{"id":877,"date":"2020-12-24T14:36:31","date_gmt":"2020-12-24T13:36:31","guid":{"rendered":"http:\/\/iransos.com\/deutsch\/?p=877"},"modified":"2020-12-25T14:52:05","modified_gmt":"2020-12-25T13:52:05","slug":"kopftuch-im-iran-und-politisch-korrektes-europa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iransos.com\/deutsch\/?p=877","title":{"rendered":"Kopftuch im Iran und politisch korrektes Europa"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium aligncenter\" src=\"https:\/\/iransos.com\/deutsch\/images\/2011\/k\/kopftuch-.jpg\" width=\"240\" height=\"372\" \/>Donnerstag, 24. Dezember 2020 &#8211; Von: Klaus Philippi-Deutsche Zeitung-\u00a0 Wie es sich wohl anf\u00fchlen mag, in einem Land der Unfreiheit aufgewachsen zu sein und als junger Mensch irgendwo auf dem alten Kontinent eine neue Heimat zu suchen, weil es daheim im Nahen, Mittleren oder Fernen Osten nicht mehr zum Aushalten ist, kann man sich in der Europ\u00e4ischen Union heute kaum noch vorstellen. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"><!--more-->Denn in Europa hat der sprichw\u00f6rtliche Frieden auf Erden bereits das Alter von 75 Jahren erreicht. Ob ihm f\u00fcr die Zukunft eine biblische Altersreife beschieden ist? Die Mehrheit der Menschen, die in Europa leben oder auf dem Weg nach Europa sind, l\u00e4sst sich von der Hoffnung auf m\u00f6glichst langlebigen Frieden treiben. Menschen, die als Zeitzeugen vom Waffenstillstand des Zweiten Weltkrieges berichten k\u00f6nnen, sind unterdessen gar nicht mehr so leicht zu finden. Gl\u00fccklich, wer jemanden kennt, die oder der noch pers\u00f6nlich von Schrecknissen aus der Zeit der Jahre 1939 bis 1945 zu erz\u00e4hlen wei\u00df.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\">Einen Krieg oder eine Revolution unmittelbar am eigenen Leben gesp\u00fcrt zu haben, ist schwer zu verwinden. Europ\u00e4er, die vor dem Berliner Mauerfall im November 1989 und dem Einsturz der Sowjetunion einschlie\u00dflich ihrer kommunistischen Satellitenstaaten als Jugendliche oder Erwachsene auf der unfreien Seite des Eisernen Vorhangs standen, k\u00f6nnen sich noch am ehesten ausmalen, wie die Welt zu Ende des Zweiten Weltkrieges ausgehen haben mochte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\">F\u00fcr uns alle in Europa sollten Frieden und Freiheit als die gr\u00f6\u00dften Geschenke z\u00e4hlen, die wir uns w\u00fcnschen k\u00f6nnen. Weil es auch 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges noch immer ein hartes St\u00fcck Arbeit bedeutet, beides am Leben zu erhalten. Streit und Krieg sind schnell vom Zaun gebrochen. Sobald man das Gebot der Geduld \u00fcber Bord wirft, geraten Frieden und Freiheit zu einer Zerrei\u00dfprobe.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\">Marjane Satrapi wurde 1969 im Iran geboren und wuchs in der Hauptstadt Teheran auf. Ihre Eltern versuchten stets ein Leben zu f\u00fchren, das mit dem Ideal bildungsb\u00fcrgerlicher Freiheit und eines dezenten Wohlstands \u00fcbereinstimmen sollte, hatten es aber nicht leicht, ihrer Tochter Marjane Resilienz vor den Unm\u00f6glichkeiten des politischen Alltags beizubringen. Als 1979 die Islamische Revolution ausbrach, der s\u00e4kular regierende Schach den Iran Hals \u00fcber Kopf verlassen musste und 1980 die strikte Kopftuch-Pflicht f\u00fcr M\u00e4dchen und Frauen im Land wiedereingef\u00fchrt wurde, begann f\u00fcr Marjane Satrapi ein Dauerkonflikt, an dem sie selbst keine Schuld hatte. Marjane Satrapi lebt heute als Comiczeichnerin und Illustratorin in Frankreich. Weil sie in einer freiheitsliebenden Familie geboren wurde und sich dem diktatorischen Regime des Ayatollah Ruhollah Khomeini vom allerersten Schultag an nicht unterordnen wollte, entschieden ihre Eltern 1984, sie nach Wien zu schicken.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\">Die junge Marjane aus Teheran reiste mit dem Flugzeug nach Wien, wo sie die Schule besuchen und sich kulturell frei entfalten k\u00f6nnen sollte. Im November 1984 startete sie in ihren neuen Alltag in \u00d6sterreich. Die ersten zehn Tage wohnte sie bei der dreik\u00f6pfigen Familie ihrer Tante, die ebenfalls aus dem Iran nach Wien geflohen war. Doch weil in der Gastfamilie der Haussegen ordentlich schief hing, brachte Tante Zozo ihre Nichte in eine von Nonnen gef\u00fchrte Jugendlichen-Pension f\u00fcr betreutes Wohnen. Dort, im bescheiden eingerichteten Heim, teilte Marjane das Zimmer mit der \u00d6sterreicherin Lucia. Marjane, die sich zuhause im Iran allenfalls f\u00fcr den Kult um die spirituelle Namensfigur Zarathustra interessiert hatte und nie etwas auf die radikale Form des islamischen Glaubens gegeben hatte, wusste in Wien nichts mit Weihnachten anzufangen. Sie war nicht nach Europa gekommen, um beschenkt zu werden. Marjane wollte nur Freiheit.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"><strong>Entscheidend ist die Menge<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\">\u00dcber ein Zuviel oder Zuwenig in Sachen Freiheit hatte sie sich noch nie wirklich Gedanken gemacht. Daheim im Iran war es ja auch so gut wie verboten gewesen, \u00f6ffentlich zu zeigen, dass man sich nur mit Widerwillen an gesetzliche Vorgaben h\u00e4lt. Wer auf der Stra\u00dfe einen Streit mit der Polizeipatrouille oder mit Angestellten einer anderen \u00f6ffentlichen Beh\u00f6rde wagte, musste damit rechnen, sofort ins Gef\u00e4ngnis gesteckt werden zu k\u00f6nnen. Marjane Satrapi aber hatte immer das Bestm\u00f6gliche aus den Umst\u00e4nden gemacht: Sie hatte ein Super-Verh\u00e4ltnis zu ihren Eltern aufgebaut und war in der Schule immer ganz vorne mit dabei gewesen. Mit ihren starken F\u00e4higkeiten in Mathematik schoss sie gleich bei der allerersten Klassenarbeit am Gymnasium in Wien den Adler ab. Sie hatte fr\u00fch gelernt, sich mangels Ablenkungsangeboten auf das Wesentliche zu konzentrieren.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\">Im Iran war es immer leichter als gewollt, sich Gef\u00e4ngnishaft oder Schlimmeres einzuhandeln. In \u00d6sterreich genoss Marjane die neue Freiheit in vollen Z\u00fcgen und war nicht darauf gefasst, dass auch Menschen des christlichen Abendlandes ins Fettn\u00e4pfchen treten k\u00f6nnen. Es geschah an einem Abend im Februar, also drei Monate nach ihrer Ankunft in Wien \u2013 Marjane kochte sich in der K\u00fcche des Jugendlichen-Wohnheims, wie gewohnt, eine Portion Spaghetti und ging mit dem vollen Topf in den Fernsehkeller. \u00dcber den Bildschirm flimmerte gerade eine Folge der Krimiserie \u201eDerrick\u201c, f\u00fcr die sich auch die p\u00e4dagogisch beauftragten Nonnen des Wohnheims begeisterten. Marjane setzte sich mit dem vollen Spaghetti-Topf im Arm zu den drei Ordensschwestern vor den Fernseher und verfolgte den spannenden Krimi Pasta kauend aufmerksam mit.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\">Schwester Birgit wollte sich das nicht bieten lassen und stand auf, um Marjane zu ma\u00dfregeln. \u201eAber hier sitzen doch alle stets essend vor dem Fernseher\u201c, entgegnete Marjane. \u201eAber doch nicht direkt aus dem Kochtopf!\u201c, schimpfte die Ordensschwester zur\u00fcck, um gleich nachzusetzen: \u201eWas man sich \u00fcber die Menschen aus dem Iran erz\u00e4hlt, trifft zu. Sie haben mit Erziehung nichts am Hut\u201c. Marjane jedoch hatte eine schlagfertige Antwort auf der Zunge, denn \u201ewas man aus dem H\u00f6rensagen \u00fcber euch erf\u00e4hrt, stimmt genauso. Vor eurem Leben als Nonnen habt ihr als Prostituierte gearbeitet!\u201c<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\">Marjanes Bestrafung folgte auf dem Fu\u00df \u2013 nicht Einweisung ins Gef\u00e4ngnis, sondern Rauswurf. Die Ordensschwestern schrieben Marjanes Eltern einen Brief, worin sie vorgaben, Marjane beim Klauen von Joghurt und Fr\u00fcchten erwischt zu haben. Und Marjane habe das Wohnheim anschlie\u00dfend freiwillig verlassen. Marjanes Eltern aber merkten beim Lesen des Briefes, dass irgendwas nicht stimmte.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\"><strong>Hardcover mit 350 Seiten Schmackes<\/strong><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\">Beim Lesen von Marjane Satrapis Autobiographie \u201ePersepolis\u201c bekommt das ungeschriebene Gesetz Europas und der westlich wohlhabenden Welt, beim Sprechen stets auf politisch korrekten Ausdruck zu achten, sein Fett weg. Denn im schwarzwei\u00dfen Comic-Roman von Marjane Satrapi, der zu Anfang des dritten Jahrtausends in vier B\u00e4nden binnen vier Jahren den B\u00fcchermarkt Frankreichs erobert hat, geht die Post ab. Integration ist ein hei\u00dfes Eisen. Selbst beim Bl\u00e4ttern in der rum\u00e4nischen Ausgabe von \u201ePersepolis\u201c, die der Bukarester Verlag Grup Editorial ART S.R.L. im Fr\u00fchjahr 2018 in zwei B\u00e4nden ver\u00f6ffentlicht hat, f\u00e4llt auf, dass die Gewohnheit, kulturelle Unterschiede zwischen Europa und den geopolitischen Konfliktstaaten des Nahen und Mittleren Ostens zu verallgemeinern, die Lebenswirklichkeit der Menschen vor Ort verfehlen kann. Dass in Europa mehrheitlich gut gesinnte Menschen und in L\u00e4ndern wie dem Iran mehrheitlich b\u00f6swillige Menschen leben, ist weder politisch korrekt, noch in den nicht frei erfundenen Sprechblasen des autobiographischen Comic-Romans von Marjane Satrapi wiederzufinden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\">Persepolis ist der Name einer von vier Hauptst\u00e4dten der antiken Weltmacht Persien, deren 20 Provinzen von \u00b4Satrapi\u00b4 genannten Gouverneuren gef\u00fchrt wurden. Die arch\u00e4ologische Fundst\u00e4tte von Persepolis misst eine Fl\u00e4che von 12,5 Hektar und wurde 1979 in das UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen \u2013 in genau dem Jahr, als die Islamische Revolution den Iran um seine laizistische Staatsform brachte. Dass der Iran seither unter der F\u00fchrungsgewalt von radikalen Organen des Islam steht, bedeutet nicht, dass dort heute nunmehr ausschlie\u00dflich Menschen leben, denen Gewaltenteilung und weitere Prinzipien von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit nicht wichtig sind.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: tahoma, arial, helvetica, sans-serif;\">Mihaela Dobrescu hat \u201ePersepolis\u201c von Marjane Satrapi geschickt in die rum\u00e4nische Sprache \u00fcbertragen und dadurch genau jenes orientalische Bild vom Iran multipliziert, das sich ganz und gar nicht auf die medial aufgebauschten Kriegsbilder der Region beschr\u00e4nkt. Marjane Satrapi lebt in Paris und ist weit weg von Europa in einem Land aufgewachsen, das ihr viel Kummer bereitet hat. Trotzdem w\u00fcnscht sie ihrer Geburtsheimat keine Zerst\u00f6rung, sondern bestimmt das Gegenteil davon. Die deutsche \u00dcbersetzung ihres autobiographischen Comic-Romans \u201ePersepolis\u201c stammt von Stephan P\u00f6rtner und ist seit 2013 bei der schweizerischen Edition Moderne erh\u00e4ltlich. Als Schach Mohammed Reza Pahlavi 1979 aus dem Iran fl\u00fcchtete und Jimmy Carter, Pr\u00e4sident der Vereinigten Staaten von Amerika (USA), ihm das Recht auf Asyl verweigerte, sagte Marjane Satrapis Vater zu seiner Tochter und sich selbst, dass \u201ewir keinen Frieden haben werden, solange im Mittleren Osten Erd\u00f6l zu finden ist.\u201c<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Donnerstag, 24. 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