatte nicht nur die Beseitigung des Urvaters zum Ziel. Sondern das Brechen jener fixen Verkn\u00fcpfung zwischen Herrschaft und sexuellem Genuss, anders gesagt: Die Abschaffung des Patriarchats. Diesen Ausgang nannten wir &#8220;Befreiung der Liebe&#8221;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Urhorden-Schema Wir hatten dann die Geschichte der Franz\u00f6sischen und der Russischen Revolution mit diesem unserem Urhorden-Schema konfrontiert. Und in weiterer Folge gesehen, wie in der Iranischen Revolution des Jahres 1979 das Moment der &#8220;Befreiung der Liebe&#8221; und jenes des &#8220;R\u00fcckfalls ins Ur-Patriarchat&#8221; aufeinander geprallt waren. Als am 8. M\u00e4rz 1979 zehntausende iranische Frauen gegen die drohende Einf\u00fchrung des Kopftuchzwangs demonstrierten, wurden sie von Anh\u00e4ngern der neuen islamischen Machthaber vor eine klare Alternative gestellt: &#8220;Ya rusari \u2013 Ya tusari&#8221;, zu Deutsch:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8220;Entweder Kopftuch \u2013 Oder Schl\u00e4ge auf den Kopf&#8221;. Sie antworteten: &#8220;Weder Kopftuch \u2013 Noch Schl\u00e4ge \u2013 Es lebe die Freie Liebe&#8221;. \u00a0 Auf die von den Frauen artikulierte Angst vor seiner R\u00fcckkehr hatte die Stimme eben jenes Ur-Patriarchats geantwortet \u2013 um ihre Angst zu best\u00e4tigen: &#8220;Entweder Kopftuch \u2013 Oder Schl\u00e4ge&#8221;. Sollte die Reproduktion des Ur-Patriarchats als Institution irgendwo in der Gegenwart tats\u00e4chlich existieren, ist die Praxis der Zeitehe im heutigen Iran der exemplarische Fall davon.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Zeit- oder Lustehe ist eine im schiitischen Islam erlaubte, rasche und unb\u00fcrokratische Form der Eheschlie\u00dfung \u2013 f\u00fcr die Dauer von einer halben Stunde bis zu 99 Jahren, die vom herrschenden religi\u00f6sen Establishment im Iran mit dem erkl\u00e4rten Ziel, Prostitution und &#8220;westliche Dekadenz&#8221; zu bek\u00e4mpfen, tatkr\u00e4ftig gef\u00f6rdert wird. Der typische Zeit-Ehemann, so Sudabeh Mortezai, Regisseurin von &#8220;Bazar der Geschlechter&#8221;, ein Dokumentarfilm \u00fcber die Zeitehe im Iran, sei \u00e4lter und reich. Die typische Zeit-Ehefrau arm und deutlich j\u00fcnger als dieser.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">H\u00e4ufig handle es sich um M\u00e4dchen, die \u2013 im Rahmen der islamischen Standard-Ehe \u2013 urspr\u00fcnglich sehr jung verheiratet, und bald darauf, noch immer sehr jung, vom oft gewaltt\u00e4tigen Ehemann geschieden werden. Um dann vor dem Nichts zu stehen \u2013 vor dem der neue, reiche Zeit-Ehemann sie dann &#8220;retten&#8221; w\u00fcrde. Zwangsheirat und Kinderehen Was genau hei\u00dft &#8220;sehr jung verheiratet&#8221;?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach offiziellen Beh\u00f6rdenangaben wurden allein im Zeitraum zwischen M\u00e4rz 2010 und M\u00e4rz 2011 (dem Jahr 1389 des iranischen Kalenders) \u00fcber 42.000 M\u00e4dchen zwischen zehn und vierzehn Jahren verheiratet\u00b9. 1974, f\u00fcnf Jahre vor der Islamischen Revolution, war das Heiratsalter f\u00fcr beide Geschlechter, internationalen Standards entsprechend, auf achtzehn Jahren angehoben worden. Wenige Jahre nach der Revolution wurde dann das Heiratsalter f\u00fcr M\u00e4dchen auf neun, das f\u00fcr Jungen auf f\u00fcnfzehn Mondjahre gesenkt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um 2002 auf Initiative von Anh\u00e4ngerinnen des &#8220;reformislamistischen&#8221; Pr\u00e4sidenten Khatami f\u00fcr M\u00e4dchen auf dreizehn Jahren erh\u00f6ht erh\u00f6ht zu werden. Nichtsdestotrotz kann noch heute ein &#8220;kompetenter Richter&#8221; \u2013 das Einverst\u00e4ndnis des Vaters vorausgesetzt \u2013 auch M\u00e4dchen unter dreizehn Jahren die Heiratsf\u00e4higkeit attestieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gelegentlich auch M\u00e4dchen unter neun. &#8220;Vor allem M\u00e4dchen aus armen Familien seien von solchen fr\u00fchen Zwangsverheiratungen bedroht&#8221;, sagt die iranische Rechtsanw\u00e4ltin und Friedensnobelpreistr\u00e4gerin Shirin Ebadi, &#8220;das sei &#8216;eine Art Menschenhandel &#8230; Denn meist werden die jungen M\u00e4dchen mit wohlhabenden M\u00e4nnern verheiratet. Und die Eltern handeln dabei f\u00fcr sich hohe Brautgelder aus&#8217;.&#8221;\u00b2<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Existenz hunderttausender Kinderehen, das aus dem sozialen und dem Altersunterschied resultierende Machtgef\u00e4lle sowie die zumindest gesetzlich vorhandene M\u00f6glichkeit der Polygamie \u2013 all das erscheint uns als Wiederkehr der Institution des Urvaters: Der Verkn\u00fcpfung von Herrschaft und Lust in der Urhorde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Foto: Vahid Salemi\/AP\/dapd Portr\u00e4t einer Hochzeit im Nordosten Irans.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Polygamie und die durch Geldmacht und dem oft extremen Altersunterschied bedingte \u00fcberlegene Machtposition des Ehemannes charakterisieren freilich nicht blo\u00df die Zeitehe, sondern h\u00e4ufig auch die unbefristete islamische Standard-Ehe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch wenn die Polygamie im Iran vorwiegend im Rahmen der Zeitehe, kaum mehr im Rahmen der islamischen Standard-Ehe praktiziert wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Synchrone und serielle Polygamie Es sind offenbar diese &#8220;Urhorden-Ph\u00e4nomene&#8221;, die weite Teile der iranischen Gesellschaft veranlassen, die Institution der Zeitehe \u2013 wie es ein Geistlicher im Film &#8220;Bazar der Geschlechter&#8221; ausdr\u00fcckt \u2013 als &#8220;anst\u00f6\u00dfig&#8221; zu empfinden und abzulehnen. Sodass ein Gro\u00dfteil der jungen, unverheirateten Iranerinnen und Iraner es vorzieht, auf die unb\u00fcrokratische und legale Befriedigung ihrer Lust via Zeitehe zu verzichten. Und ihre Sexualit\u00e4t abseits des religi\u00f6sen Gesetzes zu leben. Im Blogbeitrag &#8220;Teheran hat mehr Sexappeal als Wien&#8221; hatten wir gefragt, warum dem so ist. Warum die Menschen im Iran jenes Maximum an Lust, das ihnen die Zeitehe gestattet, ablehnen. Und um jeden Preis an der Unlust festzuhalten scheinen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oder an weniger Lust. Etwa im Rahmen von nicht-ehelichen Lebensgemeinschaften \u2013 sogenannten &#8220;wei\u00dfen Ehen&#8221; \u2013 deren zunehmende Verbreitung in den offiziellen Medien des Landes regelm\u00e4\u00dfig diskutiert wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8220;Wei\u00dfe Eheleute&#8221; entscheiden sich gegen die in der Zeitehe den M\u00e4nnern gestattete synchrone und M\u00e4nnern und Frauen erlaubte serielle Polygamie. Und nehmen dabei auch noch das Risiko drakonischer Strafen in Kauf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und warum sich \u2013 wie hinzugef\u00fcgt werden muss \u2013 der Kreis der &#8220;Verweigerer&#8221; keineswegs auf den Kreis potentieller Opfer jener typischen Zeitehe-Praxis beschr\u00e4nkt, also auf Frauen. Sondern auch M\u00e4nner umfasst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass uns die Merkmale der typischen Zeitehe-Praxis im Iran \u2013 das soziale und \u00f6konomische Gef\u00e4lle und der extreme Altersunterschied zwischen den Eheleuten, die M\u00f6glichkeit der Polygamie und die Existenz hunderttausender Kinderehen \u2013 an die Verkn\u00fcpfung von Sexualit\u00e4t und Herrschaft in der Urhorde erinnern, d\u00fcrfte uns der Antwort auf diese Fragen ein St\u00fcck n\u00e4her gebracht haben:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Ablehnung der Institution der Zeitehe als &#8220;anst\u00f6\u00dfig&#8221; begegnet jene Angst vor dem R\u00fcckfall ins Ur-Patriarchat, die sich schon w\u00e4hrend der Massenproteste der Frauen am 8. M\u00e4rz 1979 artikuliert hatte. Kurzschluss zwischen Sexualit\u00e4t und Herrschaft Mit den Spekulationen Freuds \u00fcber die Urhorde und den Urvater sind Durchschnittsiraner genauso wenig vertraut wie Durchschnitts\u00f6sterreicher.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man muss allerdings kein Psychoanalytiker sein, um zu erkennen, dass Ph\u00e4nomene wie Kinderehen, das soziale, \u00f6konomische und Bildungsgef\u00e4lle und der gro\u00dfe Altersunterschied zwischen Ehefrauen und Ehem\u00e4nnern den Ehemann in die Position des Vaters dr\u00e4ngen \u2013 und um ausgehend von dieser Erkenntnis solche Ehen als inzestu\u00f6s zu empfinden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um Missverst\u00e4ndnisse zu vermeiden: Inzestu\u00f6s bedeutet &#8220;dem Inzest \u00e4hnlich&#8221; \u2013 nicht &#8220;mit Inzest identisch&#8221;. Tats\u00e4chlich begegne ich in Gespr\u00e4chen mit Iranerinnen und Iranern \u00fcber die Zeitehe genau jenem Inzestekel, mit dem ich auch in meiner Arbeit mit Analysand(inn)en konfrontiert bin, die in einem inzestu\u00f6sen Familienklima aufgewachsen sind. Die Tatsache, dass ein Gro\u00dfteil der iranischen Gesellschaft die Institution der Zeitehe als anst\u00f6\u00dfig empfindet und ablehnt, gr\u00fcndet offenbar in jenem Inzestekel, den der Kurzschluss zwischen Sexualit\u00e4t und Herrschaft in dieser an die Urhorde und an den inzestu\u00f6sen Urvater erinnernde Institution auszul\u00f6sen vermag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch im Westen Bisher ist uns das Motiv der Reproduktion der Urhorde nur in der heutigen Praxis der Zeitehe im Iran begegnet. K\u00f6nnte es aber sein, dass dieses Moment auch in heutigen westlichen Gesellschaften eine Rolle spielt \u2013 wenn auch auf andere, weniger spektakul\u00e4re Weise? Im Blogbeitrag &#8220;Teheran hat mehr Sexappeal als Wien&#8221;\u00a0hatten wir die Sexualmoral weiter Teile der iranischen Gesellschaft und jene in westlichen Gesellschaften als hedonistisch bezeichnet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Behauptung m\u00fcssen wir nun revidieren. Waren bei den Massenprotesten der Frauen 1979 das Moment des &#8220;R\u00fcckfalls ins Ur-Patriarchat&#8221; und jenes der &#8220;Befreiung der Liebe&#8221; aufeinander geprallt, so scheint die heutige sexuelle Moral weiter Teile der iranischen Gesellschaft von asketischen Tendenzen gepr\u00e4gt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tendenzen, in denen sich auch die Ablehnung der als inzestu\u00f6s empfundenen, an die Urhorde erinnernden Praxis der Zeitehe ausdr\u00fcckt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und die etwa in den erw\u00e4hnten &#8220;wei\u00dfen Ehen&#8221; begegnen. Dass sich &#8220;wei\u00dfe Ehepartner&#8221; gegen die in der Zeitehe gestattete Polygamie entscheiden und dabei auch noch das Risiko archaischer Strafen auf sich nehmen, weist sie jedenfalls nicht als Hedonisten aus. Und: Westliche Gesellschaften sind, was das sexuelle Verhalten und Empfinden\u00a0 betrifft \u2013 entgegen einem weit verbreiteten Missverst\u00e4ndnis \u2013 nicht von Materialismus und Hedonismus, sondern von starken asketischen und narzisstischen Tendenzen beherrscht \u2013 siehe unter anderem den Blogbeitrag &#8220;Wie &#8216;sexuelle Autonomie&#8217; die Lust t\u00f6tet&#8221;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der tote und der lebendige Urvater Konfrontieren wir die asketischen Tendenzen unseres heutigen, postsexuellen Zeitalters, das der sexuellen Revolution der 1960er und 1970er folgte, mit unserem Urhorden-Schema, entsprechen diese dem Katzenjammer nach dem Urvatermord und der sexuellen Ur-Revolution in der Urhorde. Diese &#8220;Tyrannei des \u00dcber-Ichs&#8221;, die sexuelle und politische Revolutionen regelm\u00e4\u00dfig zu produzieren scheinen, gr\u00fcndet auf die reuevolle Verinnerlichung des toten Urvaters.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wohingegen die asketischen Tendenzen in der heutigen iranischen Gesellschaft, im Gegenteil, auf die Angst vor der Auferstehung des \u2013 inzestu\u00f6sen \u2013 Urvaters als Lebendigen gr\u00fcnden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn wir aber die Verkn\u00fcpfung von Sexualit\u00e4t und (m\u00e4nnlicher) Herrschaft als inzestu\u00f6s bestimmt haben \u2013 sofern M\u00e4nner durch ihre \u00fcberlegene Macht die Position des (Ur)vaters einnehmen \u2013 dann k\u00f6nnen wir Urhorden-Ph\u00e4nomene auch in westlichen Gesellschaften vermuten. Dann k\u00f6nnte aber auch die Angst vor der R\u00fcckkehr der inzestu\u00f6sen Urhorde und die Abwehr dieser Angst bei der Produktion und Reproduktion jener &#8220;Tyrannei des \u00dcber-Ichs&#8221; eine \u2013 bisher nicht gew\u00fcrdigte \u2013 Rolle spielen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da die Vertiefung dieses Gedankens den Rahmen dieses Blogbeitrags sprengen w\u00fcrde, werde ich mich im folgenden mit einigen Stichworten begn\u00fcgen. Wenn wir annehmen, dass die Angst vor der R\u00fcckkehr des inzestu\u00f6sen Urvaters auch in und nach der sexuellen Revolution der 1960er-Jahre eine Rolle spielte, kommen uns zun\u00e4chst Ph\u00e4nomene wie die Otto-M\u00fchl-Kommune in den Sinn, eine tragisch-l\u00e4cherliche Reinszenierung der Urhorde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oder Josef Fritzl, der mit seiner Tochter, die er 24 Jahre lang im Keller gefangen hielt sieben Kinder zeugte. Oder Berlusconis Ruby-Aff\u00e4re. Uns zu helfen, genie\u00dfen zu lernen Diese und andere Beispiele f\u00fcr die Reproduktion des Ur-Patriarchats in westlichen Gesellschaften m\u00f6gen als extreme Einzelf\u00e4lle erscheinen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vergessen wir aber nicht, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der \u00f6konomische und politische Macht tendenziell verschmelzen (Stichwort: Trump und seine Regierung der Million\u00e4re), in der \u00f6konomische Macht zunehmend privatisiert wird (&#8220;Mehr privat \u2013 weniger Staat&#8221;) und in der\u00a0 immer weniger Menschen \u00fcber immer mehr \u00f6konomische Macht verf\u00fcgen. Alles das ergibt, f\u00fcr sich genommen, keine Urhorde. Eine solche &#8220;immer st\u00e4rkere&#8221; Macht k\u00f6nnte aber\u00a0\u2013 wann immer sie sich mit Sexualit\u00e4t verbindet\u00a0\u2013 Urhorden-Ph\u00e4nomene produzieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Foto: Standard\/Christian M\u00fcller Otto M\u00fchl, Kommunengr\u00fcnder, in der die Urhorde reinszeniert wurde. Andererseits: Die \u2013 unbewusste \u2013 Angst vor der R\u00fcckkehr der inzestu\u00f6sen Urhorde, die asketischen Idealen und jener Tyrannei des \u00dcber-Ichs Vorschub leistet, unterst\u00fctzt eben jene Verh\u00e4ltnisse, die sie bek\u00e4mpfen sollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denn: asketische Ideale auf Seiten der Unterprivilegierten \u2013 wenn diese also die Armut auch noch als Tugend empfinden \u2013 stabilisieren das System und bef\u00f6rdern die Interessen der wenigen Privilegierten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn es stimmt, dass die Angst vor der Wiederkehr der inzestu\u00f6sen Urhorde bei der Produktion jener unser postsexuelles Zeitalter pr\u00e4genden &#8220;Tyrannei des \u00dcber-Ichs&#8221; eine Rolle spielt \u2013 jener Postsexualit\u00e4t, die den sexuellen Revolutionen der 1960er- und 1970er-Jahre folgte \u2013, dann wirft dies auch ein neues Licht auf den Begriff der &#8220;Sublimierung&#8221;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir erinnern uns: Im Blogbeitrag &#8220;Teheran hat mehr Sexappeal als Wien&#8221;\u00a0war die Rede von Robert Pfallers Neuinterpretation dieses Schl\u00fcsselbegriffs der Psychoanalyse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Pfaller fasst Sublimierung nicht als eine Leistung der Individuen auf, die sexuelle Triebenergien f\u00fcr &#8220;h\u00f6here&#8221; kulturelle Ziele nutzbar macht. F\u00fcr ihn ist Sublimierung vielmehr jener Prozess, durch den die Gesellschaft ein bestimmtes Objekt, das uns zun\u00e4chst absto\u00dfend erscheinen mag, in etwas Sublimes und genie\u00dfbares verwandelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die offen gebliebene Frage warum uns bestimmte Objekte absto\u00dfend erscheinen, k\u00f6nnen wir nun zu beantworten versuchen: Es ist die Inzestscheu, die \u2013 mitunter unbegr\u00fcndete \u2013 Angst vor der R\u00fcckkehr der inzestu\u00f6sen Urhorde, die sexuelle Befreiungsversuche regelm\u00e4\u00dfig begleitet und scheitern l\u00e4sst. Und die unsere heutige, von asketischen Idealen und Ekelgef\u00fchlen \u2013 etwa was das Rauchen oder eben auch die Sexualit\u00e4t betrifft \u2013 gepr\u00e4gte Gegenwartskultur mitbestimmt. Die &#8220;Kultur&#8221; h\u00e4tte die Aufgabe, uns von dieser Angst zu befreien. Und uns zu helfen, genie\u00dfen zu lernen. (Sama Maani, 7.7.2017)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #888888;\">07.07.2017 &#8211; Der Standard-<\/span> \u00dcber asketische Ideale und die Angst vor der R\u00fcckkehr des inzestu\u00f6sen Urvaters Ausgehend von Freuds Spekulationen \u00fcber den Ursprung der menschlichen Gesellschaft hatte ich im letzten Blogbeitrag &#8220;Freud und der Sex im schiitischen Islam&#8221; den Zusammenhang zwischen Sexualit\u00e4t und Gesellschaft, zwischen politischen und sexuellen Revolutionen zu analysieren versucht.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[324],"tags":[281,248],"class_list":["post-261","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-frauen-und-kinder","tag-frauen-im-iran","tag-kopftuch"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/iransos.com\/deutsch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/261","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/iransos.com\/deutsch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/iransos.com\/deutsch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/iransos.com\/deutsch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/iransos.com\/deutsch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=261"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/iransos.com\/deutsch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/261\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":794,"href":"https:\/\/iransos.com\/deutsch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/261\/revisions\/794"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/iransos.com\/deutsch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=261"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/iransos.com\/deutsch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=261"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/iransos.com\/deutsch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=261"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}