{"id":885,"date":"2021-01-19T20:30:43","date_gmt":"2021-01-19T19:30:43","guid":{"rendered":"http:\/\/iransos.com\/deutsch\/?p=885"},"modified":"2021-01-22T20:35:54","modified_gmt":"2021-01-22T19:35:54","slug":"vereitelter-terroranschlag-die-iranische-bombe-die-in-wien-landete","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iransos.com\/deutsch\/?p=885","title":{"rendered":"Vereitelter Terroranschlag: Die iranische Bombe, die in Wien landete"},"content":{"rendered":"<h5 style=\"text-align: justify;\">In Belgien steht ein iranischer Diplomat aus Wien vor Gericht. Er soll \u00fcber Wien eine Bombe nach Europa geschmuggelt haben<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium\" src=\"https:\/\/iransos.com\/deutsch\/images\/2011\/a\/asadolah-asadi.jpg\" width=\"850\" height=\"600\" \/>19.J\u00e4nner 2021, Der Standard- Christof Mackinger -Er soll mit einer Bombe im Gep\u00e4ck in Schechat gelandet sein, jetz steht er in Belgien vor Gericht: Die Geschichte des iranischen \u201eDiplomaten\u201c und mutma\u00dflichen Geheimdienstoffiziers A. A. klingt wie aus einem Spionageroman- und sie hat Nachrichtendienste in ganz Europa besch\u00e4ftigt. W\u00e4hrend eines \u201ezivilen Linienflugs zwischen dem Iran und \u00d6sterreich\u201c soll A. A. den f\u00fcr den Anschlag bestimmten Sprengstoff transportiert\u201c haben, ist in Unterlagen des belgischen Geheimdiensts zu lesen.<!--more-->Der einst in Wien stationiert gewesene Diplomat steht nun mit drei weiteren Beschuldigten in Antwerpen vor Gericht. Der Gruppe wird versuchter Mord mit terroristischem Hintergrund und die Mitgliedschaft in einer terroristischen Gruppe vorgeworfen. Ziel ihres Anschlags soll das Jahrestreffen des oppositionellen iranischen Widerstandsrats nahe Paris im Sommer 2018 gewesen sein. &#8220;Der Anschlagsplan wurde im Namen und auf Ansto\u00df des Staates Iran erdacht.&#8221; Am 4. Februar soll ein Urteil gef\u00e4llt werden \u2013 f\u00fcr alle Genannten gilt die Unschuldsvermutung. DER STANDARD und das ARD-Politmagazin &#8220;Report M\u00fcnchen&#8221; haben den Weg der Bombe nachgezeichnet.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Knotenpunkt Wien<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bis zum Sommer 2018 lebte A. A. beinahe unauff\u00e4llig in Wien. Im Jahr 2014 wurde der 49-j\u00e4hrige Iraner zum Dritten Botschaftsrat der Islamischen Republik Iran ernannt. A. wohnte in einem schmucklosen Wohnblock nahe Sch\u00f6nbrunn und ging im Botschaftsgeb\u00e4ude in Wien-Landstra\u00dfe ein und aus \u2013 so hei\u00dft es in Akten des Bundesamts f\u00fcr Verfassungsschutz und Terrorismusbek\u00e4mpfung (BVT). Wurde sein Pass aber bei einer Polizeikontrolle gescannt, wie etwa bei der Kontrolle am Flughafen, schien &#8220;Code 43&#8221; f\u00fcr die Beamten auf \u2013 mit der Anweisung: &#8220;Auftreten wahrnehmen, keine Vorhalte, BMI\/BVT verst\u00e4ndigen.&#8221;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gelegentlich reiste der Diplomat nach Teheran; im Jahr 2018 auff\u00e4llig oft, wei\u00df der belgische Geheimdienst VSSE. Seinen letzten R\u00fcckflug soll er genutzt haben, um eine Bombe zu schmuggeln. Am 22. Juni 2018 landete A. A. mit dem Flug OS872 um 6.05 Uhr aus Teheran kommend in Wien. Er genoss diplomatische Immunit\u00e4t in \u00d6sterreich, Diplomatengep\u00e4ck geht unge\u00f6ffnet durch alle Kontrollen am Flughafen. Vier Tage sp\u00e4ter mietete er ein Auto, dann fuhr er mit seiner Familie nach Luxemburg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8220;Die deutsche Grenze \u00fcberquerte er um 18.15 Uhr in der N\u00e4he von Suben\/Ober\u00f6sterreich&#8221;, schreiben die deutschen Ermittler in den Akten. Danach folgte eine Fahrt durch Bayern, Hessen und Rheinland-Pfalz, mit Zwischenstopps in zwei Pensionen und Sightseeing beim Schloss Heidelberg. Tags darauf erreichte die Familie Luxemburg-Stadt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bilder zeigen A. vor dem K\u00fchlregal eines Supermarkts: im gestreiften Poloshirt, mit Strohhut und Fotokamera um den Hals. Exakt um 14.58 Uhr betraten Nasimeh N. und Amit S. denselben Supermarkt in Luxemburg-Stadt. Als A. A. wenige Minuten sp\u00e4ter den Laden verlie\u00df, hatte laut Ermittlern ein aus Teheran stammendes Paket mit 550 Gramm des hochexplosiven Sprengstoffs Triacetontriperoxid den Besitzer gewechselt. Der Wiener Diplomat soll es im Auto nach Luxemburg transportiert haben, so die Vermutung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nasimeh N. und Amit S., zwei mutma\u00dfliche Agenten des iranischen Geheimdienstes MOIS, werden zwei Tage sp\u00e4ter auf dem Weg nach Villepinte, einem Vorort von Paris, festgenommen. A. wird am selben Tag in Bayern verhaftet, auf dem R\u00fcckweg aus Luxemburg. Das Au\u00dfenministerium entzieht A. A. eilig die Immunit\u00e4t.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Die unsichtbare Hand<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die mutma\u00dflichen Spione waren auf dem Weg zum Kongress des Nationalen Widerstandsrats des Iran, bei dem an diesem 30. Juni \u00fcber 20.000 Exil-Oppositionelle zusammenkamen. N. und S. hatten einen Koffer bei sich, in dem sich eine &#8220;professionell gebaute Bombe&#8221; mit Fernz\u00fcnder befand. Das berichtet DOVO, der belgische Entsch\u00e4rfungsdienst, in Gerichtsakten. Dies k\u00f6nne auf die Involvierung eines staatlichen Geheimdienstes hinweisen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das sieht der Geheimdienstexperte Thomas Riegler \u00e4hnlich. Der Plot klinge nach einer &#8220;klassischen staatsterroristischen Aktion&#8221;. In den 1970er-Jahren sei dies der \u00fcbliche Modus Operandi gewesen: Diplomaten nah\u00f6stlicher Staaten h\u00e4tten in ihrem Gep\u00e4ck Waffen oder Sprengstoff f\u00fcr Anschl\u00e4ge transportiert. Heute sei das aber &#8220;ungew\u00f6hnlich und besorgniserregend&#8221;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8220;Wir wollen Gerechtigkeit&#8221;, sagt Rik Vanreusel. Der belgische Anwalt vertritt die Nebenklage im Verfahren gegen A. und seine Mitbeschuldigten. Vanreusel steht im Namen aller potenziellen Opfer des Anschlags neben der Staatsanwaltschaft. F\u00fcr ihn ist der Iran mitangeklagt: &#8220;Er ist die unsichtbare Hand, die den ganzen Plan gelenkt hat.&#8221;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Immerhin wurde der iranische Geheimdienst MOIS zahlreicher politischer Morde und Attentate in den 80er- und 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts \u00fcberf\u00fchrt. Auch im Fall A. scheint sich alles zu einem Geheimdienstkrimi zusammenzuf\u00fcgen, nur mit echten Agenten.<\/p>\n<h3 style=\"text-align: justify;\">Offene Fragen<\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Rekonstruktion der Geheimdienste l\u00e4sst aber Fragen offen. Eine Sprecherin der Austrian Airlines sagt: Mit dem Flug OS872 aus Teheran am 22. Juni 2018 sei &#8220;kein diplomatisches Gep\u00e4ck transportiert worden&#8221;. Das normale Gep\u00e4ck sei vor Abflug von den Beh\u00f6rden des Abflugslandes genau \u00fcberpr\u00fcft worden. &#8220;Wir halten es deshalb f\u00fcr sehr unwahrscheinlich, dass explosives Material auf diesem Weg an Bord eines Flugzeugs gebracht werden kann.&#8221; Das widerspricht den Akten des belgischen Geheimdienstes, der seine Quellen nicht offenlegt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie der VSSE zu diesem Schluss kam, ist ungewiss. Spionageexperte Thomas Riegler kennt das Vorgehen: &#8220;Die Herkunft solcher Erkenntnisse wird nicht ausgewiesen, weil man sonst Quellen offenlegen m\u00fcsste.&#8221; Das Gericht h\u00e4tte sich ein eigenes Bild der Beweislage zu machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und, wo liegt die Rolle der \u00f6sterreichischen Politik und des Verfassungsschutzes in dem Verfahren? Wien ist immerhin zentraler Dreh- und Angelpunkt des Terrorplots. Anfang 2018, wenige Monate vor der Verhaftung des Wiener Diplomaten, kam der \u00f6sterreichische Verfassungsschutz ins Hintertreffen. Die Aff\u00e4re um nordkoreanische P\u00e4sse, die Razzia im BVT, der FP\u00d6-Hardliner Kickl im Innenministerium. Langfristig verlor das BVT im internationalen Netzwerk der Geheimdienste massiv an Vertrauen. Trotz der Turbulenzen um das BVT scheint die Zusammenarbeit der Geheimdienste aber funktioniert zu haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der mutma\u00dfliche iranische Geheimdienstagent A. A. stand schon vor seiner Verhaftung unter Beobachtung des BVT. Das ist nicht \u00fcblich bei Diplomaten, auch nicht bei iranischen. Das Innenministerium und das BVT wollen den Prozess in Belgien auf Anfrage ebenso wenig kommentieren wie das Au\u00dfenministerium. Angesichts der Tragweite eines versuchten Anschlags durch einen Wiener Diplomaten ist die Zur\u00fcckhaltung wenig \u00fcberraschend. Rik Vanreusel, der Anwalt der potenziellen Anschlagsopfer, findet sie aber unangebracht: &#8220;Es ist bekannt, dass \u00d6sterreich immer schon eine spezielle Beziehung zum Iran hatte. Aber vielleicht wird sie sch\u00f6n langsam zu speziell.&#8221; (Christof Mackinger, 19.1.2021)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Belgien steht ein iranischer Diplomat aus Wien vor Gericht. 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