{"id":633,"date":"2019-01-18T15:33:44","date_gmt":"2019-01-18T14:33:44","guid":{"rendered":"http:\/\/iransos.com\/deutsch\/?p=633"},"modified":"2019-01-20T15:37:12","modified_gmt":"2019-01-20T14:37:12","slug":"iran-der-autokrat-und-die-mullahs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iransos.com\/deutsch\/?p=633","title":{"rendered":"Iran: Der Autokrat und die Mullahs"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong><span style=\"font-size: 20px;\">Vor vierzig Jahren musste Schah Reza Pahlavi sein Land verlassen. Seine Dynastie wurde getragen vom Interesse des Westens am iranischen \u00d6l. 1979 lie\u00df man ihn fallen.<\/span><\/strong><\/p>\n<div style=\"width: 630px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium\" src=\"http:\/\/iransos.com\/deutsch\/images\/2011\/i\/ir-shah.jpg\" width=\"620\" height=\"372\" \/><p class=\"wp-caption-text\">Prunk ohne moralisches Gewicht: Schah Reza Pahlavi mit Ehefrau Farah Diba und Sohn Cyrus Reza. \u2013 Getty Images<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">18.01.2019- Die Presse- <a href=\"https:\/\/diepresse.com\/user\/search.do?detailForm=true&amp;switch=true&amp;resultsPage=0&amp;resetForm=0&amp;action=search&amp;autor=1&amp;ress=1&amp;ress=2&amp;ress=3&amp;ress=4&amp;ress=5&amp;ress=6&amp;ress=7&amp;ress=8&amp;ress=9&amp;ress=10&amp;ress=11&amp;ress=12&amp;ress=13&amp;ress=14&amp;searchText=&amp;autorname=G%C3%BCnther+Haller\"><strong>von G\u00fcnther Haller<\/strong><\/a>\u00a0&#8211; Am 16. J\u00e4nner 1979 um zwei Uhr nachmittags ging das kaiserliche Paar Irans, Schah Reza Pahlavi und seine Frau, Kaiserin Farah, ein letztes Mal am Teheraner Flughafen Mehrabad \u00fcber den roten Teppich zum Flugzeug. Der Schah selbst griff zum Steuerkn\u00fcppel. \u201eTun Sie das, was Sie f\u00fcr notwendig halten. Ich hoffe nur, dass es keine Toten mehr gibt\u201c, hatte er zuvor zum Offizier der Ehrengarde gesagt. Journalisten erhielten nur eine kurze Erkl\u00e4rung: \u201eIch f\u00fchle mich m\u00fcde und brauche Ruhe. Meine Reise beginnt heute.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><!--more-->Er flog ins Exil ins \u00e4gyptische Assuan. Die Menschen im Iran wussten, dass er nicht mehr zur\u00fcckkehren w\u00fcrde, sie st\u00fcrzten jubelnd aus den H\u00e4usern, hupten in ihren Autos, tanzten auf den Stra\u00dfen. Viele hielten das Portr\u00e4t ihres neuen Messias, eines b\u00e4rtigen Geistlichen, in die H\u00f6he. \u201eDer Schah ist fort!\u201c, hie\u00dfen die Schlagzeilen. \u201eAllah ist mit den Geduldigen\u201c, skandierte die Menge, die mit Stra\u00dfenschlachten und Demonstrationen die Stra\u00dfen Teherans schon seit Monaten unfriedlich gemacht hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das war auch eine Niederlage f\u00fcr den Westen, denn die Geschichte des modernen Iran war auch eine Geschichte des \u00d6ls, und das verband das Schicksal des Landes eng mit den gro\u00dfen M\u00e4chten. Ende des 19. Jahrhunderts waren es Russen und Briten, die ihre Handelsinteressen in dem gesetzlosen und r\u00fcckst\u00e4ndigen Land vertraten. Die Dynastie der Kadjaren st\u00fctzte sich auf Kosaken des Zaren. In dieser Brigade meldete sich ein F\u00fcnfzehnj\u00e4hriger, der sich Reza Pahlavi nannte. Er diente sich hoch und machte einen guten Eindruck auf die Briten, die immer pr\u00e4senter im Land wurden: Sie hatten im Ersten Weltkrieg ihre Flotte von Kohle- auf \u00d6lfeuerung umgestellt und brauchten die persischen \u00d6lquellen.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\">Die CIA h\u00e4lt ihn an der Macht<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man gab 1921 Reza Pahlavi zu verstehen, dass man nichts gegen ihn auf dem Pfauenthron einzuwenden h\u00e4tte. Der neue Herrscher legte sich sofort mit den m\u00e4chtigen Mullahs an, mit denen das Land nicht zu modernisieren war. 1935 wurde Iran die amtliche Bezeichnung des Staates. Verheiratet war der Schah mit einer emanzipierten Frau, sie hatte am 26. Oktober 1919 Mohammed Reza Pahlavi geboren, der 1941 auf Druck der Briten und Russen seinen Vater als Schah abl\u00f6ste. Dieser hatte es sich mit den Briten verscherzt, weil er selbst \u00fcber die \u00d6lkonzessionen verf\u00fcgen wollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der junge Reza Pahlavi wurde zu einem wichtigen Verb\u00fcndeten (und Waffenabnehmer) der USA, die ab 1944 ihr Interesse am Iran entdeckten und den Schah beim Putsch einer \u201eNationalen Front\u201c unter Premierminister Mohammad Mossadegh vor dem totalen Machtverlust bewahrten. Auf dem H\u00f6hepunkt des Kalten Kriegs organisierte die CIA eine wahnwitzige Operation, denunzierte Mossadegh als Sowjetfreund, organisierte Schah-freundliche Demonstrationen in Teheran und holte den Herrscher, der ins Ausland geflohen war, zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Interesse der Weltpresse erregte der Schah 1967 durch seine Kr\u00f6nung. Offenbar sah er sich als Napoleon des Mittleren Ostens, der sich selbst die Krone aufsetzte. Sein Gr\u00f6\u00dfenwahn grenzte an die Selbstverg\u00f6ttlichung eines Ludwig XIV. Reza Pahlavi legte ein uners\u00e4ttliches Verlangen nach au\u00dferehelichen Aff\u00e4ren an den Tag. Das erregte das Interesse der deutschen Regenbogenpresse, der Schah-Boom begann hier bereits 1951, als er nach einer Ehe mit der Tochter des \u00e4gyptischen K\u00f6nigs Fuad Soraya (sie hatte eine deutsche Mutter) heiratete. Von diesem Zeitpunkt an war das persische Kaiserhaus eines der Lieblingsthemen der Postillen, vor allem \u00fcber \u201edie Tragik einer Kaiserin, die alle Herrlichkeiten der Welt sich beschaffen kann, nur jene eine nicht: das Gl\u00fcck der Mutterschaft\u201c, las man 1958.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\">Liebling der Regenbogenpresse<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Jahr darauf kam die Scheidung, das jahrelang aufgebaute Image vom \u201eTraumpaar\u201c fiel wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Als n\u00e4chste Ehefrau folgte Farah Diba, eine junge Architekturstudentin aus niederem persischen Adel. Von nun an war der Fantasie der Journalisten keine Grenze gesetzt, das konfliktreiche Dreieck Farah, der Schah und Soraya bot viel Stoff: \u201eFarah soll den Thron mit Soraya teilen!\u201c Doch Farah Diba war eine gute Landesmutter, gebar als Thronfolger 1960 Cyrus Reza und noch drei weitere Kinder. Politische Ereignisse wurden in den Illustrierten, wenn \u00fcberhaupt, nur nebenbei und als Aufh\u00e4nger des Personenkults erw\u00e4hnt. Den Schah als Staatsmann und Politiker gab es hier eigentlich gar nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit einer \u201eWei\u00dfen Revolution\u201c wollte er das Land zur Industriemacht machen, mit einer Bodenreform und einem Frauenwahlrecht. Ein vom Volk verehrter Religionslehrer aus der heiligen Stadt Ghom, Ayatollah Khomeini, nannte die Reformen \u201eVerbrechen\u201c, ihren Erfinder den \u201eScheitan\u201c, den Teufel. Der gereizte Schah lud ihn zur Audienz: \u201eWenn Ihr weiterhin Unruhe macht, ziehe ich die Schuhe meines Vaters an.\u201c Der Ayatollah: \u201eDie Schuhe deines Vaters sind dir um mehrere Nummern zu gro\u00df.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gescheitert ist der Schah an seiner Unentschlossenheit, an seinem Mangel an politischen F\u00e4higkeiten und am Widerstand der Mullahs, die die traditionellen Strukturen der Gesellschaft zementierten und gegen die sittenverderbenden Amerikaner im Land mobil machten. Die Gef\u00e4ngnisse wurden voll mit politischen Gegnern, der ber\u00fcchtigte Geheimdienst, Savak, durchdrang mit 80.000 Agenten die Gesellschaft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heftige Erregung lie\u00df sich der Schah nie anmerken, sein zur\u00fcckhaltendes Verhalten war distinguiert. Geradezu ergriffen wirkte er am 23. Dezember 1973, in einem Saal voll von Journalisten in Teheran. Es war auch ein Augenblick von gr\u00f6\u00dfter Bedeutung f\u00fcr die Welt. Es ging um die neuen \u00d6lpreise. Innerhalb von nur zwei Monaten war der Preis f\u00fcr Roh\u00f6l um das Vierfache gestiegen. Der Iran, der bisher j\u00e4hrlich f\u00fcnf Mrd. Dollar durch \u00d6lexporte einnahm, erhielt nun 20 Mrd.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einer seherischen Eingebung wollte er aus dem unterentwickelten Land in k\u00fcrzester Zeit eine Supermacht erstehen lassen, die \u201eGro\u00dfe Zivilisation\u201c errichten, eine moderne Armee aufstellen, Fabriken und Atomkraftwerke bauen: \u201eIn zehn Jahren werden wir denselben Standard erreicht haben, den heute ihr Deutschen, Franzosen und Engl\u00e4nder besitzt\u201c, sagte er dem \u201eSpiegel\u201c, gab der Welt einige gute Lehren und jagte Hunderte Dekrete vom Palast aus ins Land. Dann fuhr er nach St. Moritz zum Skifahren und lie\u00df sich hofieren von Konzernchefs, die gierig nach Auftr\u00e4gen waren und sich wenig darum k\u00fcmmerten, dass sie in den Hauptst\u00e4dten Europas mit Flugbl\u00e4ttern von iranischen Studenten bombardiert wurden, die voll waren von Berichten \u00fcber willk\u00fcrliche Verhaftungen und unmenschliche Zust\u00e4nde in den Gef\u00e4ngnissen ihrer Heimat.<\/p>\n<h2 style=\"text-align: justify;\">Dekadente Megaparty<\/h2>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der H\u00f6hepunkt der Dekadenz war 1971 eine Gro\u00dfveranstaltung in Persepolis zum 30. Jahrestag seiner Thronbesteigung und dem 2500-j\u00e4hrigen Bestehen des Reiches. Alle regierenden H\u00e4upter waren eingeladen. Die Prunkentfaltung kostete 300 Millionen Dollar und gab seinen Feinden Munition in die Hand. Moralisches Gewicht hatte er nie viel besessen, nun verlor er auch den letzten Rest. Der Ruf nach R\u00fcckkehr des vom Schah ins Exil geschickten Ayatollah Khomeini wurde immer lauter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bald hie\u00df es auch im Westen: \u201eDer Schah ist verr\u00fcckt\u201c, das hing aber eher mit der Entwicklung des \u00d6lpreises und der Opec-Gr\u00fcndung zusammen. Dass die religi\u00f6se Inbrunst seines Volkes nun mit so gro\u00dfer Leidenschaft entfacht wurde, hatte Reza Pahlavi nicht geahnt. Es scharte sich um seine Mullahs, er verlor die Kontrolle. Wo die Macht zu br\u00f6ckeln beginnt, verlieren sich die Freunde. Khomeinis Revolutionsgericht verurteilte ihn 1979 in Abwesenheit zum Tode, er habe Ungerechtigkeit und Korruption zugelassen, eine seelenlose Modernisierung habe die Religion zu zerst\u00f6ren versucht. Seine westlich orientierte Autokratie wurde abgel\u00f6st von einer islamischen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(&#8220;Die Presse&#8221;, Print-Ausgabe, 19.01.2019)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor vierzig Jahren musste Schah Reza Pahlavi sein Land verlassen. 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