Kampagne „Kochen für Soltani“ Sein Platz bleibt frei

5. Januar 2015, SZ – Maede Soltani, 34, lebt in Nürnberg, hier entstand auch die Idee für die Kampagne „Kochen für Soltani“. Menschen laden andere Menschen zu sich nach Hause zum Essen ein, und ein Platz bleibt dabei immer leer: der für den iranischen Menschenrechtsanwalt Abdolfattah Soltani, der im Jahr 2009 den Internationalen Menschenrechtspreis der Stadt Nürnberg zugesprochen bekam – und unter anderem dafür in Teheran zu insgesamt 13 Jahren Gefängnishaft verurteilt worden ist.

SZ: Frau Soltani, in Ihrem Fall sei diese Eingangsfrage erlaubt: Wie geht es Ihnen?
Maede Soltani: Mir geht es gut, wir geben die Hoffnung nicht auf. Und werden nicht aufhören damit, um die Freiheit für politische Gefangene zu kämpfen. Auch für meinen Vater, aber nicht nur für meinen Vater. Wir bekommen fast täglich Nachrichten aus Iran, wie sich Menschen dort für politische Gefangene engagieren. Natürlich erschüttert mich die Situation meines Vaters, seit mehr als drei Jahren ist er ununterbrochen in politischer Haft. Aber wie er und andere Widerstand leisten, und wie sie dabei unterstützt werden von so vielen Menschen: Das macht mich auch stark.
Wie kam es zu der Idee für die Kampagne?
Wir wollten zeigen: Wir denken immer an euch, an euch alle. Wir haben und werden euch nicht vergessen, ihr seid in unserem Herzen. Das ist die Botschaft an die Gefangenen, aber auch ans Regime in Teheran.
Erzählen Sie von dem Projekt.
Es ist sehr emotional. Es gibt Leute in Iran, seien es Aktivisten, Journalisten, religiöse Minderheiten, die in ihren Familien fehlen – und zwar allein deshalb, weil sie das sind, was sie sind. Um darauf aufmerksam zu machen, entstand die Idee, dass Menschen andere Menschen zum Essen zu sich nach Hause einladen. Ein Platz bleibt immer leer. Oft kochen die Leute die Lieblingsspeise eines politischen Gefangenen. Es kann aber auch nur eine Tasse Tee sein oder ein kleines Stück Brot mit Käse, ganz egal. Es geht nur darum zu zeigen: Der Eingeladene kann seine Einladung nicht annehmen. Und überall kann man das sehen auf Facebook, unter „Kochen für #Soltani“. Zum Essen einzuladen, das ist keine strafbare Handlung. Deshalb funktioniert das in Iran genauso wie hier in Bayern.
Eine schöne Idee. Aber auch eine, die Ihnen den Verlust täglich präsent macht.
Das stimmt. Aber ich vermisse meinen Vater ohnehin jeden Tag, wenn ich schlafen gehe, wenn ich koche, immer.
Wie ist die Resonanz?
Ich bin beeindruckt. In Iran machen vor allem Menschen mit, die meinen Vater oder einen anderen politischen Gefangenen gekannt haben. Auch Menschen, die mein Vater als Rechtsanwalt vor Gericht verteidigt hat, solange er das noch konnte und in Freiheit war. Die Nachrichten, die die Menschen aus Iran mit ihren Fotos an uns schicken, sind sehr berührend: Erinnerungen, was mein Vater in Freiheit für sie getan hat. Aber mindestens genauso beeindruckend sind die Einladungen hier in Nürnberg. Da machen Leute mit, die meinen Vater niemals kennengelernt haben. Ihn nur aus den Medien kennen. Das ist ganz wunderbar, ein großes Geschenk für uns.
Wann haben Sie Ihren Vater das letzte Mal gesehen?
2009 war das, vor den Unruhen in Iran, da war er noch in Freiheit. Telefonieren darf ich nur dann mit ihm, wenn er aus der Haft ins Krankenhaus eingeliefert wird. Dann aber auch nur einige Augenblicke. Politische Gefangene in Iran werden schlechter behandelt als andere Gefangene. Wäre mein Vater ein Mörder, hätte er mehr Rechte. Könnte Kontakt halten zu Anwälten oder seiner Familie. Ohne Repressalien.
Haben Sie manchmal Angst, dass der Willen Ihres Vaters gebrochen wird?
Nein, nie. Ich habe dieser Tage mit einem Journalisten telefoniert, er ist inzwischen Exil-Iraner. Er war drei Jahre im selben Gefängnis wie mein Vater, er kennt ihn gut. Er hat mir erzählt: Dein Vater ist einer, der uns allen in der Haft immer eine geistige Stütze war. Nur über seine eigenen Probleme rede mein Vater wenig, hat er gesagt.
Ihr Vater wurde unter anderem verurteilt wegen der Annahme des Nürnberger Menschenrechtspreises. So pervers das ist: Haben Sie den Preis manchmal verflucht?
Zu keiner Sekunde. Auch in meiner Familie denkt keiner so. Es war ja auch noch nie zuvor passiert, dass ein iranischer Bürger wegen so etwas verurteilt worden ist. Man darf da nicht Ursache und Wirkung verwechseln. Der iranische Staat wollte, dass mein Vater in Haft muss. Der Preis aus Nürnberg war für sie nur ein willkürlicher Anlass. Einer von mehreren. Aus deren Sicht musste mein Vater wegen seiner Arbeit als Anwalt aus dem Weg geräumt werden. Je länger, desto besser für sie.
Hat der Nürnberger Preis auch etwas Positives bewirkt?
Selbstverständlich. Mein Vater hat so viel Aufmerksamkeit bekommen. Ich will gar nicht spekulieren, was sie mit ihm machen würden, wenn die Öffentlichkeit nicht mitverfolgen würde, was mit ihm passiert. Es könnte alles noch viel schlimmer sein.
Fühlen Sie sich hinreichend wahrgenommen in Nürnberg, in Bayern?
Oh ja, für uns ist das ein großes Glück. Ich werde nie vergessen, was hier in Nürnberg passierte, als mein Vater in den Hungerstreik getreten ist in Iran. Wenn ich alles erzählen wollte, was in diesen Wochen einige tausend Kilometer weit von Iran entfernt geschehen ist, hier in Nürnberg, dann müsste ich ein Buch schreiben. Die Anwaltskammer, das Menschenrechtsbüro, der Philharmonische Chor, Frauenorganisationen, Parlamentarier, der Oberbürgermeister, ganz normale Bürger: Alle haben sich an der Mahnwache beteiligt. Ich werde in dieser Stadt dauernd auf meinen Vater angesprochen. Das rührt mich sehr.
Sie arbeiten in der Nähe von Nürnberg. Können Sie sich konzentrieren?
Kann ich glücklicherweise. Ich habe es inzwischen geschafft, ein Gleichgewicht herzustellen zwischen meinen beiden Leben. Dem hier in Nürnberg und dem in Gedanken, in Iran. Es hätte bestimmt passieren können, dass ich jeden Tag müde bin, ausgelaugt, konfus. Aber es ist nicht so. Wahrscheinlich hilft es, dass ich hier Freunde gewonnen habe, die mir wie eine Familie sind. Wie meine Mutter, meine Schwester, meine Großmutter. Ich bin nicht allein. Ich teile mein Leid mit den Leuten. Natürlich: Manchmal tut es mir weh, dass ich Leid teilen muss. Aber vielleicht wandelt es sich ja in eine große Freude irgendwann.
Glauben Sie daran, Ihren Vater noch einmal in die Arme schließen zu können?
Ich bin fest davon überzeugt. Und vielleicht schon bald. Wer weiß?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.