{"id":509,"date":"2018-03-05T16:09:48","date_gmt":"2018-03-05T15:09:48","guid":{"rendered":"http:\/\/iransos.com\/deutsch\/?p=509"},"modified":"2018-03-05T16:09:48","modified_gmt":"2018-03-05T15:09:48","slug":"festgenommene-fans-im-iran-ich-bin-wuetend-auf-die-fifa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iransos.com\/deutsch\/?p=509","title":{"rendered":"Festgenommene Fans im Iran \u00bbIch bin w\u00fctend auf die FIFA\u00ab"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\n<div style=\"width: 610px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium\" src=\"http:\/\/www.iransos.com\/deutsch\/images\/2011\/f\/frauen-fussbal.png\" width=\"600\" height=\"337\" \/><p class=\"wp-caption-text\">Bild: Human Rights Watch<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">04.03.2018- 11 FREUNDE &#8211; Im Iran ist es Frauen verboten, ein Fu\u00dfballstadion zu besuchen. Weil sie dagegen demonstrierten, wurden 35 Frauen festgenommen. Vor den Augen von Gianni Infantino und Winnie Sch\u00e4fer. Interview mit einer Zeugin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more--><strong>Sara, Sie m\u00f6chten anonym bleiben. Wieso?<br \/>\n<\/strong>Ich wei\u00df nie, ab wann die Beh\u00f6rden reagieren. Deshalb bin ich vorsichtig, nenne nie meinen echten Namen und achte auf meine Wortwahl.<\/p>\n<p><strong>Sie sind Gr\u00fcndungsmitglied von \u00bbOpen Stadiums\u00ab. Die Kampgane k\u00e4mpft daf\u00fcr, dass Frauen im Iran ins Stadion gehen d\u00fcrfen.<br \/>\n<\/strong>Wir haben \u00bbOpen Stadiums\u00ab vor zw\u00f6lf Jahren ins Leben gerufen. Frauen d\u00fcrfen im Iran keine Fu\u00dfballspiele besuchen. Es hei\u00dft, die Atmosph\u00e4re w\u00e4re f\u00fcr Frauen unpassend. Die Regierung sagt, es widerspreche islamischem Recht, dass Frauen halbnackten M\u00e4nnern beim Sport zusehen. So hat die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung keine Chance live dabei zu sein und Siege zu feiern. Wir k\u00e4mpfen, daf\u00fcr dass sich das \u00e4ndert.<\/p>\n<p><strong>Wie am Donnerstag. Dabei wurden einige von Ihnen verhaftet. Was ist passiert?<br \/>\n<\/strong>In Teheran war Derby: Esteghlal gegen Persepolis. Die Blauen gegen die Roten. Die perfekte Gelegenheit, unser Anliegen aufzubringen, vor allem weil FIFA-Pr\u00e4sident Gianni Infantino vor Ort war. Er besuchte ein rein m\u00e4nnliches Stadion. Das widerspricht v\u00f6llig der Menschenrechts-Agenda, die er als FIFA-Pr\u00e4sident selbst verabschiedet hat.<\/p>\n<p><strong>Wie sah Ihr Protest aus?<br \/>\n<\/strong>Wir standen wie immer vorm Stadion. Um doch irgendwie hinein zu kommen, hatten sich einige Frauen als M\u00e4nner verkleidet, mit falschen B\u00e4rten und allem was dazu geh\u00f6rt. Sie sahen sehr witzig aus. Dabei ist es eine Schande, dass wir im Iran nicht wir selbst sein d\u00fcrfen, sobald wir ein Fu\u00dfballspiel besuchen m\u00f6chten.<\/p>\n<p><strong>Haben die verkleideten Frauen es geschafft hineinzukommen?<br \/>\n<\/strong>Einige schafften es durch die erste und zweite Kontrolle, dann wurden sie entdeckt.<\/p>\n<p><strong>Wie ging es weiter?<br \/>\n<\/strong>Wir wurden von Sicherheitsleuten weggeschickt. Als meine Freundinnen in das Taxi nach Hause steigen wollten wurden sie verhaftet. Insgesamt wurden an dem Abend 35 Frauen festgenommen, darunter eine 13-J\u00e4hrige. Einige waren einfach in den Stra\u00dfen um das Stadion unterwegs, sie h\u00e4tten auch zuf\u00e4llig dort sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Wird die Verhaftung f\u00fcr die Frauen Konsequenzen haben?<br \/>\n<\/strong>Die Polizei hat ihre Personalien aufgenommen. Wenn noch einmal etwas passiert, drohen ihnen wahrscheinlich Konsequenzen.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">\u00bbHat die FIFA ihre eigenen Statuten gelesen?\u00ab<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>FIFA-Chef Gianni Infantino hat gesagt, er wolle versuchen, den iranischen Pr\u00e4sidenten Rohani zu \u00fcberzeugen, das Verbot aufzuheben.<\/strong><strong><br \/>\n<\/strong>Vor genau vier Jahren hat Infantinos Vorg\u00e4nger Sepp Blatter \u00f6ffentlich genau dasselbe erkl\u00e4rt. Die Regierung sagte damals, sie wolle die Stadien auf den weiblichen Besuch vorbereiten. Infantino h\u00e4tte bei seinem Besuch fragen m\u00fcssen, was seither geschehen ist: Nichts!<\/p>\n<p><strong>Mittlerweile hat der FIFA-Boss in einem offenen Brief seine Unterst\u00fctzung f\u00fcr \u00bbOpen Stadiums\u00ab ausgedr\u00fcckt.\u00a0<\/strong><strong><br \/>\n<\/strong>Ich hoffe, der Druck zeigt Wirkung. Unsere Zeit ist gekommen!<\/p>\n<p><strong>Am Freitag fand die FIFA-Konferenz zu Gleichheit und Inklusion statt.\u00a0<\/strong><strong><br \/>\n<\/strong>Das macht mich w\u00fctend. Die FIFA wirbt mit etwas, was sie nicht einh\u00e4lt. Haben sie \u00fcberhaupt ihre eigenen Statuten gelesen? Sie sprechen von Diversity und Gleichberechtigung, aber wenn es an der Zeit ist, das umzusetzen, vergessen sie es! Wenn wir uns \u00fcber unseren iranischen Fu\u00dfballverband beschweren wollen, m\u00fcssen wir uns an die FIFA wenden. Aber wenn nicht einmal die FIFA ihre eigenen Regeln einh\u00e4lt, bei wem sollen wir uns dann beschweren?<\/p>\n<p><strong>Das letzte Derby zwische Esteghlal und Persepolis, das Frauen live miterleben durften fand 1981 statt.\u00a0<\/strong><strong><br \/>\n<\/strong>Bevor ich \u00fcberhaupt geboren wurde.<\/p>\n<p><strong>Waren Sie \u00fcberhaupt schon einmal im Stadion?<\/strong><strong><br \/>\n<\/strong>Wenn es im Iran internationale Spiel gibt, d\u00fcrfen die Frauen des gegnerischen Teams ins Stadion. Sie d\u00fcrfen \u2013 wir nicht! Bei einem Spiel gegen S\u00fcdkorea versuchten wir vor der s\u00fcdkoreanischen Botschaft weibliche Fans auf diese Ungerechtigkeit aufmerksam zu machen. Da sagten die iranischen Betreuer pl\u00f6tzlich, sie k\u00f6nnten versuchen, uns zusammen mit den Koreanerinnen ins Stadion zu schmuggeln. Und wir sind tats\u00e4chlich reingekommen. Ich war bis dahin noch nie in einem Stadion gewesen. Ein einzigartiger, unglaublicher Moment. Einfach gro\u00dfartig!<\/p>\n<p><strong>Womit wird das Verbot begr\u00fcndet?<\/strong><strong><br \/>\n<\/strong>Zu dieser Zeit sagte man, es versto\u00dfe gegen islamische Gesetze als Frau ein Stadion zu besuchen, weil man Teile nackter M\u00e4nnerk\u00f6rper sehen k\u00f6nnte. Das ist so dumm. Nachdem ich im Stadion war, wurde mir klar, dass man da gar nichts erkennen kann: Es ist viel zu weit weg! Das ist l\u00e4cherlich!\u00a0<em>(lacht)<\/em><\/p>\n<p><strong>Was l\u00f6st der Stadionbesuch bei Ihnen aus?<\/strong><strong><br \/>\n<\/strong>Die Atmosph\u00e4re: Ich bin gl\u00fccklich. F\u00fcr iranische Frauen gibt es nicht viele Orte, an denen wir unsere Energie rauslassen und einfach Spa\u00df haben k\u00f6nnen. Das Stadion bietet f\u00fcr uns eine seltene Chance.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">\u00bbWir dachten, Winnie Sch\u00e4fer kann nichts\u00ab<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Haben Sie noch andere Fu\u00dfballspiele gesehen?<\/strong><strong><br \/>\n<\/strong>Im Juni 2005 ist etwas Besonderes passiert: Vor dem letzten Qualifikationsspiel f\u00fcr die WM in Deutschland hatten Feministen, Aktivisten und Fu\u00dfballfans f\u00fcr das Recht der Frauen demonstriert, das Spiel Iran gegen Bahrain zu sehen. Wir standen vor den Toren des Azadi-Stadions in Teheran als sie 30 Minuten nach Anpfiff begannen, Frauen hereinzulassen.<\/p>\n<p><strong>Damals ist auch ihre Kampagne entstanden.<\/strong><br \/>\nGenau, ich war noch sehr jung, eher Fu\u00dfballfan als Frauenrechts-Aktivistin, aber wir haben uns zusammengefunden und \u00bbOpen Stadiums\u00ab gegr\u00fcndet. Frauen und Fu\u00dfball war damals ein Tabu. Wenn wir mit Feministinnen sprachen, fragten sie uns: Haben wir nicht gr\u00f6\u00dfere Probleme? Es hat sieben Jahre gedauert bis die Leute verstanden, dass es unser Recht ist, jeden \u00f6ffentlichen Platz zu betreten, auch ein Fu\u00dfballstadion.<\/p>\n<p><strong>Bekommen Sie Unterst\u00fctzung von andern Fans?\u00a0<\/strong><strong><br \/>\n<\/strong>Viele m\u00e4nnliche Fans im Iran sind unserer Meinung. Eine Fangruppe hat vor dem Derby geschrieben, dass es gar kein gutes Spiel werden kann, wenn die eine H\u00e4lfte Irans nicht zusehen darf.<\/p>\n<p><strong>Was macht \u00bbOpen Stadiums\u00ab, wenn sie nicht vor den Stadien stehen?<\/strong><strong><br \/>\n<\/strong>Unsere Gruppe wird im Kern von f\u00fcnf Frauen organsiert. Der Protest vor den Stadien ist das Wenigste was wir tun k\u00f6nnen, denn wir laufen immer Gefahr festgenommen zu werden. Wir verfassen Statements, schreiben Briefe an Verantwortliche und sind auf Social-Media aktiv: Wir wollen Aufmerksamkeit. Und es funktioniert: Das Problem ist zur gesellschaftlichen Debatte geworden.<\/p>\n<p><strong>Haben Sie Hoffnung, dass sich in Zukunft etwas \u00e4ndert?\u00a0<\/strong><strong><br \/>\n<\/strong>Ich kann es mir nicht vorstellen, aber die Hoffnung verliere ich nicht: In den sozialen Medien sind sich alle einig, dass Frauen ins Stadion geh\u00f6ren. Das ist doch ein gro\u00dfartiger Erfolg. Aber die FIFA muss aktiv werden!<\/p>\n<p><strong>Sie haben gesagt, als Sie \u00bbOpen Stadiums\u00ab gegr\u00fcndet haben, waren Sie eher Fu\u00dfballfan als Aktivistin. Ist es heute andersherum?<\/strong><strong><br \/>\n<\/strong>Seit zw\u00f6lf Jahren k\u00e4mpfe ich, deshalb bin ich Aktivistin, aber den Fu\u00dfball und den Sport trage ich im Herzen.<\/p>\n<p><strong>Ihr Lieblingsverein&#8230;<\/strong><strong><br \/>\n<\/strong>sind die Blauen: Esteghlal. Wir haben das Derby gewonnen!<\/p>\n<p><strong>Das freut Sie sicher.<\/strong><strong><br \/>\n<\/strong>Nein, weil ich an meine festgenommenen Freundinnen denken musste. Auch sie sind gro\u00dfe Fans und konnten das Derby nicht sehen.<\/p>\n<p><strong>Ihr Team wird von einem Deutschen trainiert: Winnie Sch\u00e4fer.<\/strong><strong><br \/>\n<\/strong><em>(lacht, reckt den Daumen nach oben)<\/em>\u00a0Als er zu uns kam dachten wir: \u00bbOh nein! Der ist viel zu alt und kann nichts.\u00ab Aber er hat einen super Job gemacht. Wir standen in der Tabelle sehr schlecht da, mittlerweile sind wir Dritter. Und wir haben gegen die Roten gewonnen, deshalb bin ich sehr gl\u00fccklich mit ihm.<\/p>\n<p><em>\u00bb<a href=\"https:\/\/twitter.com\/openStadiums\">Open Stadiums<\/a>\u00ab ist auf Twitter\u00a0<\/em><br \/>\n<em>Human Rights Watch unterst\u00fctzt die Frauen mit der Kampagne \u00bb<a href=\"https:\/\/www.hrw.org\/Watch4Women\">Watch4Women<\/a>\u00ab<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>04.03.2018- 11 FREUNDE &#8211; Im Iran ist es Frauen verboten, ein Fu\u00dfballstadion zu besuchen. Weil sie dagegen demonstrierten, wurden 35 Frauen festgenommen. 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