{"id":94,"date":"2014-01-18T16:00:45","date_gmt":"2014-01-18T15:00:45","guid":{"rendered":"http:\/\/iransos.com\/deutsch\/index.php\/2014\/01\/18\/auf-ein-bitterbier-in-teheran\/"},"modified":"2014-01-18T16:00:45","modified_gmt":"2014-01-18T15:00:45","slug":"auf-ein-bitterbier-in-teheran","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/iransos.com\/deutsch\/?p=94","title":{"rendered":"Auf ein Bitterbier in Teheran"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">17. 01. 2014 &#8211; taz.de &#8211; Alkohol ist im Iran streng verboten. Doch wer sich auf die Suche macht, kommt auch in der Islamischen Republik an Bier, Wein und Wodka. Im Supermarkt in Teheran reiht sich eine braune Plastikflasche an die andere: Pfirsichbier, Birnenbier, Melonenbier. Auf dem Etikett steht \u201e0,0 % alcohol\u201c \u2013 schlie\u00dflich sind wir in der Islamischen Republik Iran. Seit die Mullahs im Jahr 1979 die Macht \u00fcbernommen haben, ist den muslimischen B\u00fcrgern das Herstellen von Alkohol, der Verkauf und der Konsum streng verboten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch die Iraner lassen sich davon nicht abhalten. Einen Liter reinen Alkohol trank der durchschnittliche Iraner \u00fcber 15 Jahren im Jahr 2005, sagt die WHO.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist nat\u00fcrlich nur ein Bruchteil der fast 13 Liter, die ein Deutscher pro Jahr vertilgt. Aber immer noch erstaunlich viel f\u00fcr ein Land, in dem auf Alkoholkonsum 80 Peitschenhiebe, Geldbu\u00dfen und eine Gef\u00e4ngnisstrafe stehen \u2013 und beim dritten Vergehen m\u00f6glicherweise sogar die Todesstrafe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Trotzdem gibt es laut der iranischen Polizei mehr als 200.000 Alkoholiker im Gottesstaat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber wie kommen die Iraner an den verbotenen Stoff? Es ist Muharram im Iran, das h\u00f6chste Trauerfest der Schiiten im November. Zehn Tage trauern sie um Imam Hussein, der 680 n. Chr. im Kampf gegen die herrschende Kalifenlinie fiel. Auf den Stra\u00dfen prozessieren die M\u00e4nner in schwarzen Hemden und schlagen sich im Takt der Klagemusik auf die Brust. Manche gei\u00dfeln sich den R\u00fccken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alkohol im heiligen Trauermonat? Wir sind im S\u00fcden des Iran, 30 Kilometer au\u00dferhalb von Schiras, der f\u00fcnftgr\u00f6\u00dften Stadt des Landes. Hier, im Tal von Ghalat, ist vom Gottesstaat nur noch wenig zu sp\u00fcren. Der Sp\u00e4therbst hat die Laubb\u00e4ume orange und rot gef\u00e4rbt. Zwischen den Granatapfelb\u00e4umen essen junge Paare frische Pistazien, ein paar Jugendliche zelten mitten auf dem Weg, der hoch zu den roten Felsen f\u00fchrt. An den felsigen H\u00e4ngen stehen alte Rebst\u00f6cke mit vertrockneten Trauben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Selbst gekelltert<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWollt ihr echten Wein aus Schiras probieren?\u201c, fragt uns ein etwa vierzigj\u00e4hriger Mann, der mit einem Freund durch die Berge wandert. Selbstverst\u00e4ndlich selbst gekeltert, nur ein paar Minuten mit dem Auto entfernt. Er l\u00e4chelt und streckt seine Hand aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber sind die beiden wirklich heimliche Winzer und Wanderfreunde? Oder doch Religionspolizisten in Zivil, die unverheiratete Paare verhaften und aufpassen, dass Frauen ein Kopftuch tragen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Risiko ist uns zu gro\u00df, dankend lehnen wir ab. Zum Abschied gibt der Mann uns noch seine Handynummer, f\u00fcr den Fall, dass wir es uns anders \u00fcberlegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir probieren es lieber im armenischen Klub in Teheran. Denn f\u00fcr die christliche Minderheit im Land gelten Ausnahmen. Genau wie Juden und Zoroastrier d\u00fcrfen sie Alkohol einf\u00fchren und trinken \u2013 solange sie nichts an Muslime verkaufen. Vielleicht auch deshalb schaut uns der Mann am Eingang streng ins Gesicht, bevor er uns das Tor passieren l\u00e4sst. Das Restaurant ist gediegen: Die W\u00e4nde sind mit cremefarbenem Stoff bespannt, vergoldete Wandlampen beleuchten dunkle Holztische. Die Bedienungen tragen ihr Haar offen, in der Lobby zupft sich eine junge S\u00e4ngerin ihr tief ausgeschnittenes schwarzes Cocktailkleid zurecht.<br \/>\u201eAlkohol? F\u00fchren wir leider nicht, Monsieur\u201c, sagt der h\u00f6fliche Kellner im grauen Anzug. Einer seiner Kollegen gesellt sich zu uns. Ja, fr\u00fcher habe man hier auch Alkohol bestellen k\u00f6nnen, sagt er.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber jetzt sei es zu riskant. \u201eWenn sie herausfinden, dass wir Alkohol verkaufen, schlie\u00dfen sie den Club!\u201c Die Privilegien der christlichen Minderheit sind zu wichtig, um sie f\u00fcr einen Rausch zu riskieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man k\u00f6nne aber selber Bier oder Wein mitbringen, wie es die Diplomaten tun, die manchmal hier essen. Warum versuchen wir es nicht einmal in einem der gro\u00dfen Hotels in der N\u00e4he? Dort k\u00f6nnten wir mehr Gl\u00fcck haben, gibt er uns mit auf den Weg, bevor wir uns verabschieden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf der Stra\u00dfe qu\u00e4len sich die Autos durch den Feierabendverkehr, es riecht nach Benzin. Sollen wir wirklich in den Hotels fragen? Manche der gro\u00dfen Hotels werden von der staatlichen Tourismusbeh\u00f6rde betrieben. Dort nach Alkohol zu fragen scheint uns keine gute Idee, zumal in der Trauerzeit Muharram die Strafen auf Alkoholkonsum besonders streng sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Iranerin r\u00e4t uns von dem Vorhaben ab, und wir gehen nach Hause. Unsere letzte Chance ist jetzt: eine Party.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und wir haben Gl\u00fcck. Eine Iranerin feiert mit Freunden und l\u00e4dt uns ein. Das graue Mehrfamilienhaus erinnert an Paris und auch die Wohnung wirkt westlich vertraut: offene K\u00fcche, gro\u00dfes Wohnzimmer mit M\u00f6beln im Siebziger-Design, in der Ecke ein Kamin, in dem blaue Gasflammen W\u00e4rme spenden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Heimliche Kleinbrauer und Winzer<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die anderen G\u00e4ste sitzen schon auf der Couch, im Fernseher dudelt persischer Pop. Auf dem Tisch stehen Schalen mit Erdnussflips und braune Flaschen mit alkoholfreiem Halal-Bier. Aber diesmal enth\u00e4lt es doch Alkohol. Wie ist das m\u00f6glich? Die iranische Gastgeberin grinst: \u201eWir mischen Zucker und Hefe in das alkoholfreie Bier und verg\u00e4ren es in Plastikkanistern.\u201c Nach zehn Tagen enth\u00e4lt das entalkoholisierte Bier wieder Alkohol.<br \/>Das Resultat schmeckt stark und ein wenig bitter. Nur die Hefeablagerungen im Glas erinnern daran, dass es doch kein normales Bier aus dem Supermarkt ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Viele ihrer Freunde verg\u00e4ren das Bier selbst, sagt unsere Gastgeberin. Die Iraner, ein Volk von heimlichen Kleinbrauern und Winzern, die sich das Feiern auch von Ajatollahs nicht verbieten lassen wollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Pl\u00f6tzlich klingelt es an der Haust\u00fcr. Obwohl wir keine weiteren G\u00e4ste erwarten, erschrickt niemand. Ein junger Mann mit Motorradhelm rennt die Treppe herauf. Es ist der Alkohollieferant, der eine Flasche Bordeaux vorbeibringt, per Telefon bestellt. Die Nummer ist ein gut geh\u00fctetes Geheimnis, das man nur mit Freunden teilt, sagt unsere Gastgeberin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wodka und Whiskey f\u00fcr 40 Dollar<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Umgerechnet 20 Dollar muss sie f\u00fcr den Bordeaux auf den Tisch legen, der in einem deutschen Supermarkt wahrscheinlich 4 Euro gekostet h\u00e4tte. Wodka und Whiskey kosten 40 Dollar, aber wer \u00f6fter bestellt, bekommt Rabatt. Die hohen Preise sind hier v\u00f6llig normal. Denn jede Flasche wird aus dem kurdischen Nordirak oder der T\u00fcrkei ins Land geschmuggelt. Zwischen 60 und 80 Millionen Liter Alkohol landen laut einer iranischen Polizeistatistik jedes Jahr auf dem iranischen Schwarzmarkt. Ein Milliardengesch\u00e4ft.<br \/>Der Bordeaux glitzert dunkelrot im Glas und riecht so gut nach Tanninen und Beeren, wie es wohl nur im Iran m\u00f6glich ist. Als wir uns zuprosten, sitzt der junge Mann vom Lieferservice schon wieder auf seinem Motorrad. Es ist Donnerstagabend, Wochenende im Iran, und die Liste der Kunden ist noch lang.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">17. 01. 2014 &#8211; taz.de &#8211; Alkohol ist im Iran streng verboten. Doch wer sich auf die Suche macht, kommt auch in der Islamischen Republik an Bier, Wein und Wodka. Im Supermarkt in Teheran reiht sich eine braune Plastikflasche an die andere: Pfirsichbier, Birnenbier, Melonenbier. Auf dem Etikett steht \u201e0,0 % alcohol\u201c \u2013 schlie\u00dflich sind wir in der Islamischen Republik Iran. 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