{"id":76,"date":"2013-11-11T14:51:32","date_gmt":"2013-11-11T13:51:32","guid":{"rendered":"http:\/\/iransos.com\/deutsch\/index.php\/2013\/11\/11\/konfetti-fuer-madame\/"},"modified":"2013-11-11T14:51:32","modified_gmt":"2013-11-11T13:51:32","slug":"konfetti-fuer-madame","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iransos.com\/deutsch\/?p=76","title":{"rendered":"Konfetti f\u00fcr Madame"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><img decoding=\"async\" src=\"images\/2011\/v\/vm.jpg\" border=\"0\" width=\"120\" align=\"right\" style=\"float: right; border: 0;\" \/>10. November 2013\u00a0&#8211; Zeitonline &#8211; Im Iran gelten die heiligen Krieger des Volkes als der gr\u00f6\u00dfte Gegner des Regimes. Der F\u00fchrer der Bewegung ist verschollen, seiner Frau wird gehuldigt. Geh\u00f6rt den Volksmudschahedin die Zukunft? Erkundungen in Berlin und Paris von\u00a0Ulrich Ladurner und Sahar Sarreshtehdari<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das iranische Regime hat viele Gegner, einer behauptet, der gr\u00f6\u00dfte zu sein: die Volksmudschahedin, also die &#8220;heiligen Krieger des Volkes&#8221;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mohammed Moschiri, ein im deutschen Exil lebender iranischer Sympathisant, behauptet von ihnen: &#8220;Die Volksmudschahedin haben ein Programm, sie haben Strukturen, sie haben Anh\u00e4nger, und sie haben eine Geschichte.&#8221; Wenn das Regime in Teheran eines Tages falle, dann k\u00f6nnten sie die Regierung \u00fcbernehmen, sagt er. Sie seien darauf vorbereitet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Was sind das f\u00fcr Leute?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Berlin, Brandenburger Tor, Herbst 2013<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein windiger Oktobertag. Rund 40 Menschen haben sich hier versammelt. Sie schwingen gr\u00fcn-wei\u00df-rote Fahnen, in deren Mitte eine goldener L\u00f6we abgebildet ist. Die Demonstranten tragen gelbe Westen, um den Hals ein Schild mit der Aufschrift &#8220;Hungerstreik&#8221;, auf Deutsch und auf Farsi. Auf vielen Plakaten ist ein Mann mit Schnauzbart abgebildet: Massud Radschawi, Ikone der Volksmudschahedin. Seine Anh\u00e4nger verehren ihn wie einen Heiligen. Dabei sind ihm die meisten noch nie begegnet. Er gilt seit rund 25 Jahren als verschollen im Irak. Massud Radschawi ist mit ziemlicher Sicherheit tot. Die Volksmudschahedin glauben trotzdem, dass der F\u00fchrer eines Tages wieder erscheint und die Bewegung anf\u00fchren wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Autorit\u00e4t durch Abwesenheit. Das ist ein zentrales Motiv in der Kultur iranischer Schiiten. Sie glauben, dass ihr Messias, der zw\u00f6lfte Imam, im Verborgenen lebt und mit seiner R\u00fcckkehr die Welt erl\u00f6sen wird. Dieses religi\u00f6se Motiv kommt auch in der Verehrung Radschawis zum Vorschein. Das w\u00fcrden die Volksmudschahedin freilich nie sagen, sie bezeichnen sich als s\u00e4kulare Kraft. F\u00fcr das Regime in Teheran sind sie &#8220;schlimmer als Ungl\u00e4ubige&#8221;. Wohl auch, weil sie einem Menschen wie Radschawi geradezu g\u00f6ttlichen Status zusprechen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Volksmudschahedin k\u00e4mpften bereits in den sechziger Jahren gegen die Diktatur des Schahs. W\u00e4hrend der Revolution des Jahres 1979 schlossen sie ein Zweckb\u00fcndnis mit den Anh\u00e4ngern des Ajatollah Chomeini. Doch kaum war der Schah gest\u00fcrzt, entbrannte zwischen den Volksmudschahedin und den Mullahs ein Machtkampf, der von beiden Seiten mit brutaler H\u00e4rte gef\u00fchrt wurde. Tausende starben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Jahr 1985 marschierte Radschawi mit seinen K\u00e4mpfern in den Irak ein. Saddam Hussein f\u00fchrte damals seit f\u00fcnf Jahren Krieg gegen den Iran. Dass die Volksmudschahedin nicht an der Seite des Iraks gek\u00e4mpft h\u00e4tten, glauben ihnen ihre Landsleute nicht. Und wegen der Zusammenarbeit mit Saddam landeten die Volksmudschahedin auf der Terrorliste der EU und der USA. &#8220;Wir haben nie Zivilisten angegriffen und niemals au\u00dferhalb des Irans Aktionen ver\u00fcbt&#8221;, sagt Dschawad Dabiran, Pressesprecher der Volksmudschahedin. &#8220;Au\u00dferdem sind alle unsere Anh\u00e4nger 2003 entwaffnet worden.&#8221; Inzwischen wurden sie von der Terrorliste wieder gestrichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den Demonstranten in Berlin geht es um das Schicksal ihrer 3000 Kameraden, die immer noch im Irak leben. Sohreh hat im Iran als Anw\u00e4ltin gearbeitet, sie wohnt seit zw\u00f6lf Jahren in Deutschland und sagt: &#8220;Wir brauchen Hilfe und Unterst\u00fctzung. Warum interessiert sich niemand f\u00fcr uns? Wie viele sollen denn noch sterben?&#8221; Ihre Freundin Mitra sei am 1. September zusammen mit weiteren 51 Iranern im Camp Aschraf get\u00f6tet worden. Irakische Truppen seien in das Lager eingefallen und h\u00e4tten das Massaker angerichtet. Und sie h\u00e4tten sieben Bewohner verschleppt. Die Angriffe auf Camp Aschraf dienten nach Ansicht der Volksmudschahedin der Abschreckung: Seht her, das geschieht mit allen, die sich der Organisation anschlie\u00dfen! \u00dcber die Zahl der Anh\u00e4nger im Iran lassen sich allerdings keine Angaben machen. In Deutschland leben vielleicht 900.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus dem Camp Aschraf wurde der Gro\u00dfteil der Volksmudschahedin unter Vermittlung der Amerikaner vor einiger Zeit in ein neues Lager im Irak verbracht, es hei\u00dft Camp Liberty, ausgerechnet; auch dort sehen sich die K\u00e4mpfer von der irakischen Armee bedroht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8220;Das Wichtigste ist jetzt, dass die sieben Geiseln freikommen&#8221;, sagt Sohreh. Sie hat Angst, die irakische Regierung liefere ihre Freundin an den Iran aus. Am Brandenburger Tor sind die Bilder der in Aschraf Ermordeten aufgestellt, die meisten von ihnen M\u00e4nner. &#8220;Ich w\u00fcrde f\u00fcr einen freien Iran sterben. Ich k\u00e4mpfe bis auf den letzten Tropfen Blut. Ich opfere mich f\u00fcr die Zukunft des Irans&#8221;, so sprechen die Demonstranten in Berlin. Das hat mit dem metaphorischen, emotionalen, zur \u00dcbertreibung neigenden persischen Sprachgebrauch zu tun, doch inmitten der Fotos der Get\u00f6teten bekommen solche Worte eine anderen Klang.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Paris-Nord, Juni 2012<\/strong><\/p>\n<p>Maryam Radschawi ist die unbestrittene F\u00fchrerin der Volksmudschahedin \u2013 jedenfalls so lange, bis ihr Mann wieder erscheint. Die Volksmudschahedin haben zum Kongress in Paris-Nord geladen. Zehntausende sollen kommen. Wir treffen zun\u00e4chst auf eine gro\u00dfe Anzahl von Deutschrussen, die in Scharen zu der riesigen Veranstaltungshalle des Kongresszentrums pilgern. Ein franz\u00f6sischer Sicherheitsmann staunt: &#8220;Was haben Russen denn mit den Iranern zu tun?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8221; Die Antwort lautet: &#8220;Nichts!&#8221;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Volksmudschahedin umgibt oft etwas merkw\u00fcrdig Schillerndes, Schattenhaftes, Verwirrendes. Tats\u00e4chlich sind Zehntausende dem Aufruf nach Paris gefolgt. Allein 850 Busse sollen aus Deutschland gekommen sein. Die Halle 5 des Kongresszentrums bietet 80.000 Menschen Platz. Als die Veranstaltung beginnt, ist die Halle dicht gef\u00fcllt. In einer Gesellschaft, die den Wert einer Sache nach dem Grad der Aufmerksamkeit misst, ist das ein gro\u00dfer Erfolg. Neben Hunderten Deutschrussen reihen sich Polen, Engl\u00e4nder, Spanier \u2013 halb Europa scheint hier versammelt zu sein. Die Fahrt nach Paris habe sie 20 Euro gekostet, sagen sie, plus \u00dcbernachtung. Das sei nun einmal sehr, sehr attraktiv. Besonders f\u00fcr jemanden, der noch nie in seinem Leben in Paris gewesen sei. Den Nachmittag bei den Iranern, den nimmt man halt in Kauf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8220;Sind Iranerrrr hier? Wirklich, echte Iranerrr?&#8221;, fragt ein Deutschrusse mit einer vom Alkohol schon schweren Zunge. Nun, es sind Flaggen zu sehen: iranische, syrische, kurdische. Und gewiss gibt es viele unter den Zehntausenden, die aus aufrichtigem Engagement gekommen sind. Es existieren gute Gr\u00fcnde, eine iranische Oppositionsgruppe zu unterst\u00fctzen. Gleichwohl, ein genauerer Blick auf die Gro\u00dfveranstaltung f\u00f6rdert einiges zutage.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf der rechten Seite der B\u00fchne ist eine Art Schrein aufgebaut. Eine meterhohe Bildtafel mit den Toten der Volksmudschahedin, geschm\u00fcckt mit Blumenkr\u00e4nzen und brennenden Kerzen. Daneben stehen in makellos wei\u00dfe Anz\u00fcge gekleidete junge M\u00e4nner und Frauen und halten die iranische Flagge. Ihre Gesichter sind ernst.<br \/>&#8220;Sind Sie Iraner?&#8221; \u2013 &#8220;Nein, Franzose!&#8221; \u2013 &#8220;Warum halten Sie hier Totenwache?&#8221; \u2013 &#8220;Man bezahlt mich.&#8221; \u2013 &#8220;Wer bezahlt Sie?&#8221; \u2013 &#8220;Das wei\u00df ich nicht!&#8221;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seltsam. Wo kommt das Geld f\u00fcr diese gigantische Veranstaltung her? Und wo sind blo\u00df die Iraner? In den ersten Reihen, wenige Meter von der B\u00fchne, stehen sie zu Dutzenden. Sie halten Plakate von den F\u00fchrern der Bewegung hoch. Alles wartet auf Frau Radschawi, die in wenigen Minuten kommen wird. Die Musik schwillt an. Konfettiregen geht auf das Publikum nieder.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Maryam Radschawi schreitet langsam die Reihen ab, umringt von hartgesichtigen Leibw\u00e4chtern. Sie l\u00e4chelt nach links und nach rechts, sie nickt in alle Richtungen und bahnt sich H\u00e4nde sch\u00fcttelnd den Weg zur B\u00fchne. Noch einmal brandet der Applaus auf, dann setzt Radschawi, hinter einem gl\u00e4sernen Pult stehend, zur Rede an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Inszenierung wirkt. In den franz\u00f6sischen Abendnachrichten landet die Veranstaltung der Volksmudschahedin ganz vorne. \u00d6ffentliche Aufmerksamkeit ist das Hauptziel dieser gewaltigen Kulissenschieberei in Paris-Nord. Dazu dient auch der Aufmarsch einer ganzen Reihe von Prominenten: Der ehemalige EU-Kommissar G\u00fcnter Verheugen (SPD) und die langj\u00e4hrige Bundestagspr\u00e4sidenten Rita S\u00fcssmuth sind da. Sie h\u00e4lt eine Rede, in der sie sich f\u00fcr die Menschen in Aschraf einsetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Berlin, Oktober 2013<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir treffen Rita S\u00fcssmuth in Berlin. Sie ist emp\u00f6rt \u00fcber den j\u00fcngsten \u00dcberfall, ihr Mitgef\u00fchl gilt den Geiseln und den im Camp Liberty Verbliebenen. Sie setzt sich f\u00fcr deren Verlagerung in sichere Drittl\u00e4nder ein, 46 sind mittlerweile in Deutschland angekommen. Gibt Deutschland damit Terroristen Asyl? S\u00fcssmuth sch\u00fcttelt den Kopf. &#8220;Das sind keine Terroristen, das sind keine gef\u00e4hrlichen Menschen. Ich behaupte nicht, alles \u00fcber sie zu wissen. Trotzdem bleibt dieser humanit\u00e4re Schutz \u2013 das sind ja alles Menschen mit elementaren Menschenrechten.&#8221;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es besteht kein Zweifel daran, dass die Bewohner des Camps aus ihrer Not gerettet werden m\u00fcssen. Es handelt sich gem\u00e4\u00df der Genfer Konvention um &#8220;gesch\u00fctzte Personen&#8221;. Wer sich f\u00fcr sie einsetzt, muss die Politik ihrer Organisation nicht unterst\u00fctzen. Beides muss man auseinanderhalten. Besonders dann, wenn die Volksmudschahedin mit ihrem Kampf f\u00fcr die Bewohner des Camps die eigenen Ziele bef\u00f6rdern wollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Brandenburger Tor flehen die Anh\u00e4nger der Volksmudschahedin um Aufmerksamkeit. Denn die brauchen sie, um ihren sieben entf\u00fchrten Kampfgenossen im Irak zu helfen. Auf der anderen Seite des Tors hungern Fl\u00fcchtlinge, die um Asyl in Deutschland bitten. \u00dcber ihr Kollabieren berichten Medien ausf\u00fchrlich. Die Volksmudschahedin hingegen bleiben unbeobachtet. Parwin, eine der Demonstrantinnen, ist dar\u00fcber erbost. &#8220;Die anderen, die da dr\u00fcben, sind vom iranischen Regime geschickt worden, um uns an die Seite zu dr\u00e4ngen!&#8221;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>So geht es in ihr zu, in der Gedankenwelt der Volksmudschahedin.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><img decoding=\"async\" src=\"images\/2011\/v\/vm.jpg\" border=\"0\" width=\"120\" align=\"right\" style=\"float: right; border: 0;\" \/>10. November 2013\u00a0&#8211; Zeitonline &#8211; Im Iran gelten die heiligen Krieger des Volkes als der gr\u00f6\u00dfte Gegner des Regimes. Der F\u00fchrer der Bewegung ist verschollen, seiner Frau wird gehuldigt. Geh\u00f6rt den Volksmudschahedin die Zukunft? Erkundungen in Berlin und Paris von\u00a0Ulrich Ladurner und Sahar Sarreshtehdari<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[53,52,51],"class_list":["post-76","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-sahar-sarreshtehdari","tag-ulrich-ladurner","tag-volksmudschahedin"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/iransos.com\/deutsch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/76","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/iransos.com\/deutsch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/iransos.com\/deutsch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/iransos.com\/deutsch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/iransos.com\/deutsch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=76"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/iransos.com\/deutsch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/76\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/iransos.com\/deutsch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=76"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/iransos.com\/deutsch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=76"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/iransos.com\/deutsch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=76"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}