{"id":585,"date":"2018-09-12T17:22:01","date_gmt":"2018-09-12T15:22:01","guid":{"rendered":"http:\/\/iransos.com\/deutsch\/?p=585"},"modified":"2018-09-13T17:43:42","modified_gmt":"2018-09-13T15:43:42","slug":"massenhinrichtungen-im-iran-vor-30-jahren-ein-dunkles-kapitel-der-iranischen-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iransos.com\/deutsch\/?p=585","title":{"rendered":"Massenhinrichtungen im Iran vor 30 Jahren &#8211; Ein dunkles Kapitel der iranischen Geschichte"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #808080;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium\" src=\"http:\/\/iransos.com\/deutsch\/images\/2011\/k\/khomeini.jpg\" width=\"600\" height=\"338\" \/>11.09.2018- qantara-\u00a0\u00a0<\/span><span style=\"color: #000000; font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\">Im Sommer 1988 erlie\u00df Ayatollah Ruhollah Khomeini ein Dekret, mit dem Tausende politische H\u00e4ftlinge zum Tode verurteilt wurden. Monireh Baradaran war in dieser Zeit als linke Aktivistin im Gef\u00e4ngnis und erlebte, wie ihre Zellengenossinnen zur Hinrichtung abgeholt wurden. Mit ihr sprach Farhad Payar.<!--more--><em>Warum hat das Regime die Massenhinrichtungen im Sommer 1988 durchgef\u00fchrt \u2013 warum nicht fr\u00fcher oder sp\u00e4ter?<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000; font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"><strong>Monireh Baradaran:<\/strong>\u00a0Die sogenannten S\u00e4uberungen in den iranischen Gef\u00e4ngnissen im Sommer 1988 waren Teil einer Strategie, die die Islamisten zur Verfestigung eines islamischen Systems schon seit 1979, direkt nach der Revolution, angewendet hatten, n\u00e4mlich die Beseitigung aller Andersdenkenden und Oppositionellen. Es ging darum, keine Gegenstimmen von Linken, Volksmudschaheddin oder parteipolitisch neutralen Intellektuellen in der Gesellschaft zuzulassen. Sie alle wurden entweder hingerichtet, verhaftet oder ins Exil getrieben. Diese Praxis h\u00e4lt in ver\u00e4nderter Form bis heute an.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000; font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"><em>Glauben Sie, dass das eine spontane Aktion seitens des Regimes war, oder war dies von langer Hand geplant?<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000; font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"><strong>Baradaran:<\/strong>\u00a0Das Regime hatte diese Massenhinrichtungen bereits l\u00e4nger geplant. Wochen vorher wurden viele Gefangene voneinander getrennt, manche wurden in andere Gef\u00e4ngnisse verlegt. Man hatte den Eindruck, dass etwas Besonderes, etwas Furchtbares bevorsteht. Es war kurz vor Ende des achtj\u00e4hrigen Krieges gegen den Irak. In dieser Zeit griffen die Mudschaheddin mit Unterst\u00fctzung der irakischen Armee vom Irak aus den Iran an, in der Hoffnung, das Regime zu st\u00fcrzen. Ihr Angriff wurde innerhalb von drei Tagen zur\u00fcckgeschlagen. Im Gegenzug richtete das Regime verst\u00e4rkt Gefangene hin, die den Volksmudschaheddin angeh\u00f6rten. Die Massenhinrichtungen waren auch eine Abrechnung mit den Linken.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000; font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"><em>Wie versuchte man das Vorgehen zu legitimieren?<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000; font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"><strong>Baradaran:<\/strong>\u00a0Durch ein Dekret von Ayatollah Khomeini.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000; font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"><em>Ist bekannt, wie viele Inhaftierte damals hingerichtet wurden?<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000; font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"><strong>Baradaran:<\/strong>\u00a0Mehr als 3.800 F\u00e4lle wurden bisher dokumentiert. Etwa 90 Prozent der Opfer geh\u00f6rten den Mudschaheddin an. Die Familien der Hingerichteten haben die Leichen ihrer Angeh\u00f6rigen nie zu sehen bekommen.<\/span><\/p>\n<div style=\"width: 610px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/iransos.com\/deutsch\/images\/2011\/m\/monireh-baradaran.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"338\" \/><p class=\"wp-caption-text\"><span style=\"color: #808080;\">Die Frauenrechtlerin und Aktivistin Monireh Baradaran lebt seit 1991 in Deutschland. Ihre Gef\u00e4ngnismemoiren hat Baradaran der \u00d6ffentlichkeit zug\u00e4nglich gemacht. Das Buch mit dem Titel &#8220;Erwachen aus dem Alptraum&#8221; wurde in mehrere Sprachen, auch ins Deutsche, \u00fcbersetzt.<\/span><\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000; font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"><em>Wurde bei Frauen und M\u00e4nnern \u00e4hnlich vorgegangen?<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000; font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"><strong>Baradaran:<\/strong>\u00a0Bei den linken Frauen wurde das religi\u00f6se Gebot &#8220;Ertedad&#8221; (Apostasie) angewandt. Nach diesem Gebot muss man Frauen, die vom Glauben abfallen, so lange inhaftieren, bis sie Reue zeigen oder sterben. Bei vielen linken Frauen wurde angeordnet, dass sie t\u00e4glich zu den Gebetszeiten 25 Peitschenhieben bekommen. Das Auspeitschen dauerte so lange wie das Gebet. \u00a0Die Frauen der Mudschaheddin wurden hingerichtet, obwohl sie gl\u00e4ubige Musliminnen waren. In dem Trakt, in dem ich einsa\u00df, gab es insgesamt 44 Mudschahed-Frauen, die alle hingerichtet wurden. Es gab in Teheran ein dreik\u00f6pfiges Team, die sogenannte &#8220;Todeskommission&#8221;. Die Mudschaheddin fragten sie: &#8220;Wie stehst Du zur Islamischen Republik? Wie stehst Du zu Deiner Organisation?&#8221; Wenn die Gefangene dann sagte: &#8220;Ich bin ein Mudschahed&#8221;, reichte das v\u00f6llig aus, um hingerichtet zu werden.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000; font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"><em>Und wie verfuhr man mit den Aktivistinnen der politischen Linken?<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000; font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"><strong>Baradaran:\u00a0<\/strong>Den Vertreterinnen der Linken stellte man die Frage: &#8220;Bist Du eine gl\u00e4ubige Muslimin?&#8221;. Wenn diese Frage verneint wurde, bedeutete das Hinrichtung. Wenn jemand sagte, &#8220;Ich bin in einer islamischen Familie geboren&#8221;, wurden weitere Fragen gestellt, etwa: &#8220;Betest Du?&#8221; Und je nach Vorstellung dieser Richter wurden die Gefangenen dann entweder hingerichtet oder nicht.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000; font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"><em>Das hei\u00dft, man konnte dem Tod entgehen, indem man log?<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000; font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"><strong>Baradaran:<\/strong>\u00a0Ja. Doch die meisten Gefangenen hatten keine Ahnung, wozu diese Verh\u00f6re letztlich genau dienten. Manche dachten, es ginge lediglich darum, innerhalb des Gef\u00e4ngnisses bestimmte Gruppierungen voneinander zu trennen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000; font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"><em>Warum hat das Regime die Massenhinrichtungen irgendwann beendet und nicht alle linken Gefangenen und Mudschaheddin beseitigt?<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000; font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"><strong>Baradaran:<\/strong>\u00a0Daf\u00fcr gibt es keine plausiblen Gr\u00fcnde. Aber ich gehe davon aus, dass das Regime davon \u00fcberzeugt war, genug Schrecken verbreitet und seine politischen Gegner mit den Massenhinrichtungen zum Schweigen gebracht zu haben. Sie wollten das Grauen nicht in die L\u00e4nge ziehen, um eventuellen Protesten der Familien und Menschenrechtler vorzubeugen.<\/span><\/p>\n<div style=\"width: 610px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/iransos.com\/deutsch\/images\/2011\/k\/khavaran.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"338\" \/><p class=\"wp-caption-text\"><span style=\"color: #808080;\">Friedhof Khavaran &#8211; Massengrab der Opposition: Auf den ersten Blick Brachland, verbirgt Khavaran die Massengr\u00e4ber der hingerichteten Dissidentinnen und Dissidenten. Ein Ort mit Symbolcharakter f\u00fcr die systematische Eliminierung von Teilen der iranischen Opposition in den 1980er Jahren.<\/span><\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000; font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"><em>Glauben Sie nicht, dass kritische Stimmen innerhalb des Systems ein Grund f\u00fcr die Beendigung der Massenhinrichtungen gewesen sein k\u00f6nnten?<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000; font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"><strong>Baradaran:<\/strong>\u00a0Ayatollah Montazeri, der designierte Nachfolger von Revolutionsf\u00fchrer Khomeini, der sp\u00e4ter in Ungnade fiel und unter Hausarrest gestellt wurde, hat dagegen protestiert. Vor nicht allzu langer Zeit wurde\u00a0<a style=\"color: #000000;\" href=\"http:\/\/iranjournal.org\/politik\/iran-hinrichtungen-montazeri\">eine Tonaufnahme ver\u00f6ffentlicht<\/a>, in der er mit den Richtern spricht, die die Gefangenen im Sommer 1988 zum Tode verurteilt hatten. Auf diesen Aufnahmen \u00e4u\u00dfert er sich emp\u00f6rt \u00fcber die Geschehnisse. Doch die Richter sprechen so unbek\u00fcmmert \u00fcber ihre Urteile, als ginge es hier nicht um die T\u00f6tung von Menschen, sondern um rein gesch\u00e4ftliche Angelegenheiten.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000; font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"><em>Wusste eigentlich au\u00dfer den Verantwortlichen niemand von diesen geheimen Hinrichtungen?<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000; font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"><strong>Baradaran:<\/strong>\u00a0Doch, es gab vereinzelt Informationen dar\u00fcber. Die Familien wussten, dass das Besuchsverbot kein gutes Zeichen sein konnte, dass etwas Ungew\u00f6hnliches im Gange war. So kam es, dass sie sich immer wieder vor den Gef\u00e4ngnissen versammelten und nach Erkl\u00e4rungen fragten. \u00dcber die Vorkommnisse informierten sie auch das Ausland, so bekamen schlie\u00dflich auch Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International davon Wind. Im Iran selbst hatten manche Freitagsprediger wie Rafsandschani oder Mousavi Ardebili Andeutungen gemacht, was Schreckliches vermuten lie\u00df. Doch \u00fcber das wirkliche Ausma\u00df der Hinrichtungen wusste niemand Bescheid.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000; font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"><em>Wurden Sie auch verh\u00f6rt?<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000; font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"><strong>Baradaran:<\/strong>\u00a0Nein.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000; font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"><em>Welche Ihrer Mitgefangenen wurden hingerichtet?<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000; font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"><strong>Baradaran:<\/strong>\u00a0Das waren politische Gefangenen, die mehrheitlich seit 1981 inhaftiert und schon l\u00e4ngst verurteilt worden waren. Viele von ihnen hatten ihre Haftstrafen abgesessen und h\u00e4tten eigentlich freigelassen werden m\u00fcssen. Das waren zumeist Menschen, die ihren politischen Weltanschauungen immer noch treu geblieben waren.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000; font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"><em>Wann und wie haben Sie von den Hinrichtungen zum ersten Mal erfahren?<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000; font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"><strong>Baradaran:<\/strong>\u00a0Am Anfang des zweiten Sommermonats wurden zum ersten Mal drei Anh\u00e4ngerinnen der Mudschaheddin aus unserem Trakt geholt. Wir hatten alle wochenlang keine Besuchserlaubnis erhalten, was uns beunruhigte. Die Mudschahed-Frauen kamen nicht mehr zur\u00fcck, und ich hatte ein wirklich beklemmendes Gef\u00fchl, denn es war klar, dass sie nicht entlassen worden waren. Doch was mit ihnen geschehen ist, wusste niemand. Erst als wir wieder Besuch bekamen, erfuhren wir von den Hinrichtungen und dem ganzen Ausma\u00df.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000; font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"><em>In den vergangenen Jahrzehnten wurde viel f\u00fcr die Aufkl\u00e4rung der Geschehnisse in jenem Sommer getan. Was haben die Nachforschungen ergeben?<\/em><\/span><\/p>\n<div style=\"width: 610px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/iransos.com\/deutsch\/images\/2011\/m\/montezeri.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"338\" \/><p class=\"wp-caption-text\"><span style=\"color: #808080;\">Kurz vor Khomeinis Tod hatte Gro\u00dfayatollah Ali Hussein Montazeri es gewagt, die Massenexekutionen des Jahres 1988, bei denen bis zu 4.000 politische H\u00e4ftlinge hingerichtet worden sein sollen, zu kritisieren. Auf der Aufnahme vom 15. August 1988 ist zu h\u00f6ren, wie Montazeri bei einem Treffen mit Vertretern der Justiz und des Informationsministeriums \u2013 darunter der heutige iranische Justizminister Mostafa Pourmohammadi \u2013 die Anwesenden f\u00fcr die Massenexekutionen des Jahres 1988 verantwortlich macht: &#8220;Ihr seid f\u00fcr das gr\u00f6\u00dfte Verbrechen der Islamischen Republik Iran verantwortlich und werdet als B\u00f6sewichter in die Geschichte eingehen&#8221;, so der Gro\u00dfayatollah w\u00f6rtlich. <\/span><\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000; font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"><strong>Baradaran:<\/strong>\u00a0In dieser Hinsicht verdanken wir viel den sogenannten\u00a0<a style=\"color: #000000;\" href=\"http:\/\/iranjournal.org\/politik\/spaete\">&#8220;M\u00fcttern von Khavaran&#8221;<\/a>\u00a0(den M\u00fcttern der politischen Gefangenen, die bei den Massenhinrichtungen get\u00f6tet wurden). Sie haben im Laufe der Jahre durch ihre Versammlungen auf dem Friedhof Khavaran (wo viele der Hingerichteten in Massengr\u00e4bern liegen), vor der Justizbeh\u00f6rde in Teheran und durch offene Briefe an die Verantwortlichen auf die Massenhinrichtungen hingewiesen und ihre Stimme sogar ins Ausland getragen. Nach und nach schlossen sich auch andere Frauen an. Sie wollten und wollen immer noch wissen, warum ihre Kinder, Ehem\u00e4nner oder Geschwister hingerichtet worden sind und wo sie begraben wurden. Offene Fragen, auf die bisher niemand eingegangen ist.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000; font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\">Im Ausland wurden dann verschiedene Aktivit\u00e4ten gestartet. Unter anderem hat die\u00a0<em>Borumand-Stiftung\u00a0<\/em>den britischen Richter Geoffrey Robertson mit Recherchen und der Erstellung eines juristischen Gutachtens beauftragt. Er hat mit Hinterbliebenen und Zeitzeugen, auch mit mir, Gespr\u00e4che gef\u00fchrt und 2010 bekannt gegeben, dass die Massenhinrichtungen des Sommers 1988 als Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu bezeichnen seien.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000; font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"><em>Es gab auch ein sogenanntes Iran-Tribunal, eine Wahrheitskommission&#8230;<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000; font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"><strong>Baradaran:<\/strong>\u00a0Ja, bestehend aus mehreren internationalen Richtern, die sich mit dem Thema befasst haben und die Islamische Republik symbolisch angeklagt haben.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000; font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"><em>Die &#8220;M\u00fctter von Khavaran&#8221; hatten Vorbilder, die international f\u00fcr Aufsehen gesorgt haben. Die Ber\u00fchmtesten sind wohl die M\u00fctter der verschwundenen politischen Gefangenen in Argentinien und der T\u00fcrkei. Warum haben die &#8220;M\u00fctter von Khavaran&#8221; nicht die gleiche Aufmerksamkeit erfahren wie diese?<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000; font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"><strong>Baradaran:<\/strong>\u00a0Das ist eine wichtige Frage, auf die ich keine plausible Antwort wei\u00df. Die M\u00fctter in Argentinien wurden von Medien und Verteidigern der Menschenrechte in allen Kontinenten, sogar vom Papst, unterst\u00fctzt. Leider haben die &#8220;M\u00fctter von Khavaran&#8221; nicht die gleiche internationale Unterst\u00fctzung bekommen. Vielleicht ist das Schwarz-Wei\u00df-Bild, das vom Iran in den Medien gezeichnet wird, ein Faktor daf\u00fcr. Entweder romantisiert man den Iran oder man zeigt ausschlie\u00dflich schreckliche Bilder. Dass es Widerstand und Streben nach Gerechtigkeit gibt, wof\u00fcr diese einige Hundert M\u00fctter stehen, passt nicht so recht in dieses Bild. Au\u00dferdem wurde die Verteidigung der Menschenrechte institutionalisiert, etwa in Deutschland. Es ist nicht mehr so wie in den 1970er oder 1980er Jahren, wo Tausende Menschen f\u00fcr Demokratie und Menschenrechte auf die Stra\u00dfen gingen. Heute unterschreibt man lieber eine Petition im Internet.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000; font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"><em>Glauben Sie, dass irgendwann Licht ins Dunkel kommt und die \u00d6ffentlichkeit mehr \u00fcber die Verbrechen vor 30 Jahren erf\u00e4hrt?<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000; font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"><strong>Baradaran:<\/strong>\u00a0Bestimmt! Durch die modernen Kommunikationsmittel, besonders durch die sozialen Netzwerke, wissen immer mehr Iraner von diesen grauenvollen Ereignissen. Im Gegensatz zu den 1980er Jahren sind die Massenhinrichtungen vom Sommer 1988 nicht mehr nur Angelegenheit der Familien der Hingerichteten, sondern der ganzen Gesellschaft. Die junge Generation zeigt Interesse an diesen politischen Verbrechen. Und das gibt mir die Hoffnung, ja die Sicherheit, dass es irgendwann in absehbarer Zeit zu einer umfassenden Aufkl\u00e4rung der Geschehnisse kommen wird. Allerdings brauchen wir, das hei\u00dft die Aktivisten und die Familien der Hingerichteten, daf\u00fcr die internationale Solidarit\u00e4t.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000; font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"><em>Das Interview f\u00fchrte\u00a0Farhad Payar.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000; font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"><em>\u00a9 Iran Journal 2018<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>11.09.2018- qantara-\u00a0\u00a0Im Sommer 1988 erlie\u00df Ayatollah Ruhollah Khomeini ein Dekret, mit dem Tausende politische H\u00e4ftlinge zum Tode verurteilt wurden. 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