{"id":291,"date":"2018-02-05T17:32:05","date_gmt":"2018-02-05T16:32:05","guid":{"rendered":"http:\/\/iransos.com\/deutsch\/index.php\/2018\/02\/05\/das-geheime-leben-der-lesben-im-iran\/"},"modified":"2018-02-27T00:22:32","modified_gmt":"2018-02-26T23:22:32","slug":"das-geheime-leben-der-lesben-im-iran","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iransos.com\/deutsch\/?p=291","title":{"rendered":"Das geheime Leben der Lesben im Iran"},"content":{"rendered":"<p class=\"ts-intro\" style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #888888;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium aligncenter\" src=\"http:\/\/iransos.com\/deutsch\/images\/2011\/i\/ir-pube.jpg\" width=\"805\" height=\"317\" \/>05.02.2018-\u00a0DER TAGESSPIEGEL &#8211;\u00a0EVA TEPEST &#8211;\u00a0<\/span>Im Iran steht gleichgeschlechtlicher Sex unter schwerer Strafe. Junge Lesben finden sich dennoch dank des Internets &#8211; und trotz der gro\u00dfen Gefahr, die ihnen droht.<\/p>\n<p class=\"ts-intro\" style=\"text-align: justify;\">Ziemlich genau in der Mitte Teherans, mit seinen mehr als zw\u00f6lf Millionen Einwohnern das kulturelle und politische Zentrum des Irans, liegt das Viertel Karimkhan. Hier hat sich das Caf\u00e9 S\u00e8 in den letzten Jahren zu einem Treffpunkt f\u00fcr Kreative entwickelt. Es gibt einen kleinen Springbrunnen im Garten und Kaffee in allen Variationen. Wenn weiblichen G\u00e4sten das lose getragene Kopftuch vom Hinterkopf rutscht, warten sie, oft f\u00fcnf, manchmal zehn Sekunden, um es zur\u00fcckzulegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more-->An einem der Tische sitzt Pari, die in Wirklichkeit anders hei\u00dft. Sie tr\u00e4gt ihr dunkelgraues Kopftuch eher locker und hinter den Ohren.\u00a0Auch sonst passt sie nicht in das strenge Sittenkonzept des Landes.\u00a0\u201eIch wusste schon als Teenager, dass ich M\u00e4dchen mag\u201c, erz\u00e4hlt die 25-j\u00e4hrige Studentin aus dem Teheraner Vorort Karaj.\u00a0\u201eDas Video zu Rihannas ,Te Amo\u2019 sowie der Kuss von Britney Spears und Madonnas bei den Video Music Awards 2003 haben mich sehr neugierig gemacht.\u00a0Aber ich konnte es nicht artikulieren oder danach handeln.\u201c\u00a0In der Islamischen Republik Iran\u00a0geh\u00f6ren romantische Freundschaften unter M\u00e4dchen in der Teenagerzeit dazu. Pari bekam von ihren Schulfreundinnen viele Liebesbriefe \u2013 heute sind die meisten von ihnen in heterosexuellen Beziehungen. Inzwischen ist es einfacher, sich zu outen und andere\u00a0lesbische Frauen\u00a0zu treffen, erz\u00e4hlt sie: \u201eWir erkennen einander auf Instagram durch Regenbogen und Einh\u00f6rner, verabreden uns auf Partys. Es f\u00fchlt sich gut an, zu wissen, dass es andere Menschen wie dich selbst gibt.\u201c<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Vorsichtige Nutzung sozialer Medien<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie und ihre Freundinnen bewegen sich vorsichtig auf Sozialen Medien. Dazu geh\u00f6rt, nur private Profile zu benutzen und sich genau zu \u00fcberlegen, wen sie hinzuf\u00fcgen. Fest steht: Instagram und der Messengerdienst Telegram haben die Sichtbarkeit und Vernetzung junger Lesben erh\u00f6ht, zumindest in der Metropole Teheran, erkl\u00e4rt Pari. Dabei verweisen Codes\u00a0queerer\u00a0Frauen wie kurze Haare, Piercings, weite Klamotten nicht unbedingt auf sexuelle Vorlieben. H\u00e4ufig sind sie ein geschlechterpolitisches Statement: Ein Tomboy zu sein ist im Iran eine politische Haltung. Denn das iranische Regime basiert auf einer Geschlechterordnung, in der Frauen ebenso wie M\u00e4nnern ein bestimmter Platz in Staat, \u00d6ffentlichkeit und Familie zugewiesen wird. Einer patriarchalen Ordnung, nach der offene Homosexualit\u00e4t ebenso verfolgt wird wie politischer Feminismus. \u201eEs gibt keine Organisation von Lesben im Iran \u2013 das w\u00e4re lebensgef\u00e4hrlich\u201c, sagt Pari.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Homosexualit\u00e4t ist im Iran illegal, alle Akte \u2013 von leidenschaftlichem K\u00fcssen bis zu penetrativem Sex \u2013 werden mit K\u00f6rperstrafen geahndet. Nach Artikel238 des iranischen Strafrechts ist die vorgesehene Strafe f\u00fcr mosaheqeh, das Aneinanderreiben von weiblichen Genitalien, 100 Peitschenhiebe. Homosexualit\u00e4t gef\u00e4hrdet nach Ansicht des Regimes die \u00f6ffentliche Ordnung, weshalb es Schwulen und Lesben ihre Identit\u00e4t abspricht. So erkl\u00e4rte im Jahr 2007 der damalige Pr\u00e4sident Mahmud Ahmadinedschad vor Studierenden der Columbia University in New York: \u201eEs gibt keine Homosexuellen im Iran.\u201c<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Die Koransuren zum Thema sind uneindeutig<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gleichgeschlechtliches Begehren wird als Krankheit eingestuft, den Kranken wird zu einer Operation geraten.\u00a0Homosexuelle seien im falschen K\u00f6rper geboren.\u00a0Vollziehen sie die zur H\u00e4lfte staatlich bezahlten OP\u2019s, ist ihr Begehren rechtm\u00e4\u00dfig und gottgef\u00e4llig gegengeschlechtlich. Anderen werden Psychopharmaka verschrieben, um ihre angebliche Krankheit zu heilen. Auch der vorherrschenden islamischen Rechtsauslegung zufolge werden homosexuelle Praktiken verurteilt. Dabei sind die zugrundeliegenden Koransuren uneindeutig: Wie in der Bibel beziehen sie sich auf das Volk Lot, zu dessen S\u00fcnden auch sexuelle Akte zwischen M\u00e4nnern gez\u00e4hlt werden. Allgemeine Regelungen gibt es ebenso wenig wie konkrete Sanktionen, Lesben werden nicht erw\u00e4hnt. Auch vor der Revolution 1979 war Homosexualit\u00e4t im Iran illegal, die Strafen jedoch weniger drakonisch.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Auch die gebildete Mittelschicht lehnt gleichgeschlechtliche Liebe ab<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">So bleibt f\u00fcr Homosexuelle als einzige Option die Unsichtbarkeit. \u201eZwei M\u00e4dchen, die zusammen unterwegs sind, werden als Schwestern oder beste Freundinnen gelesen. Und wenn es romantisch wird, denken die Leute, dass das nur eine Phase ist\u201c, erkl\u00e4rt Pari. Die gesellschaftliche Akzeptanz h\u00f6re dann auf, wenn Frauen sich dem heterosexuellen Familienmodell und ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter verweigerten. Nicht nur das Regime, sondern eine Mehrheit der iranischen Gesellschaft lehne Homosexualit\u00e4t ab, selbst in der gebildeten Mittelschicht. \u201eMeine Mutter ist \u00c4rztin. Sie betrachtet Lesben als Kranke, als schmutzig, als therapiebed\u00fcrftig\u201c, berichtet Pari.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor ihrer Familie kann sie sich nicht outen. Die Lage von Lesben wird durch die Entrechtung von Frauen im Iran weiter versch\u00e4rft. M\u00e4dchen k\u00f6nnen regul\u00e4r mit 13, mit Sondergenehmigung auch schon mit acht Jahren verheiratet werden \u2013 vor der Pubert\u00e4t und bevor sie ihr Begehren entdecken k\u00f6nnen. H\u00e4usliche Gewalt und Vergewaltigung in der Ehe sind nach iranischem Recht kein Tatbestand. Frauen sind oft finanziell abh\u00e4ngig von ihren Ehem\u00e4nnern, die zudem als ihr gesetzlicher Vormund agieren.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Pari will das Land verlassen &#8211; wie alle ihre Freundinnen<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Pari hat die Hoffnung auf eine politische Umw\u00e4lzung im Iran und eine Verbesserung von Frauen- und LGBT-Rechten aufgegeben, besonders nach der Niederschlagung der \u201eGr\u00fcnen Bewegung\u201c 2009. Frauen wie sie \u2013 gebildet, jung, feministisch \u2013 hatten die Protestbewegung mitgetragen, bei den j\u00fcngsten Demonstrationen blieben sie der Stra\u00dfe fern. Sie will, wie alle ihre Freundinnen, das Land verlassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nazila Karimy unterst\u00fctzt bei der Lesbenberatungsstelle LesMigras in Berlin\u00a0queere Gefl\u00fcchtete\u00a0aus dem Iran. \u201eBeim Bundesamt f\u00fcr Migration und Fl\u00fcchtlinge wird lesbischen Frauen oft nicht geglaubt, dass sie homosexuell sind\u201c, erkl\u00e4rt sie. Oft m\u00fcssten Asylsuchende intime Details zu ihren sexuellen Erfahrungen preisgeben. Andere Antr\u00e4ge w\u00fcrden mit der Begr\u00fcndung abgelehnt, dass LGBT-Personen sich mit ihrem Leben im Iran h\u00e4tten arrangieren m\u00fcssen. \u201eDie Beh\u00f6rden haben keine Vorstellung von der Situation im Iran und davon, dass das offene Ausleben der sexuellen Identit\u00e4t wesentlich f\u00fcr ein gl\u00fcckliches und selbstbestimmtes Leben ist\u201c, sagt Karimy.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Auch in Deutschland h\u00f6ren die Probleme nicht auf<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch wenn dem Asylantrag stattgegeben werde, h\u00f6rten die Probleme nicht auf. Denn LGBT-Personen aus dem Iran litten in Deutschland unter der Mehrfachdiskriminierung von Homofeindlichkeit und Rassismus. \u201eDa gibt es leider auch ein gro\u00dfes Problem in der LGBT-Community selbst\u201c, erkl\u00e4rt Karimy. Diese m\u00fcsse sich in Solidarit\u00e4t \u00fcben. Darauf hofft auch Pari: \u201eDie internationale LGBT- und feministische Community kann dabei helfen, uns sichtbar zu machen. Alle m\u00fcssen wissen, dass es uns gibt.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p class=\"ts-intro\" style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #888888;\">05.02.2018-\u00a0DER TAGESSPIEGEL &#8211;\u00a0EVA TEPEST &#8211;\u00a0<\/span>Im Iran steht gleichgeschlechtlicher Sex unter schwerer Strafe. 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